Hausen

Alte Flurnamen vor dem Vergessen bewahren

Der Heimat- und Geschichtsverein hat nach den Steinfelder Flurnamen nun jene des Gemeindeteils Hausen erforscht und kartografiert. Auch für Waldzell ist das geplant.
Die alte Postkarte zeigt den Blick auf Hausen in den 1950er Jahren. Hausen war damals ein kleines Dorf, das zum alten Landkreis Karlstadt gehörte und noch stark von der Landwirtschaft geprägt war.
Foto: Repro Martin Loschert | Die alte Postkarte zeigt den Blick auf Hausen in den 1950er Jahren. Hausen war damals ein kleines Dorf, das zum alten Landkreis Karlstadt gehörte und noch stark von der Landwirtschaft geprägt war.

Flurnamen gehen meist bis ins Mittelalter zurück und geben uns einen Einblick in die Lebenswelt unserer Vorfahren. Weitergegeben wurden sie von Generationen zu Generation in der ortstypischen Mundart. Flurnamen entstanden in einer Zeit, in der es oft noch keine Aufzeichnungen gab. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts hielt man die Flurnamen in Katastern und Lageplänen schriftlich fest.

Flurnamen benennen Äcker, Wiesen, Weiden, Wälder, Hügel, Gewässer oder Wege.  Man unterscheidet zwischen Natur- und Kulturnamen. Naturnamen wie Dürrer Rain,  Lachwiesen oder Spitzäcker bezeichnen Flurstücke nach ihren naturgegebenen Verhältnissen. Sie geben Auskunft über die Lage und Gestalt der Flurstücke, über die Tier- und Pflanzenwelt, die Bodenbeschaffenheit eines Grundstücks und Besonderheiten der Landschaft. Dagegen zeigen Kulturnamen wie Lehenäcker, Hofäcker oder Krautgärten an, was der Mensch hier gemacht hat, verraten also beispielsweise, welche Rechts- und Besitzverhältnisse, Arbeitsweisen und Berufe vorherrschten.

Die Volkskundlerin Elisabeth Roth bezeichnete die Flurnamen treffend  als „Sprach- und Geschichtsdenkmäler“, denn sie lassen uns in ihrer Dialektform den Lebensraum und die Lebensumstände unserer Vorfahren besser verstehen. Leider geraten heute viele Flurnamen in Vergessenheit. Die Gründe dafür sind vielfältig: Flurbereinigungen, Ausweisung neuer Wohngebiete, das Sterben der Mundart, der Einsatz digitaler GPS-Daten in der modernen Landwirtschaft und der Rückgang bäuerlicher Betriebe sowie der Zahl der Landwirte, die noch Dialekt beherrschen und über die Herkunft der Flurnamen Bescheid wissen.

Worauf sich die drei Autoren stützten

Der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) Steinfeld–Hausen–Waldzell hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Flurnamen der drei Gemeindeteile zu erforschen und auf Flurkarten einzutragen, um sie so vor dem Vergessen zu bewahren. Nachdem 2012 die Flurkarte für Steinfeld veröffentlicht wurde, folgten nun die Flurnamen von Hausen. Die Autoren Martin Loschert, Gerd und Manuel Reimer vom HGV verwendeten als Grundlage die Hausener Flurkarte und sowie die Flurnamensammlung von Lehrer Karl Dluhosch aus dem Jahr 1948.

Bei vielen Natur- und Kulturnamen ist es nicht so einfach, ihre Bedeutung zu ergründen. Denn die amtliche Form ist häufig irreführend. Zur Klärung eines Flurnamens ist seine Mundartform ganz entscheidend. So heißt zum Beispiel das im Grundbuch als Bauschwiese bezeichnete Flurstück im Hausener Dialekt Bauerschwiese. Dass das Flurstück also von Bauer hergeleitet ist, erkennt man somit nur im Dialekt.

In diesem Fall hilft zum Verständnis auch ein 400 Jahre altes Dokument aus dem Pfarrarchiv. Im „Verzaichnuss alles jährlichen Einkommens der Pfarr Steinfeld“ von 1606 sind die Pfarräcker in Steinfeld, Ansbach, Waldzell und Hausen aufgeführt: Unter den Hausener Flurstücken waren dies Bauers Erben und Stammes Erben, die als Flurnamen Bauerschwiese und Stammackr, Stamm(en)äcker noch heute erhalten geblieben sind. 

Namen "verhochdeutscht" und damit verfälscht

In allen Orten findet man Flurnamen, bei denen die offizielle Schreibweise in den Grundbüchern sich stark von der Dialektform unterscheiden. Zu solchen „verderbten Flurnamen“ kam es, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Flurnamen im Königreich Bayern erfasst und in Grundbüchern schriftlich festgehalten wurden. Dabei hatten die Beamten die Flurnamen „verhochdeutscht“, auf Grund eines Hörfehlers oder weil sie die örtliche Mundart nicht beherrschten. Beispiel: Lössleinäcker (im Dialekt Östlesäcker, also im Osten des Dorfes gelegen). 

Viele Flurnamen veranschaulichen örtliche Gegebenheiten: Bergene, Höhe oder Lindenbühl weisen auf Hügel hin. Bei Buchrain, Mühlrain oder Klingenrain steht Rain für einen Abhang (rain = abschüssig). Rain kann in anderen Fällen auch Ackergrenze (anrainen = angrenzen) bedeuten. Lindengrund oder Bachgrund wiederum weisen auf Bodensenken hin, ebenso Nasse Klinge oder Klingenrain (Klinge=Talschluchte).

Hinweise auf Bodenbeschaffenheit

Auch wie der Boden beschaffen ist, verraten die Flurnamen.  Die Mergeläcker (daus de merchelaga) enthalten kalkhaltigen Ton. Die Saugrießäcker haben sandigen Kies-, Grießboden (saügriessackr). Wasserarmer, trockener, oft unfruchtbarer Boden wird durch die Wörter dürr bestimmt wie bei Dürrer Rain. Auf tonhaltigen Boden und die rote Farbe weisen In der Röthe und Rotenäcker hin.

Dörfliche Idylle im 1950 in der Kirchgasse Hausen mit dem alten Brunnen.
Foto: Reinhard Stamm | Dörfliche Idylle im 1950 in der Kirchgasse Hausen mit dem alten Brunnen.

Naturnamen beschreiben auch Lage, Ausdehnung, Größe und Gestalt der Flurstücke. Vordere oder Hintere Buchäcker geben etwa die Nähe zum Dorf an. Auffällige Bäume wie Am krummen Baum oder Lange Tanne, die besondere Form der Grundstücke wie die Spitzäcker oder ihre Größe (Kurze Gewanne) schlugen sich ebenfalls in ihren Namen nieder.

Der "Gernäcker" erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Er geht zurück auf das Wort Ger, dem Wurfspieß der Germanen. In Waldzell gibt es die Gerenäcker für spitz zulaufende oder dreieckige Flurstücke. Die Lage der Flurstücke wird auch durch die Angabe ihrer Nähe zu Straßen, Wegen und Pfaden bestimmt. Die Heerstraße (heerstroass) an der Grenze zur Gemarkung Wiesenfeld war früher für die Kaufleute ein wichtiger Handelsweg zwischen Würzburg und Frankfurt. 

Auch Bewuchs war namensgebend

Bäume, Gewächse und wildwachsende Pflanzen findet man vielfach in den Flurnamen, beispielsweise in Tannenäcker, Lindenbühl, Birkli, Forst. Strüth und Streitäcker sind abgeleitet vom althochdeutschen "struot" (Gebüsch). Die Walchsäcker an der Wiesenfelder Straße haben ihren Namen von Walch, einer Gräserart. Die Salenbuschäcker erinnern an die Salweiden am Mühlbachgraben. Der Eckersberg heißt in der Mundart egerschberch. Unter Egerde versteht man Brach- oder Ödlanland, bei dem sich Ackerbau wegen der schlechten Bodenqualität nicht (mehr) lohnte.    

Flurnamen stehen auch häufig in Verbindung mit Wasser: Riedwiesen und Riedgraben leiten sich von "hriot" ab (Flurstücke, die mit Schilf und Sumpfgras bewachsen sind). Die Rinnenwiesen bei der Obermühle haben ihren Namen vom Bachbett, einer Vertiefung, worin Wasser rinnt, speziell die Mühlrinne. 

Kirchtürme von Steinfeld und Hausen: Blick vom Weißbildberg.
Foto: Martin Loschert | Kirchtürme von Steinfeld und Hausen: Blick vom Weißbildberg.

Was der Mensch aus der Natur gemacht hat

Viele Flurnamen erinnern daran, dass die Vorfahren die Landschaft für den Ackerbau veränderten. So wurde durch das Roden (reuten) von Wald Neuland gewonnen (Neugereut). In Steinfeld gehören dazu Im Gebrand oder Hohenroth (herroud),  in Waldzell Neuberg oder Neues Land. Die Holzpfadäcker liegen am Weg, der die Steinfelder und Hausener zum Holzmachen ins Gebrand führt.

Wie in jedem Ort gibt es auch in Hausen Krautgärten, auch Kappesland (kappes, Kraut) genannt. Sie lagen in der Nähe des Dorfes am Bach und wurden zum Anbau von Kohl, Rüben und anderen Früchten genutzt. Georgibirnbaum (jörgibirabam) und Lipsenbirnbaum dürften auf einzelne, auffällige Bäume in der Flur zurückgehen, auf den Anbau anderer Kulturpflanzen die Namen Rübenäcker, Erbsenpfad und Weitzenäcker.

Im Lach (loach) und die Lachwiesen (loachwiesä) an der Grenze zu Steinfeld verweisen auf kleine Wasseransammlungen und nasse, aber ertragreiche Wiesen. Mehlingswiesen und Buchwiesen erinnern noch an die Zeit, als das Tal rechts und links des Buchenbaches nur aus Wiesen und Gärten bestand. Bevor die Stallfütterung aufkam, wurde das Vieh auf der Weide gehütet. Damit zu tun haben Namen wie Weidle, Triebweg, Kuhgasse, Saustall (Stall = von stellen, Vieh zum Weiden abstellen) oder Alte Ruh (Ruheplatz für das Vieh).

Flurnamen geben auch Aufschluss über Einfriedungen und Grenzen sowie über Herrschafts- und gewerbliche Verhältnisse. Das Land, das alle Dorfgenossen gemeinsam nutzen durften, hieß die gemeine Mark, Gemein(de) oder Allmende. So die Äcker und Wiesen am Gemeindehagweg oder Auf der Haeg. Im Laufe der Zeit wurden solche Gemeindegründe durch Los verteilt und mit Zaun oder Hecke (Hag), Wall oder Graben umfriedet. Diese umzäunten Äcker hießen dann Beund, Point, Hag  oder Baumgarten.   

Uraufnahme zeigt ein Gatter um das Dorf

Zwar weist kein Flurname darauf hin, dass Hausen im Mittelalter mit einem Zaun oder einer Mauer mit Toren umgeben war, wie Waldzell (Flurnamen Falltor, Birkenstiegel) und Steinfeld (Oberes Thor, Handelsthor). Doch lässt die Uraufnahme von 1840 ein Gatter um das Dorf erkennen, das die Dorf- von der Feldflur trennt. An einem Grenzstein in der Flur lag Am hohen Markstein (hocha markstee).

Die Hofäcker und Hofwiesen gehörten dem Grundherrn, der Herrschaft, ebenso die Lehenäcker und das Lehenhölzle. Die Pacht für die Heiligenäcker und Pfaffenäcker ging an die örtliche Kirche. In Waldzell waren die Saali (Saläcker) im Besitz des Neustadter Klosterhofs, der als Herren- oder Salhof die Grundstücke selbst bewirtschaftete. Aus dem Ertrag der Öläcker wurden in Hausen die Ausgaben für das Kirchenöl bestritten.

Die Hausener Flurkarte lässt noch die alte Einteilung in Gewanne erkennen. Diese geht auf die fränkische Zeit der Dreifelderwirtschaft zurück. Jedes Gewann zerfiel in so viele Äcker, wie es Hofbesitzer gab, die ihre Äcker durch Verlosung bekamen.   

Ausschnitt aus der neuen Flurkarte des HGV (Vorderseite), erstellt von Manuel Reimer.
Foto: Manuel Reimer | Ausschnitt aus der neuen Flurkarte des HGV (Vorderseite), erstellt von Manuel Reimer.

Auf das Gewerbe der Müller im Buchental weisen Mühlbachgraben und Mühlrain hin. Auf der Kohlplatte brannten die Schmiede und Köhler ihre Kohlen, die Schinder verscharrten im Schelmengraben weitab vom Dorf die durch eine Krankheit verendeten Tiere (Schelme, Aas, Seuche). Die Nähe der Bocksäcker zum Wald nutzte der Jäger, um auf das beigetriebene Wild zu schießen. Und aus der Lehmgrube holte man sich den Lehm zum Hausbau.

Flurnamen benennen auch Pfade, Wege und Stege

Die Furtäcker entlang der Straße nach Lohr haben ihren Namen von einer Furt, einer seichten Stelle, an der ein Übergang über den Buchenbach oberhalb der Obermühle möglich war. Der Hausner Steg (om haüsemer steech) am heutigen Kreisel war eine kleine Brücke über den Kimpfengraben und bildete gleichzeitig die Gemarkungsgrenze zu Steinfeld. Der Judenpfad entlang der Gemarkungsgrenze führte die Juden aus Wiesenfeld zu Friedhof und Glaubensbrüdern in Karbach und Urspringen.

Die überwiegende Zahl der Flurnamen vermittelt den ehemals bäuerlichen Charakter des Dorfes. Heute gibt es in Hausen nur noch wenige, die über alte Flurnamen, ihre Mundart und Herkunft Bescheid wissen. Doch Flurnamen können uns viel erzählen und sind es wert, vor dem Vergessen bewahrt zu werden.

Literatur und Quellen:  Joseph Schnetz, Flurnamenkunde, München 1963. Remigius Vollmann, Flurnamensammlung, München 1926. Karl Josef Barthels, Steinfeld bei Lohr, 2. Heft, Lohr 1957. Verband für Orts- und Flurnamenforschung in Bayern, Hausen-K, Manuskript mit Liste der Flurnamen im Hausener Dialekt und Faustskizze von Karl Dluhosch, München, 1948. Dr. Elisabeth Roth, Flurnamen als Sprach- und Geschichtsdenkmäler, in: Chronik von Hösbach.

Einen ausführlicheren Text mit den Flurnamen der drei Ortsteile und viele Bilder finden Sie unter https://www.hgv-steinfeld.de/steinfeld-flurnamen.html

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