Wiesenfeld

Der Dorfladen boomt: Die bessere Wahl in Corona-Zeiten?

Regional, saisonal, vor der Haustür: Corona beeinflusst unser Einkaufsverhalten – zum Vorteil der Dorfläden. Drei Experten erklären, was Dorfladen und Discounter unterscheidet.
Hoher Besuch im Wiesenfelder Dorfladen 2018: Die Bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (Zweite von links)  ließ sich von Ramona Müller (Mitte) den Dorfladen zeigen. Außerdem im Bild: Kreisbäuerin Maria Hoßmann, der Landtagsabgeordnete Thorsten Schwab, Michael Hombach, damals Stadtrat von Karlstadt, und Reinhard Wolz, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes.
Foto: Josef Riedmann | Hoher Besuch im Wiesenfelder Dorfladen 2018: Die Bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (Zweite von links)  ließ sich von Ramona Müller (Mitte) den Dorfladen zeigen.

"Früher war der Friedhof Treffpunkt und Kommunikationszentrale im Ort, heute ist es der Dorfladen", sagt Ramona Müller. Sie gehörte von Beginn an zum Arbeitskreis, der den Wiesenfelder "Dorfladen am Gutshof" organisiert. In der Anfangszeit gehörte noch ein Auto zum Konzept des Geschäfts, mit dem Bestellungen ausgeliefert werden sollten – doch der Service wurde so selten in Anspruch genommen, dass er schließlich eingestellt wurde. "Unsere Kunden wollten viel lieber selber nach Wiesenfeld kommen – dort trifft man schließlich immer Bekannte."

Mit Beginn der Corona-Pandemie führte der Dorfladen das Lieferauto wieder ein. Innerhalb kürzester Zeit hatten sich 20 freiwillige Ausliefer-Fahrer gemeldet. Die Nachfrage war groß: "Vor allem ältere Leute haben den Service genutzt. Wir haben sogar Dankesbriefe erhalten", erzählt Müller. Für den Laden konstruierte ein Wiesenfelder Tüftler schnell eine Einlasskontrolle mit Lichtschranke, damit sich nicht zu viele Kunden gleichzeitig im Gebäude aufhalten.

"Im Dorfladen ging das Toilettenpapier seltener aus."
Peter Feldbauer, Fachberater Dorfladen-Netzwerk

Die Corona-Pandemie hat den Dorfläden in Bayern und Main-Spessart in die Karten gespielt, weiß auch Peter Feldbauer, der als Fachberater für das Dorfladen-Netzwerk tätig ist und privat am Aufbau des Dorfladens in Retzstadt beteiligt ist. "Durch Corona werden die Dorfläden noch mehr frequentiert, dieser Effekt hält seit Beginn der Pandemie an", sagt er. Durch engen, häufigen Kontakt mit ihren Lieferanten könnte diese Geschäfte schnell auf Veränderungen in der Nachfrage reagieren, "von gestern auf morgen" könne man Nachschub bestellen: "In den Dorfläden war das Toilettenpapier seltener aus", so Feldbauer. 

Dorfläden reagieren schnell in der Pandemie

Feldbauer ist gelernter Einzelhandelskaufmann, war unter anderem für Walmart und Globus tätig. Hauptberuflich arbeitet er heute in einer Handelsagentur, die die Lieferanten des Lebensmitteleinzelhandels vertritt. Als Fachberater unterstützt er die Dorfläden dort, wo sie seine Hilfe anfordern, zum Beispiel, um das Sortiment des Ladens zu optimieren. "Ein Dorfladen mit Allerweltsprodukten funktioniert nicht – als Delikatessenladen darf er aber auch nicht wahrgenommen werden", sagt Feldbauer. Zwei Drittel konventionelle Produkte, ein Drittel regionale Erzeugnisse, die es beim großen Mitbewerber nicht gibt, so etwa lautet seine Faustformel.

Auch Hildegard Müller, Geschäftsführerin von "Unser Lädle" in Gräfendorf, beobachtet, dass ihre Kunden seit Corona noch lieber regional einkaufen. "Unsere Frischetheke wird besonders gut angenommen", sagt Müller. Das Gräfendorfer Geschäft war der erste Dorfladen im Landkreis, er entstand 2012 in einer ehemaligen Schlecker-Filiale.

Zur Eröffnung des Gräfendorfer Ladens kam 2012 auch der Bayerische Rundfunk.
Foto: Wolfgang Schelbert | Zur Eröffnung des Gräfendorfer Ladens kam 2012 auch der Bayerische Rundfunk.

Müller und ihr Team bemühen sich, auf Wünsche ihrer Kunden zu reagieren. Gab es dort bisher nur einzelne Wasserflaschen zu kaufen, gibt es neuerdings auch ganze Kisten bestimmter Marken. "Wir haben häufig die Rückmeldung bekommen, dass unsere Kunden nach dem Einkauf im Dorfladen nicht allein für die Getränke noch nach Gemünden fahren möchten." In Gräfendorf, sagt Hildegard Müller, lebe man ohnehin schon ein bisschen wie in Quarantäne – schließlich ist Gräfendorf eine der wenigen Gemeinden, in der es (Stand Ende Oktober) noch keinen Corona-Fall gab.

Wer diese "Quarantäne" nicht verlassen will, findet in den Dorfläden ein volles Sortiment: 1000 bis 1500 Artikel hat ein Dorfladen im Schnitt im Regal. In Aura und Gemünden übernehmen die Läden bald noch eine wichtige Funktion für ihre Kunden: Nach dem Rückzug der Sparkasse können Kunden nun in den Läden Geld abheben.

Hildegard Müller hat ein klares Ziel für das Gräfendorfer Lädle: "Wir wollen weg vom Image 'Da kaufe ich nur, was ich vergessen habe.'" Der Fachberater Peter Feldbauer sagt aus seiner Erfahrung: "Auch treue Dorfladenkunden kaufen im Schnitt ein Mal im Monat bei der Konkurrenz ein."

Cafébetrieb nur eingeschränkt möglich

Zum Dorfladen kommen die Kunden aber nicht nur wegen der regionalen Produkte, sondern auch für den Austausch mit dem Personal und anderen Kunden. Oft ist daher ein kleines Café an die Dorfläden angeschlossen, so wie in Gräfendorf und Wiesenfeld. "Das spielt für den Umsatz des Ladens oft keine große Rolle", weiß der Experte Peter Feldbauer, "ist aber für den Dorfladen als Treffpunkt im Ort sehr wichtig." Der Cafébetrieb war durch Corona im letzten halben Jahr allerdings auch nur eingeschränkt möglich, jetzt ruht er für die nächsten vier Wochen komplett.

Ob der zweite "Lockdown light" den Dorfläden noch mehr neue Kunden beschert, wird sich zeigen. "Main-Spessart hat sehr gute Dorfläden", sagt der Fachberater Peter Feldbauer. Aber: "Ein Dorfladen ist nirgendwo ein Selbstläufer."

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