Karlstadt

Fehlgriffe beim Pilzesammeln können gefährliche Folgen haben

Die Volkshochschule Karlstadt lud zur Tour mit zwei Experten. Eine Erkenntnis: Der Klimawandel wirkt sich auch hier aus und bringt neue Giftpilze in harmlosem Gewand.
Unbekannte Pilze sollten mit der Stielbasis vorsichtig aus der Erde gedreht werden. Diese ist, so betont Experte Christoph Wamser, wichtig für die Bestimmung. 
Foto: Jennifer Weidle | Unbekannte Pilze sollten mit der Stielbasis vorsichtig aus der Erde gedreht werden. Diese ist, so betont Experte Christoph Wamser, wichtig für die Bestimmung. 

Messer und Körbe sind eingepackt. Treffpunkt ist ein Parkplatz am Waldrand bei Karlstadt. Wir sind viele und wir alle wollen Pilzen finden und lernen wie man sie unterscheiden kann. "Dies wird kein Pilzbestimmungskurs und auch keine Anleitung zum Pilzesammeln." Mit diesen Worten begrüßen René Emíl Klein und Christoph Wamser die Teilnehmer. Beide sind Experten auf dem Gebiet der Mykologie – der Wissenschaft von den Pilzen. Die von der Volkshochschule Karlstadt angebotene Pilzlehrwanderung soll "sensibilisieren für Umweltschutz und die Gefahr von Vergiftungen". Doch nicht nur Vergiftungen sind eine Gefahr.

Die Gruppe von etwa 50 Menschen hat sich geteilt. Die eine Hälfte folgt Emil Klein, die andere Christoph Wamser den teils steilen Hang hinauf. Feuchtigkeit der letzten Tage hängt zwischen den Stämmen der Buchen und Eichen. Immer wieder fallen ein paar Tropfen. Idealer könnten die Bedingungen für Pilze kaum sein.

Nach wenigen Metern sehen wir den ersten Büschel Pilze. Ein Hallimasch. Den Namen hat jeder von uns schonmal gehört. Was kaum jemand weiß: Bei manchen Menschen führt er zu Magen-Darm-Problemen. Dabei ist er eindeutig ein Vertreter der Speisepilze. So kann auch ein essbarer Pilz unerwartet zu Problemen führen.

Auch der Geruch eines Pilzes sagt schon einiges aus über seinen Zustand und seine Verwendbarkeit.
Foto: Jennifer Weidle | Auch der Geruch eines Pilzes sagt schon einiges aus über seinen Zustand und seine Verwendbarkeit.
"Man darf Pilze nie in Plastiktüten sammeln oder gar lagern."
Christoph Wamser, Pilzberater

Kinder, Frauen und Männer kämpfen sich durch die Dickung und füllen ihre Körbe. Wamser lobt: "Es ist richtig, dass alle einen Korb dabei haben. Man darf Pilze nie in Plastiktüten sammeln oder gar lagern." Und auch nicht in Rucksäcken, denn Pilze bestehen aus sich schnell zersetzenden Eiweißen. Unter Luftabschluss verderben sie noch schneller. Ebenso wenig gehören verwurmte Pilze in den Korb, denn auch dies beschleunigt ihr Verderben. "Jung und knackig müssen sie sein", sagt Wamser. Doch die ganz kleinen Pilzbabies sollte man stehen und wachsen lassen.

Goldschimmel entdeckt? Weg mit dem Pilz!

Eine Teilnehmerin findet einen weit verbreiteten und essbaren Rotfußröhrling. Dieser sieht ein wenig aus wie ein Staubzucker-Krapfen. Goldschimmel hat den Pilz befallen. Dieser ist erst weiß und nimmt im Endstadium eine goldene Farbe an. Er befällt nur Röhrenpilze, ist ungenießbar und kann giftig sein. Die schimmelige Stelle wegschneiden hilft nicht, da der Schimmel unsichtbar den ganzen Pilz durchzieht. Befallene Pilze gehören daher nicht in den Korb.

Viele der gefundenen Pilze sind giftig, aber wunderschön. Der Rötende Erdstern erinnert an einen Seestern mit Marzipankartoffel in der Mitte, der Grünspan Träuschling scheint nach Schlumpfhausen zu gehören. Dagegen ist der weiße Knollenblätterpilz eher unscheinbar.

Wenn kleine Kinder dabei sind, dürfen sie gerne bei der Suche helfen - das Pflücken sollten sie aber nicht übernehmen. Für sie sind andere Waldschätze eh meist interessanter.
Foto: Jennifer Weidle | Wenn kleine Kinder dabei sind, dürfen sie gerne bei der Suche helfen - das Pflücken sollten sie aber nicht übernehmen. Für sie sind andere Waldschätze eh meist interessanter.

Wamser warnt vor Verwendung von Smartphone-Apps, welche Pilze anhand eines Fotos mit der Handy-Kamera erkennen sollen. Auch von Pilzbüchern hält er nicht viel und weist darauf hin, dass die Literatur unbedingt aktuell sein muss. Wiederholt zeigen Teilnehmer freudestrahlend eine Nebelkappe. Dieser Pilz ist in älteren Büchern noch als essbar verzeichnet. Heute weiß man aber, dass er ein Toxin enthält und nicht gegessen werden sollte.

"Der Klimawandel macht uns das Leben nicht leichter."
Christoph Wamser, Pilzberater

"Der Klimawandel macht uns das Leben nicht leichter", sagt Wamser. In Südbayern gibt es bereits einen giftigen Champignon, der aus dem Mittelmeerraum stammt. Umso wichtiger ist es, sich mit dem Thema Pilze gezielt auseinander zu setzen. Klein und Wamser bietet auf ihrer Webseite www.pilzkurs-emil.de diverse Veranstaltungen an. Beide beraten aber auch unabhängig davon. Jeder kann seinen Pilzfund in einem der Würzburger Büros kostenlos überprüfen lassen. Klein ist eingetragener Pilzsachverständiger in der DGfM (Deutschen Gesellschaft für Mykologie), Wamser Pilzberater in der BMG (Bayerische Mykolgische Gesellschaft).

Zum Verwechseln ähnliche giftige Variante

Wichtig für Anfänger: Ist der Pilz zu 100 Prozent bekannt, darf er abgeschnitten werden. Wenn nicht, sollte er mit der Stielbasis vorsichtig aus der Erde gedreht werden. Diese ist wichtig für die Bestimmung. So verfärbt sich beispielsweise die Stielbasis beim Karbol-Champignon bei Berührung gelb und riecht nach Desinfektionsmittel. Der giftige Verwandte des Wiesenchampignons sieht diesem zum Verwechseln ähnlich.

Eine Beratung per Foto über das Internet bieten die beiden Pilzexperten nicht an. Hier fehlen wichtige Merkmale wie zum Beispiel der Geruch. Dieser ist beim Saitenstieligen Knoblauchschwindling markant. Ein schlanker Pilz mit einem schwarzen Stiel, wie eine Saite, und unverwechselbarem Knoblauchgeruch. Ein leckerer Würzpilz. Oder der Anis-Champignon. "Riecht nach Weihnachten", meint eine Teilnehmerin. Leider reichern sich im Anis-Champignon verhältnismäßig viele Schwermetalle an, so dass er nur selten verzehrt werden sollte. Vor radioaktiver Belastung der Pilze mit Cäsium-137 müsse man sich bei uns in Main-Spessart nicht fürchten. Die radioaktive Wolke von Tschernobyl hat uns 1986 kaum getroffen.

Die Körbe werden nach und nach voller. Rötende Erdsterne (nicht essbar aber dekorativ), Täublinge, Steinpilze, Lacktrichterlinge, Milchlinge, Parasole, Schopftintlinge, Flockenstielige Hexenröhrlinge, Stockschwämmchen sind nur eine kleine Auswahl der über 5000 Pilze Mainfrankens. Für das Sammeln generell gilt, maximal einen Korb für den Eigenbedarf zu sammeln. Nicht gesammelt werden darf in Naturschutzgebieten und umzäunten Schonungen.

Der Transport im Weidenkorb oder Obsttragerl ist optimal. Rucksack ist nicht empfehlenswert, eine Plastiktüte sowieso tabu.
Foto: Jennifer Weidle | Der Transport im Weidenkorb oder Obsttragerl ist optimal. Rucksack ist nicht empfehlenswert, eine Plastiktüte sowieso tabu.

Nach drei Stunden kommen wir glücklich und etwas müde wieder am Parkplatz an. Wamser klettert die Böschung hinauf und pflückt einen weißen Schwamm von einer umgestürzten Birke. Ein Birkenporling, der zu den Heilpilzen zählt. Getrocknet und pulverisiert hilft er gegen Magenverstimmungen. "Bei Ötzi wurden zwei Pilze gefunden. Ein Birkenporling und ein Zunderschwamm, in dem er die Glut für sein Feuer transportiert hat". 

Tipps für Pilze-Sammler
Bei Unsicherheit den Pilz mit Stielbasis (Knolle) aus der Erde drehen und von Experten prüfen lassen.
Pilze kühl und luftig transportieren.
Möglichst sofort verarbeiten, Pilze 15 Minuten durchgaren.
Röhrenpilze mit weißem Schimmel sind grundsätzlich ungenießbar.
Bei für einen selbst neuen, genießbaren  Pilzsorten trotzdem erstmal nur eine kleine Menge verzehren, um die Verträglichkeit zu prüfen. 
Aktuelle Literatur verwenden.
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