Karbach

Gottesdienst-Lockdown: Welche Erfahrungen machen die Gemeinden?

Aufgrund der hohen Inzidenzen in MSP hatten sich Anfang Januar Pfarreien dazu entschieden, keine Gottesdienste anzubieten. Das stieß auf ein sehr unterschiedliches Echo.
Gotteshäuser im Lockdown: Um in Kontakt mit ihren Gemeindemitgliedern zu bleiben entwickelten so manche Kirchen in Deutschland kreative Ideen. 
Foto: Kira Hofmann | Gotteshäuser im Lockdown: Um in Kontakt mit ihren Gemeindemitgliedern zu bleiben entwickelten so manche Kirchen in Deutschland kreative Ideen. 

Lockdown für Gottesdienste – so lautete der Titel der Nachricht, die Pfarrer Stefan Redelberger am 9. Januar auf der Internetseite der Pfarreien-Gemeinschaft "Maria – Patronin von Franken" veröffentlichte. Ihr Inhalt: Die Ankündigung eines strikten Gottesdienst-Lockdowns für die Pfarreien Birkenfeld, Roden, Ansbach, Urspringen und Karbach bis Mitte Februar und die Begründung, warum man sich dazu entschieden hatte. 

"Mein Ansatz war: Wie ernst ist die Situation und wie ernst nehme ich sie", erklärt Pfarrer Redelberger auf Nachfrage, warum er sich zu diesem Schritt entschieden hat. Seiner Ansage voraus gingen die Pressekonferenzen von Bundeskanzlerin Merkel in Berlin und Ministerpräsident Söder in München. "Die dringende Mahnung war unisono: Kontakte reduzieren!", so Redelberger. Verstärkend dazu kam die Situation vor Ort. Bereits im November hatte der Landkreis Main-Spessart mit 290 einen der höchsten Inzidenz-Werte in Bayern. Auch in den Gemeinden schnellten die Zahlen hoch. "In Birkenfeld hatten wir im Oktober und November nur eine Handvoll Infizierte. Im Dezember waren es plötzlich 30, im Januar bereits 33 Fälle", erläutert der Pfarrer. 

Für ihn war an dieser Stelle klar: Auch die Kirche muss hier reagieren

Für ihn war an dieser Stelle klar: Auch die Kirche muss hier reagieren. "Recht kurzfristig habe ich mich am 6. Januar mit Pastoralreferentin Christiane Hetterich beraten. Unser beider Anliegen war es, unsere Gemeindemitglieder nicht unnötig einer Corona-Infektionsgefahr in aber auch vor und nach den Gottesdiensten auszusetzen", begründet er. Wichtig war ihm, dass auch die Pfarrgemeinderäte und ihre Gremien mit der Entscheidung einverstanden waren. Vier von fünf meldeten ihm in kurzer Zeit ihr Okay. 

Kein Einverständnis bekam er vom Bistum Würzburg. „Eine generelle Absage aller Gottesdienste in einer Pfarreiengemeinschaft … ist nicht gestattet“, formulierte es Generalvikar Jürgen Vorndran in einer nächtens versandten Nachricht an den Pfarrer. Und auf Nachfrage der Main-Post konkretisiert die Pressestelle der Diözese Würzburg: Eine generelle Absage sei nicht gestattet, weil dadurch Gläubigen ein zu weiter Weg für den Besuch eines Präsenzgottesdienstes zugemutet würde und die Nachbarpfarreiengemeinschaften Kapazitätsprobleme zugeschoben bekommen würden.

Gefahr des Gottesdienst-"Tourismus" sehen die Verantwortlichen nicht

Dem widersprechen die beiden Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Gerhard Popp aus Ansbach und Heidi Vogel aus Urspringen. "Die Gefahr, dass die Gläubigen unserer Pfarreiengemeinschaft in einen anderen Ort fahren und so quasi ein nicht gewollter „Tourismus“ entsteht, sehen wir nicht; dieser Trend ergab sich auch nicht, als wir noch keine Kommunion ausgeteilt hatten, während Nachbar-Pfarreien dies bereits wieder anboten", schreiben sie in einem Brief, den sie Mitte Februar an Bischof und Generalvikar schicken.  

Über die Kommunionspende zu Corona-Zeiten im Gottesdienst und eine damit verbundene mögliche Infektionsgefahr gibt es unterschiedliche Ansichten.
Foto: Sebastian Gollnow | Über die Kommunionspende zu Corona-Zeiten im Gottesdienst und eine damit verbundene mögliche Infektionsgefahr gibt es unterschiedliche Ansichten.

Darin bekräftigen sie auch: Die Entscheidung von Pfarrer und Pastoralreferentin sei völlig logisch und vor allem verantwortungsvoll. Nicht nachvollziehbar für sie sei hingegen, warum man Pfarreien mit hohen Inzidenzwerten und Sterbefällen nicht nahe gelegt hat, einen Lockdown einzuleiten. "Stattdessen beharrte man eigensinnig darauf, weiterhin die Gottesdienste durchführen zu wollen. In diesen Fällen gewiss NICHT zum Wohle der Gläubigen, die sich aus Gewissensgründen gezwungen sahen, die Angebote auch annehmen zu müssen", heißt es in dem Schreiben. Ihrer Meinung nach sei es, Religionsfreiheit hin oder her, Aufgabe eines Bischofs beziehungsweise  der Diözesanleitung, eine solche Entscheidung rechtzeitig und mit Weitsicht zu treffen. Eine Antwort auf den Brief sei bis dato nicht gekommen. 

Öffentliche Diskussion angestoßen: Darf ein Gottesdienst-Lockdown sein?

Gleichzeitig stellt Pfarrer Redelberger den Gottesdienst-Lockdown zur öffentlichen Diskussion auf die Homepage der Pfarreien-Gemeinschaft: "Was meinen Sie? Darf ein Gottesdienst-Lockdown sein? Darf eine Pfarreien-Gemeinschaft für ihre Gemeinden zu diesem Ergebnis kommen, auch wenn der Generalvikar in seiner Verantwortung für das gesamte Bistum eine andere Position vertritt?", fragt er darin. Er bekommt einiges an Antworten. Viele davon stimmen der Entscheidung zu. Aber es gibt auch Kritik. "Natürlich gab es auch Leute, die nicht einverstanden waren. Und ich nehme auch wahr, dass Leute sehr traurig sind, dass keine Gottesdienste stattfinden", sagt er. 

Um die Lücke der Gottesdienste ein wenig auszugleichen, bieten Pfarrer Redelberger und Christiane Hetterich auf der Homepage drei Mal pro Woche einen Tagesimpuls an. In Birkenfeld bringt die Pastoralreferentin den Impuls auch persönlich vorbei. "Frau Hetterich und ich sind auch jederzeit anrufbar", so der Pfarrer. Das werde aber wenig in Anspruch genommen. "Dafür machen wir das. Wir rufen bei den Menschen an, gratulieren zum Beispiel zum Geburtstag oder fragen einfach nur nach, wie es geht", erzählt er. 

Pfarrer Stefan Redelberger (hier auf einem Archivbild).
Foto: Heidi Vogel | Pfarrer Stefan Redelberger (hier auf einem Archivbild).

Hat er im Nachhinein betrachtet alles richtig gemacht mit der Entscheidung? "Bei solch einer Abwägung kann man es eigentlich nicht richtig machen", so Redelberger. Aber er stehe zu seinem Entschluss. Richtig war es, die Gremien zusammenzuholen und zu diskutieren. Darin sieht er einen wichtigen Demokratisierungsprozess. 

Auch in Röttbach Gottesdienst-Lockdown als Vorsichtsmaßnahme

Dass die Pfarreien-Gemeinschaft "Maria - Patronin von Franken" nicht ganz alleine mit ihrer Lockdown-Entscheidung war, zeigt sich einige Kilometer weiter: Auch die Kirche der Kuratie St. Antonius in Röttbach, zugehörig zum Markt Kreuzwertheim, bleibt noch bis Mitte Februar geschlossen. Dieter Hammer ist der zuständige Pfarrer. Er kümmert sich um die sechs Gemeinden der Pfarreien-Gemeinschaft Kreuzwertheim. Der Entschluss, die Gottesdienste bis Mitte Februar auszusetzen, traf man hier allerdings nur für Röttbach.

Die konkreten Gründe für den Entschluss sind für Pfarrer Hammer gar nicht so einfach zu formulieren. "Im Prinzip war es eine Vorsichtsmaßnahme aufgrund der hohen Inzidenzwerte", sagt er. Dabei müsse bei jeder Gemeinde individuell abgewogen werden, denn die Umstände seien jedes Mal anders. Diese Abwägung hätte in Röttbach dazu geführt, dass sich die Verantwortlichen für die Schließung ausgesprochen hätten. "Uns war wichtig, jeweils vor Ort einen guten gemeinsamen Weg zu finden", so Pfarrer Hammer.

Als Zeichen der Verbundenheit und auch, um kein Gemeindemitglied abzuhängen, bietet Pfarrer Hammer in manchen seiner Gottesdiensten an, sich Kopien mitzunehmen und weiterzugeben, auf denen er Gedanken festhält. Er weiß auch von Gemeindemitgliedern, die sich Fernseh-Gottesdienste anschauten. Doch immer wieder hört er in Telefonaten: "Das ist zwar schön, aber es ist halt nicht dasselbe. Deswegen bin ich froh, wenn ich das Miteinander bald wieder erleben kann." 

Was sagt die Diözese zum Gottesdienst-Lockdown?

Auf Nachfrage der Redaktion beantwortet Bernhard Schweßinger, Pressesprecher der Diözese Würzburg, Fragen rund um den Gottesdienst-Lockdown: 
Wie geht die Diözese mit dem Thema Gottesdienst-Lockdown um?

Die Diözese Würzburg ist sich der unterschiedlichen Positionen bezüglich der Präsenzgottesdienste bewusst, die in jeder einzelnen Gemeinde vertreten sind. Sie respektiert diese Überzeugungen und legt deswegen die Entscheidung über den Besuch eines Gottesdienstes in die Eigenverantwortung der Gläubigen

Ist die Pfarreiengemeinschaft Maria-Patronin von Franken mit der Entscheidung zum "Lockdown" alleine? Oder gibt es mehrere Gemeinden, die so entschieden haben? 

Es kommt in der Corona-Pandemie immer wieder zu Entscheidungen, dass Gottesdienste eingestellt werden. Die Motivation ist dabei nicht immer die Gleiche. Teilweise sind die Gründe für die Diözese auch nachvollziehbar, wenn z.B. die ehrenamtlichen Helfer ausbleiben aus Furcht vor Ansteckung. Eine gänzliche Einstellung der Gottesdienste geschieht sehr selten.  

Bekommen Sie Reaktionen von Gläubigen, die sich darüber beschweren?
Reaktionen gibt es aus beiden Richtungen: Menschen, die sich beschweren, dass ihnen der Gottesdienst genommen ist, dass sie zum Gottesdienst nun weit fahren müssen; und Menschen, die die Entscheidung der Verantwortlichen loben und sie unterstützen.

Vor allem die Austeilung der Kommunion, bei der der Pfarrer an jede Person herantritt, sehen die Verantwortlichen als kritisch.  Warum wird an dieser Regelung festgehalten?

Die amtlichen Virologen des bayerischen Gesundheitsministeriums, die die kirchlichen Rahmenbedingungen mitgestalten und freigeben, teilen diese Kritik nicht. Es ist jedem einzelnen in seinem persönlichen Urteil unbenommen, dies anders zu sehen und deswegen der Kommunionspendung fern zu bleiben. Eine generelle Verweigerung aber ist aufgrund des Fachurteils der maßgebenden Berater der staatlichen Behörden nicht gerechtfertigt.

Was gibt es für Alternativen für Gemeinden bzw. was für kreative Ansätze sehen Sie, um die Verbindung zu den Gläubigen zu halten?  
Vielerorts werden Gottesdienste ohne Kommunionspendung (Wort-Gottes-Feiern) angeboten, Gottesdienste werden gestreamt gerade für ältere Menschen und Gebetsmaterialien werden zur Verfügung gestellt, damit Menschen zuhause beten und Gottesdienst feiern können. Alle drei Formen sollten angeboten und ermöglicht werden.

Quelle: luc
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