Lohr

Eine echte Erthal aus Brasilien

Den Apfel hat sie selbst mitgebracht: Marcelle Erthal aus Brasilien vor dem Lohrer Schloss, dem Amtssitz von Philipp Christoph von Erthal.
Foto: Roland Pleier | Den Apfel hat sie selbst mitgebracht: Marcelle Erthal aus Brasilien vor dem Lohrer Schloss, dem Amtssitz von Philipp Christoph von Erthal.

Irgendwann hat sie Wind bekommen von Schneewittchen und dessen Verbindung zu Lohr. Das Märchen, verwurzelt in der deutschen Geschichte, ist weltweit bekannt. In Windeseile hat sich auch die ein oder andere Geschichte herumgesprochen, die sich daraus entwickelt hat. Wie Lohr zur Schneewittchen-Stadt wurde, wie der Entwurf des Wittstadt'schen Figur für Aufruhr sorgte und das Lude'sche Horrorwittchen zum Kassenschlager avancierte. Irgendwie ist sie dann drüber gestolpert: Schneewittchen soll eine von Erthal gewesen sein. Dies ließ Marcelle Erthal natürlich aufhorchen. Sollte sie, die Brasilianerin, etwa mit Schneewittchen verwandt sein?

Marcelle Erthal ist 35 Jahre alt, in Rio de Janeiro geboren und aufgewachsen. Ihren Namen hat sie behalten, als sie Huilherme Augusto Amaral heiratete. Er bedeutet ihr etwas. Die Geologin arbeitet beim brasilianischen Mineralölkonzern Petrobras und wird heuer noch ihre dreijährige Zeit als Doktorandin in Löwen beenden, einer 100 000-Einwohner-Stadt in Belgien. Wenn sie doch schon eine Erthal sei und in Europa weile, dann müsse sie doch auch die Gelegenheit nutzen und Lohr besuchen, drängten ihre Freunde sie. Die Stadt mit jenem Schloss, in dem einst ein Erthal seinen Amtssitz hatte.

Aus Löwen nach Lohr

Gesagt, getan: Am Wochenende zwängte sie sich mit ihrem Ehemann und drei Freunden in einen kleinen Fiat Punto und fuhr die gut 450 Kilometer nach Westen. Gut fünf Stunden Anreise, Abendessen im Schönbrunnen (weil im Weinhaus Mehling, aus dem der sprechende Spiegel Schneewittchens stammt, kein Platz mehr war), eine Nacht im Hotel Bundschuh, nach dem Frühstück wieder ab in Richtung Heimat mit Zwischenstation in Trier – viel Zeit blieb da nicht für das Quintett auf den Spuren derer von Erthal.

Überrascht sei sie vom Schloss gewesen, erzählt Marcelle Erthal. Sie habe es sich anders vorgestellt, gelegen im Wald auf einem Berg, nicht mitten in der Stadt. Gefallen daran gefunden hat sie dennoch. Das Fachwerk, die schmalen Gassen der Altstadt, das sei ihr vertraut von Itaocara. In diesem Städtchen, etwas größer als Lohr, knapp 300 Kilometer nordöstlich von Rio de Janeiro, wuchs sie auf. Es sei deutsch geprägt, sagt sie, sehe aus wie in Lohr.

Achja, ihre Vorfahren, die Erthals. Sie sind in Brasilien schon so etwas wie eine Größe. Marcelle Erthal wischt auf ihrem Mobiltelefon und zeigt ein Bild von Victor Theodorico Joseph Erthal. Dieser Mann, 1686 geboren, sei der Stammvater der Familie, bedeutet sie. Der Familienchronik zufolge war er Bauer aus der Gegend von Hagen (Nordrhein-Westfalen), Traubenzüchter (also wohl Winzer), Glaser und Schmied.

Die Familiengeschichte auszuführen, würde zu weit führen. Konzentrieren wir uns auf Victors Ur-Urenkel Johannes Erthal. Der war gerade mal 20 Jahre alt, als seine Familie 1826 nach Brasilien auswanderte: Er als Single, seine Eltern, seine Schwester mit Schwager und zwei Kindern. Aus Johannes wurde John oder auch Joao. Er heiratete in Brasilien, war – wie sein Vater zuvor in Darmstadt – in seiner neuen Heimat als Schmied tätig und offenbar recht erfolgreich als Kaffee-Anbauer mit mehreren Betrieben. Zudem hat er laut Familienchronik zahlreiche Nachkommen gezeugt.

John-Erthal-Verein

Auf ihn beziehen sich die brasilianischen Erthals, die sich seit 1979 jährlich in Bom Jardim treffen. Sie gründeten sogar einen Verein mit dem Namen John Erthal, pflegen ein Familienmuseum. Dort findet sich auch das Wappenschild von Untererthal, das identisch ist mit jenem derer von Erthal.

Untererthal ist heute ein Stadtteil von Hammelburg. 777 wird erstmals das Dorf, 993 ein Konrad von Erthal urkundlich erwähnt. „1555 teilte sich der Untererthaler Stamm in eine fränkische und fuldaische Linie mit ihren Schlössern in Elfershausen und Leutzendorf“, berichtet die Dorfchronik und verweist auf eine ganze Reihe von Namensträgern, die zu hohen Ehren kamen: Franz Ludwig aus Lohr, den Namensgeber des Gymnasiums, der Fürstbischof von Würzburg wurde und seinen Bruder Friedrich Karl Joseph, den vorletzten Kurfürst-Erzbischof des Erzstifts Mainz.

Und Maria Sophia Margaretha Catharina, die Schwester der beiden? Diese erlangte bekanntlich erst posthum Bedeutung, indem ihr der Lohrer Apotheker Karlheinz Bartels und Konsorten 1986 das Schneewittchen andichteten.

Nun, diese Erthal-Linie, die Elfershausener, ist 1805 mit Lothar Franz ausgestorben, die Fuldaer bereits 1640, die Untererthaler 1764. Der Urahn von Marcelle Erthal, Theodor Joseph Erthal, könnte allenfalls ein illegitimer Nachkomme aus einer der beiden Linien Fulda oder Untererthal sein, mutmaßt Karl Anderlohr, Vorsitzender des historischen Vereins Lohr. „Für legitime Nachkommen hätte es keinen Grund gegeben, auf den Freiherrentitel und das Adelsprädikat ,von' zu verzichten.“ Doch hält er diese Möglichkeit für relativ unwahrscheinlich.

In Deutschland machen sich die Erthals rar: Ganze elf Treffer ergibt die Namen-Suche auf www.telefonbuch.de. Dieweil die Erthals in Brasilien das Erbe ihrer Familie weiter pflegen: Im vergangenen Jahr fand bereits das 37. Erthal-Familientreffen statt. Der Chronik ist zu entnehmen, dass da schon mal 600 Menschen im Namen Erthals zusammenkommen. Im Grunde, so schreibt Helio da Rocha Erthal in seinem Buch „Zwölf Jahrhunderte der Geschichte Erthal Familie“, sind „wir alle in irgendeiner Weise Kinder Untererthals“.

Soweit, so gut. Doch wie so oft, liegt auch bei dieser Geschichte einiges im Dunkeln. Wie kam es, dass es eingangs erwähnten Victor Theodorico Joseph, den Ur-Urgroßvater Johannes Erthals', in die Gegend von Hagen verschlug? Stammte er oder seine Vorfahren tatsächlich aus Untererthal?

Und wie bitte ist jene Bemerkung zu verstehen, die Pedro Elias Erthal Sanglard auf der Familienplattform www.associacaojoaoerthal.com.br ganz beiläufig in einem Nebensatz fallen lässt? Demnach besteht keine unmittelbare Verbindung zwischen jenem Victor und „der anderen Erthal-Familie edler Abstammung“, der aus Untererthal? Sind die beiden Familien namensgleich, aber gar nicht verwandt?

So tief ist Marcelle Erthal noch nicht in die Familiengeschichte eingetaucht. Antworten bringt sie vielleicht bei ihrem nächsten Besuch mit nach Lohr. Dass sie wiederkommen wird, versprach sie hoch und heilig. Denn die Schneewittchenstadt hat es ihr so oder so angetan . . .

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