Karlstadt

Andreas Bodenstein aus Karlstadt: Der unterschätzte Reformer

Der gebürtige Karlstadter Andreas Bodenstein steht heute im Schatten von Martin Luther. Dabei war er ein Weggefährte, stand im Rang sogar über ihm. Dann gab es Streit.
Andreas Bodenstein, gemalt in Öl im Original von Lucas Cranach, kopiert in Acryl von Wolfgang Merklein.
Foto: Klaus Gimmler | Andreas Bodenstein, gemalt in Öl im Original von Lucas Cranach, kopiert in Acryl von Wolfgang Merklein.

Das Historiendrama "Luther" ist ein bemerkenswerter Film. Die deutsch-amerikanische Co-Produktion beschreibt die Lebensgeschichte von Martin Luther mit Joseph Fiennes in der Hauptrolle. Auch Andreas Bodenstein kommt darin vor, der sich nach seinem Geburtsort Dr. Carlstadt nennt. In Wittenberg ist Carlstadt der Doktorvater von Martin Luther, er steht im Rang sogar über ihm. Anfangs fördert Carlstadt den aufrührerischen Luther, später stellt er sich gegen ihn, weil ihm dessen Reformen nicht weit genug gehen. Die Machtprobe verliert Carlstadt. Luther vertreibt ihn aus Wittenberg.

So ist es im Film, der sich im Großen und Ganzen an die geschichtlich überlieferten Fakten hält. Aber man weiß, dass Historiendramen leicht zum klischeehaften Überzeichnen von Persönlichkeiten neigen. Also, wer war Andreas Bodenstein? Ein Bilderstürmer, ein Schwärmer oder doch ein bedeutender Reformator? Was ist bekannt?

Der Reihe nach: Geboren wurde der – zeitweise – Weggefährte von Martin Luther 1486 in Karlstadt. Das Geburtshaus von Bodenstein, der sich später nach seiner Geburtsstadt benannte, wurde Anfang der 1960er Jahre abgerissen. Nur eine Tafel mit dem Hinweis an dem Haus in der Alten Bahnhofsstraße deutet auf den Reformator hin.

Thesenanschlag vor Luther

Andreas Bodenstein, Abbildung in 'Illustrierte Geschichte der frühbürgerlichen Revolution'.
Foto: Universitätsbibliothek Basel | Andreas Bodenstein, Abbildung in "Illustrierte Geschichte der frühbürgerlichen Revolution".

Martin Luther, der heute als der Reformator schlechthin gilt, schlug seine 95 Thesen am 31. Oktober 1517 an der Schlosskirche zu Wittenberg an. Dies gilt als Beginn der Reformation. Bodenstein ist aber Luther zuvorgekommen. Sein Thesenanschlag an die Schlosskirche zu Wittenberg am 26. April 1517 – ein halbes Jahr vor Luther – ist geschichtlich verbürgt. Mit 152 Thesen ging Bodenstein an die Öffentlichkeit, mit denen er sich an die Spitze der reformatorischen Bewegung setzte. Thesen an der Kirchentüre publik zu machen, war damals ein übliches akademisches Verfahren. Bodenstein alias Dr. Carlstadt war zu dieser Zeit in Wittenberg Dekan. 

Aus Briefen ist belegt, dass Luther die Thesen von Bodenstein begrüßte. Er habe Respekt vor einer großartigen Leistung, so zitiert ihn Michael Gorissen in einer wissenschaftlichen Arbeit, in der er die beiden Reformatoren vergleicht.

Gorissen zieht das Fazit, dass zu Beginn der Reformation Bodenstein und Luther sich gegenseitig in ihren reformatorischen Aktionen unterstützt hätten. Der gemeinsame Feind habe sie zusammengeschweißt. Dass die ganze Welt Luther kennt und Bodenstein ihm gegenüber nur eine Randfigur ist, hat einen einfachen Grund. Luther war wohl die deutlich charismatischere Figur, er war wortgewaltiger und durchsetzungsfähiger als Bodenstein.

Warum Bodenstein letztlich das Nachsehen hatte

Dann kam es 1518 zur Leipziger Disputation, die Luther zur prägenden Figur der Reformation werden ließ. Es handelte sich dabei um ein akademisches Streitgespräch zwischen dem Ingolstädter Theologieprofessor Johannes Eck als Herausforderer und den Wittenberger Theologieprofessoren Bodenstein und Luther als Verteidigern. Die beiden Reformatoren waren aufgefordert, ihre Wittenberger Theologie zu verteidigen. Zunächst diskutierte Eck als Vertreter der Papstkirche mit Bodenstein über kirchliche Grundsätze.

Historiker sind sich einig, dass Bodenstein Eck aber nicht gewachsen gewesen war. In der Disputation erwies sich Eck als besserer Redner und ordnete seine Gedanken logischer und schneller als Bodenstein. Dieser ließ sich verunsichern und „schlug immer wieder in Büchern nach und raschelte mit Zetteln“, schreibt Gorissen. Bodenstein wollte nichts behaupten, was er nicht mit Büchern belegen konnte. Die Disputation fuhr sich fest und daher trat schließlich Luther auf den Kampfplatz, um Bodenstein, seinen Freund und Mitstreiter, zu verteidigen.

Und so übernahm Luther die Wortführung. Der Streit zwischen katholischer Kirche und den Reformatoren konzentrierte sich zunehmend auf ihn. Dazu trug später dessen berühmter Auftritt vor dem Wormser Reichstag bei, als er vor dem Kaiser Karl V. seine Lehre widerrufen sollte, aber, so wird erzählt, mit den Worten widerstand: "Hier stehe ich und kann nicht anders."  Luther hatte mit Kurfürst Friedrich von Sachsen einen mächtigen Verbündeten.

Gegen Zölibat und gegen Bilder in der Kirche

Während Luther sich auf der Wartburg verstecken musste und als Junker Jörg die Bibel übersetzte, setzte Andreas Bodenstein in Wittenberg sein reformatorisches Wirken fort. Er wurde zum wichtigsten Protagonisten der Wittenberger Bewegung. Bodenstein alias Dr. Carlstadt predigte konsequent die Erneuerung des Gottesdienstes. Er wandte sich auch gegen Bilder in der Kirche. Diese würden von der Andacht ablenken und nichts, so der Kern der reformatorischen Thesen, solle zwischen den Gläubigen und Gott stehen. 

Unter anderem feierte Bodenstein Weihnachten 1521 eine Messe auf Deutsch und in weltlicher Kleidung. Es erschien sein Traktat, mit dem er sich gegen den Zölibat richtet – denn nirgendwo in der Bibel stehe geschrieben, dass Pfarrer nicht heiraten dürften. Bodenstein heiratete. 

Doch diese Veränderungen führten zu Unruhe und Missstimmung in der Bevölkerung. Um die Lage zu beruhigen, rief Kurfürst Friedrich Martin Luther von der Wartburg zurück nach Wittenberg. Luther riss die Zügel der Reformbewegung an sich, predigte gegen den Aufruhr. Er kritisierte die Umsetzung der reformatorischen Gedanken durch Bodenstein, da jener keine Rücksicht auf die Schwachen genommen habe. Zugleich stellte Luther die alten gottesdienstlichen Formen wieder her und setzte ein Predigtverbot für Bodenstein sowie eine Zensur und Beschlagnahme seiner Schriften durch die Universität durch.

Bodenstein verließ Wittenberg

Missmutig reifte bei Bodenstein daher der Entschluss, die akademische und klerikale Karriere in Wittenberg zu beenden. Doch seinen Überzeugungen blieb er treu und versuchte sie als Gemeindepastor in Orlamünde (heutiges Thüringen) zu verwirklichen. Er setzte das Reformmodell des Laienchristentums um. Er ließ Bilder und Skulpturen aus der Kirche entfernen und verzichtete auf Zehntabgaben des Kirchenvolks.

Bodenstein führte Gesprächskreise zur Vertiefung des Glaubens und zur Auslegung der Bibel ein, schaffte die Kindertaufe ab und feierte das Abendmahl mit Brot und Wein. Und wieder geriet Bodenstein  in Konflikt mit Luther, der in ihm einen Anhänger von Thomas Münzer sah. Luther betrieb dessen Absetzung und Ausweisung.

Sandsteinsäule erinnert an den Reformator Andreas Bodenstein.
Foto: Jürgen Kamm | Sandsteinsäule erinnert an den Reformator Andreas Bodenstein.

Für Andreas Bodenstein begann eine schwere Zeit. Er ging auf Wanderschaft durch verschiedene Städte. Unter anderem fand er in Rothenburg ob der Tauber Unterschlupf und hielt sich auch wieder kurze Zeit in Karlstadt auf, der Stadt seiner Kindheit. Hier feierte er 1525 die erste evangelische Predigt in der Pfarrkirche St. Andreas. Nach vielen Stationen – zwischenzeitlich gab es auch eine Aussöhnung mit Luther – kam er schließlich als Dozent und Pfarrer nach Basel und wurde Rektor der dortigen Universität. Er starb in der Weihnachtsnacht 1541 an der Pest.

Zum 500. Jahr der Reformation hatte das „Stadtgeschichtliche Museum“ in Karlstadt den Reformator mit einer Sonderausstellung „Andreas Bodenstein, genannt Dr. Carlstadt und die Reformation in Deutschland“  gewürdigt. Zudem erinnert eine zwei Meter hohen Sandsteinsäulean der Ecke Hauptstraße/Jahnanlage an den Reformator Andreas Bodenstein als großen Sohn der Stadt Karlstadt.

Literatur: Gorissen, Michael: "Andreas Bodenstein zu Karlstadt und Martin Luther", Studienarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Geschichte, Düsseldorf.

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