Gemünden

Die Scherenburg gibt Rätsel auf

Aus der Geschichte Main-Spessarts (29): Wann entstand das Gemäuer in Gemünden und wer war der Erbauer? Aufgrund des Zustands der Ruine herrscht Handlungsbedarf.
Wie lange thront die Scherenburg wohl schon über Gemünden?
Foto: Johannes Kiefer | Wie lange thront die Scherenburg wohl schon über Gemünden?

Die Scherenburg mit ihrem markanten Bergfried ist das Wahrzeichen Gemündens. Über die Ringmauer ist sie mit der Stadt verbunden. Seit Jahrhunderten thront sie über Gemünden, vom Marktplatz aus ist sie nach einem kurzen Anstieg erreicht. Der dreigeschossige runde Bergfried, an den sich die Überreste eines rechteckigen Wohnbaues anschließen, hat einen Durchmesser von fast acht Metern. Früher einmal hatte er oben einen umlaufenden hölzernen Wehrgang. Der Eingang zum Turm befand sich in etwa zwölf Meter Höhe. Auch das Burgverließ ist noch vorhanden. Dort hinein kam man über das kreisrunde sogenannte "Angstloch" im Untergeschoss des Turms.

Gemündens Altstadt mit St. Peter und Paul, Scherenburg, Hexenturm und Ronkarzgarten (von links).
Foto: Michael Mahr | Gemündens Altstadt mit St. Peter und Paul, Scherenburg, Hexenturm und Ronkarzgarten (von links).

Wie lange genau die Scherenburg schon steht, das weiß im Moment niemand zu sagen. Die Anfänge der Burg liegen im Dunkeln der Geschichte. Vermutlich wurde sie von den Grafen von Rieneck erbaut, aber ob schon im 13. oder erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts lässt sich anhand der Quellen nicht genau sagen. Sicher ist nur: Sie wurde ursprünglich nicht als Kulisse für Festspiele errichtet.

Der Streit zwischen den Rieneckern und Würzburg

Die Rienecker Gräfin Adelheid und ihre Söhne gingen 1243 als Verlierer einer jahrelangen Fehde mit dem Fürstbischof von Würzburg vom Feld. In der Urkunde, in der Gemünden zum ersten Mal erwähnt wird, steht auch etwas von der sagenumwobenen Slorburg, deren Überreste sich oberhalb der Scherenburg befinden: Der Würzburger Bischof Hermann von Lobdeburg hatte sie, wohl im Kampf gegen Rieneck, erbauen lassen und ließ sie auch wieder abreißen, ist dort zu lesen.

Im Gegenzug musste die Rienecker Gräfin ihre auf Schönrain errichtete Burg schleifen und wurde gezwungen, Würzburg halb Gemünden und zwei Teile des Berges oberhalb des Dorfes, das Gemünden damals noch war, als Lehen zu übertragen. So bekam Würzburg erstmals eine "Stadt" der Rienecker in die Hand, wie Historiker Theodor Ruf in seiner Doktorarbeit über die Grafen von Rieneck schrieb.

Gemünden und die Scherenburg in einer künstlerischen Rekonstruktion der 2008 verstorbenen Künstlerin Olga Knoblach-Wolff.
Foto: Olga Knoblach-Wolff | Gemünden und die Scherenburg in einer künstlerischen Rekonstruktion der 2008 verstorbenen Künstlerin Olga Knoblach-Wolff.

Gab es die Scherenburg schon, als die Slorburg noch stand?

Der aus Gambach stammende und für das Landesamt für Denkmalpflege tätige Archäologe Ralf Obst hält es für denkbar, dass die Slorburg zur Belagerung der Scherenburg errichtet wurde. Allerdings ist in der Urkunde keine Rede von der Scherenburg. Gab es die damals schon? Wenn man die Urkunde von 1243 kennt, fragt man sich, wo die Scherenburg, die freilich noch nicht von Anfang so hieß, überhaupt herkommt. Denn in dem Vertrag verpflichteten sich beide Seiten, auf dem Slorberch, wie der Schlossberg dort genannt wird, keine Befestigung mehr zu errichten.

Interessant ist außerdem die Frage, ob die heute Slorburg genannten Befestigungsreste tatsächlich das in der Urkunde erwähnte "castrum Slorberch" sind. Oder war das "castrum Slorberch" vielleicht doch ein Vorgängerbau der Scherenburg und die Slorburg-Reste weiter oben sind womöglich älter? Der Allgäuer Burgenforscher Joachim Zeune, der schon die Homburg untersucht hat, findet in einer Ferndiagnose für die Redaktion, dass die Slorburg keine frühmittelalterlichen Bauformen zeigt, was schon behauptet wurde und was sie älter machen würde. Es scheint sich, so Zeune, vielmehr um eine temporär und hastig angelegte Burganlage zu handeln, was sehr dafür spräche, dass die als Slorburg bezeichneten Reste tatsächlich "castrum Slorberch" sind.

Gemünden mit seinem Wahrzeichen.
Foto: Ferdinand Heilgenthal | Gemünden mit seinem Wahrzeichen.

Ohne archäologische Untersuchungen wird man bei vielen Fragen rund um die Slorburg und die Scherenburg aber nicht weiterkommen. Noch eine interessante Tatsache: In einem Acker über der Scherenburg, etwa 30 Meter östlich, sollen im 19. Jahrhundert Fundamente eines Mauerturms gefunden worden sein. Der Acker ist zu einem Weinberg umgestaltet und mit Erde aufgefüllt worden.

Erster Hinweis auf die Scherenburg von 1317

1278 hat der damalige Würzburger Bischof Berthold II. die Grafen von Rieneck mit den Häusern, die sie in Gemünden erbaut hatten, sowie mit der halben Stadt und der Hälfte des Schlossberges belehnt. Aus dem Jahr 1317 stammt der erste Hinweis auf die Scherenburg. Damals erhielt Graf Ludwig V. der Jüngere von Bischof Gottfried zu Würzburg laut dem Lehenbuch des Fürstbischofs Stadt und Schloss Gemünden als Lehen, daneben noch Wernfeld, Leinach, Retzbach, Rothenfels, Neustadt, Rimpar, Schloss und die Cent von Mittelried und Langenberg.

Die Scherenburg müsste entsprechend zwischen 1278 und 1317 errichtet worden sein. Vielleicht doch vom Bischof von Würzburg, wenn er die Burg als Lehen vergibt? Womöglich mit dem hohen Bergfried als sichtbares Zeichen, wer nun die Macht im Raum hat? Dass die Rienecker als Erbauer gelten, aber der Bischof sie als Lehen vergibt, müsse kein Widerspruch sein, meint Gemündens Kreisheimatpfleger Bruno Schneider. Es sei des Öfteren passiert, dass man sein "Eigentum" einem Lehensherrn, als Schutzherrn, angetragen und es wieder zum Lehen erhalten habe.

1333 hat der Bischof Kraft von Hohenlohe mit der Hälfte von Stadt und Burg Gemünden belehnt. Nach dem Tod des Grafen verkaufte seine Tochter Udalhild ihre Erbansprüche an Gemünden und Rothenfels an Kaiser Ludwig den Bayern. Die älteste erhaltene Urkunde, in der die Scherenburg erwähnt ist, stammt laut Kreisheimatpfleger Schneider von 1342. Damals fallen die Burgen Rothenfels und Gemünden an Bischof Otto von Würzburg, indem Kaiser Ludwig der Bayer und seine Söhne Ludwig und Stephan ihre Ansprüche von zwei Dritteln an den Vesten an den Würzburger Bischof verpfänden.

Ein Bild von den Scherenburgfestspielen 2004.
Foto: Bernhard Radon | Ein Bild von den Scherenburgfestspielen 2004.

Scherenburg heißt erst seit 15. Jahrhundert so

Die Scherenburg, die noch nicht so hieß, wechselte einige Male den Besitzer und hatte oft mehrere Eigentümer gleichzeitig. Verschiedene Grafen, darunter die Rienecker, der Würzburger Bischof und auch ein Kaiser nannten über die Jahre Teile Gemündens und seiner Burg ihr Eigen. Die genauen Besitzverhältnisse wirken auf uns heute oft verwirrend. Nach 1342 gab es um Gemünden und Rothenfels immer wieder Streit zwischen den Erben Kaiser Ludwigs und dem Hochstift Würzburg, die Gemünden ihrerseits immer wieder weiter verpfändeten. Wohl erst seit die Burg 1469 unter Bischof Rudolf von Scherenberg endgültig an das Hochstift Würzburg kam, heißt sie "Scherenburg". Dabei ist nicht bekannt, dass Scherenberg eine besondere Beziehung zur Burg gehabt hätte.

Die Scherenburg war Sitz des Würzburger Amtmannes, bis das Amt 1598 in das neu erbaute Haus am Fischmarkt verlegt wurde. Im Bauernkrieg 1525 blieb die Burg gerade so verschont. Der damalige Würzburger Amtmann Friedrich von Schlitz ergriff zwar die Flucht, als ein paar Bauern aufbegehrten, aber die Burg zerstörten sie nicht, obwohl sie von Karlstadter Bürgern dazu angespornt worden sein sollen. Auch danach blieb die Burg von Überfällen so gut wie verschont.

Schon 1704 war vom "eingefallenen Schlößlein" die Rede

Bis ins 18. Jahrhundert war sie noch bewohnbar, von 1732 etwa ist eine Trauung in der Burgkapelle bekannt, deren Standort heute unbekannt ist. Getraut wurden der edle Herr Georg Ernst von Hettersdorf und die edle Maria Josepha Augusta von Milchling. Schon in einer Gemündener Amtsrechnung von 1704 heißt es jedoch: "930 alte Ziegel wurden aus dem eingefallenen Schlößlein zu Gemünden zusammen getragen und wurden für gut befunden." Das Holz und die Dachschiefer der Türme verkaufte man den Gemündenern später auf Abbruch.

1825 wird der innere Schlossgarten mit der alten Ruine für 400 Gulden an den Gemündener Gutsbesitzer und Magistratsrat Johann Vogt verkauft. 1835 geht der äußere Schlossgarten für 52 Gulden an den königlichen Landphysikus Heinrich Ronkarz über. Die Ruine gehörte danach Erben des 1875 verstorbenen Arztes Adolf Hartmann. Seit 1965 ist die Ruine Eigentum der Stadt Gemünden.

Die Burg thront über der Stadt und ist Heimat der Scherenburgfestspiele.
Foto: Michael Fillies | Die Burg thront über der Stadt und ist Heimat der Scherenburgfestspiele.

Die ersten Burgfestspiele fanden von 1909 bis 1911 statt

1909 bis 1911 fanden die erste Burgfestspiele auf der Scherenburg statt, nachdem man sich in Gemünden schon jahrelang mit dem Vorhaben beschäftigt hatte. Zu jeder Theateraufführung des Stücks "Das Schlüsselfräulein" wurde ein historischer Festzug mit 300 Mitwirkenden auf die Beine gestellt, der sich, angeführt vom Herold und Fanfarenbläsern zu Pferde, von Kleingemünden über die Saalebrücke durch die Stadt hinauf zur Burg bewegte.

Die Festspiele zogen zwar Prominenz an, so besuchten 1910 Großfürst Michail Romanow aus Russland und Fürst von Thurn und Taxis eine Vorstellung, und auch aus Frankreich, England, Norwegen, Schweden, Dänemark und Amerika sollen Besucher gekommen sein, aber finanziell waren sie ein Desaster. 1989 dann gab es unter Bürgermeister Hans Michelbach einen Neubeginn der Scherenburgfestspiele. Seitdem finden sie im Innenhof der Burg statt, bald jedoch sollen sie hinter die Burg umziehen, wo eine neue Festspielstätte entstehen soll.

Vandalismus auf der Burg

Der Burgkeller, ein zweischiffiges Kreuzgewölbe unter dem Burghof, das auf sechs Rundsäulen und zwei rechteckigen Pfeilern ruht, ist heute in der Festspielzeit bewirtet. 1995 war in den Burgkeller eingebrochen und Feuer gelegt worden, so dass die Statik gefährdet war: Der Keller bekam eine Stahlbetonhaube. 2002 hat die Stadt den Burgkeller und die Toilettenanlagen für 280 000 Euro renoviert. 

2015 musste eine Mauer der Scherenburg geflickt werden.
Foto: Björn Kohlhepp | 2015 musste eine Mauer der Scherenburg geflickt werden.

Dass Vandalismus kein neues Phänomen ist, zeigt eine Meldung im Gemündener Anzeiger. Am 12. März 1914 stand dort zu lesen: "In letzter Zeit konnte man beobachten, daß wieder verschiedene Demolierungen auf der Scherenburg verübt wurden. Die Schenke wurde aufgebrochen, Gläser und Krüge herausgeworfen, das am Burgrande angebrachte Geländer herausgerissen und hinabgeworfen und sonstiger Unfug verübt." Am 20. Mai 1914 schrieb der Anzeiger: "Leider hat man in der letzten Zeit schon wieder Demolierungen wahrgenommen und wurde u.a. das Burgtor erbrochen und beschädigt. Möchte es doch endlich einmal gelingen die vermutlichen Täter bei solchen Gelegenheiten zu erwischen, damit ihnen der gebührende Lohn zuteil wird. Möchte aber auch das Publikum seinen Teil dazu beitragen, daß den vom Verschönerungsverein Gemünden mit so großen Geldopfern geschaffenen Anlagen, Ruheplätze usw. der nötige Schutz zuteil wird."

Ein Blick hinter die Kulissen der Scherenburgfestspiele 2019.
Foto: Günter Roth | Ein Blick hinter die Kulissen der Scherenburgfestspiele 2019.

Wie steht es jetzt um das alte Gemäuer? 2019 wurde ein Ingenieurbüro mit der Prüfung beauftragt. Die Ergebnisse, im Dezember dem Gemündener Stadtrat präsentiert, fielen für die verschiedenen Teile der Burg unterschiedlich aus. Während sich der Bergfried wie auch der markante Stufengiebel im nördlichen Eck in einem guten Zustand zeigt, wird die südliche Ringmauer mit Tor, die 2015 erst geflickt wurde, als ungenügend eingestuft, der darunter anschließende Teil der Ringmauer sogar als mangelhaft. Auch der Zustand  der nördlichen Schenkelmauer hinab zum Mühltorturm in Richtung Schönau bekam ein "mangelhaft". Die Stadt Gemünden will das Dringlichste zuerst erledigen, klärt zunächst einmal Zuschussmöglichkeiten und erarbeitet einen mittelfristigen Sanierungsplan. Zum Teil bedeutet eine Sanierung wohl: abreißen und neu aufbauen, so Bauamtsleiter Jörg Breitenbach.

Literatur: Theodor Ruf: Die Grafen von Rieneck Genealogie und Territorienbildung, Würzburg 1984; Michael Wieland: Beiträge zur Geschichte der Grafen, Grafschaft, Burg und Stadt Rieneck, Würzburg 1869;  Friedrich Carl Stelzner: Historische Nachrichten über die Stadt Gemünden und die Nachbarorte Schaippach, Schönau, Seyfriedsburg und Adelsberg, Lohr a. Main, 1888

Rekonstruktion der Scherenburg: https://www.stadt-gemuenden.de/seite/de/main-spessart/0162:173/-/Geschichte.html#:~:text=Als%20zentral%C3%B6rtlich%20strukturiertes%20Amts%2D%20und,Mauer%2D%20und%20Turmbewehrung%20weitgehend%20intakt. (Olga Knoblach-Wolff, s. Wikipedia) und https://burglandschaft.de/wordpress/wp-content/uploads/2021/01/Folder_Scherenburg_HP.pdf

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