Laudenbach

In Karlstadt gab es drei Seilbahnen und eine Pipeline

Wie der Muschelkalk vom Mühlbacher Steinbruch ins Zementwerk kam. Noch heute gibt es Reste dieser früheren Bauwerke.
Die dritte Seilbahn, die ins Zementwerk Karlstadt führte. Die Aufnahme stammt von 1958.
Foto: Archiv Schwenk | Die dritte Seilbahn, die ins Zementwerk Karlstadt führte. Die Aufnahme stammt von 1958.

In Karlstadt erzählte man sich einst, es sei das längste Förderband Europas, das den Steinbruch auf der linken Mainseite mit dem Zementwerk verbindet und dessen Konstruktion an die Golden-Gate-Bridge in San Francisco erinnert. 800 Meter Entfernung werden damit überwunden. 400 Tonnen Gestein kann es pro Stunde ins Zementwerk befördern. Bevor es 1961 errichtet wurde, kam der Rohstoff auf eine andere Weise über den Main: per Seilbahn. Insgesamt waren es sogar drei verschiedene Seilbahnen, von denen noch heute übrig gebliebene Fundamente zeugen.

Schiffe 1905 im alten Hafen des Zementwerks. Zu erkennen sind die Holzständer der ersten Seilbahn.
Foto: Archiv Schwenk | Schiffe 1905 im alten Hafen des Zementwerks. Zu erkennen sind die Holzständer der ersten Seilbahn.

Im Jahrbuch zur Geschichte Karlstadts (Ausgabe 2929/21) schildert Martina Amkreutz-Götz, dass 1888 die erste Seilbahn in Betrieb ging. Sie transportierte Muschelkalk und gebrannten Romankalk ins Zementwerk. In einem Bericht über die Zeit vor 1900 heißt es, dass täglich 4000 Zentner Kalkstein befördert werden. Das sind 200 Tonnen, also ungefähr fünf große Lastwagen voll. Das Material rutschte zunächst in einer Röhre am Hang des Gutsbergs hinab, ehe es in die Gondeln der Seilbahn verladen wurde.

Seilbahnablaufstation 1958.
Foto: Archiv Schwenk | Seilbahnablaufstation 1958.

Das scheint sich bewährt zu haben, denn 1898 wurde eine zweite Seilbahn gebaut, die zunächst vom damaligen Hafen ins Werk führte. Schon zwei Jahre danach wurde sie verlängert bis hinüber in den Steinbruch. Und 1907 folgte Seilbahn Nummer drei auf der Linie, wo sich heute das Förderband befindet.

1961 wurde das neue Förderband genau da gebaut, wo zuvor die dritte Seilbahn lief. Auf diesem Bild stehen noch die alten Ständer der Seilbahn.
Foto: Archiv Schwenk | 1961 wurde das neue Förderband genau da gebaut, wo zuvor die dritte Seilbahn lief. Auf diesem Bild stehen noch die alten Ständer der Seilbahn.

Ältere Karlstadter erinnern sich noch gut daran, dass man früher von der Stadt aus in den Steinbruch schauen konnte. Bei Kleinlaudenbach war nur noch ein Bergsporn stehengeblieben. In der Lücke dazwischen begann das zweite Förderband. Sie ist heute längst mit Abraum aufgefüllt und bewaldet.

Überstunden für mehr Gestein

Auch früher schon wurde das Gestein vor seinem Weg über den Main noch im Steinbruch in einem Brecher zerkleinert. Ein älterer Laudenbacher, der Anfang der 1950er Jahre seine Lehrzeit bei Schwenk antrat, beschreibt diesen so: "Am Brecher gab es zwei Rotoren mit jeweils vier Hämmern daran, die das Gestein zerkleinerten. Dieses kam anschließend in den Bunker, an dem die Seilbahn hinüber ins Werk nach Karlstadt startete. Beim Befüllen der Seilbahnkästen ging manchmal die Bunkerklappe nicht zu. Dann wurde die Seilbahn gestoppt und einer der Arbeiter musste mit einer Schaufel den entstandenen Steinhaufen beseitigen."

Der Mühlbacher Adolf Herrmann berichtet im Jahrbuch: Wenn die Bunker drüben im Zementwerk nicht ausreichend mit Material gefüllt waren, "mussten wir abends noch einmal kommen und weiter laden". 

Die leer ankommenden Förderwagen klinkten auf der Laudenbacher Seite automatisch aus. Waren sie befüllt, so war ein Arbeiter dafür zuständig, sie jeweils in gewissen Abständen auf die Reise über den Main zu schicken. Auf der Karlstadter Seite wurde das Gestein in einer Mühle weiter zerkleinert.

Schon 1921 wieder abgebaut

In der Steinbruch-Chronik wird von einem alten und einem neuen Steinbruch berichtet. Der neue Bruch hat den Gutsberg aus Richtung Kleinlaudenbach her angegraben. Die Chronik berichtet weiter, dass 1921 ein Stollen vom alten Bruch zum neuen Bruch gebaut wurde mit einem Sturzloch zur Verladestation der dritten Seilbahn. Damit wurde die zweite Seilbahn überflüssig und noch im selben Jahr demontiert – bis auf ein Fundament am Fußballplatz.

Diese Sockel sind ein Überbleibsel der früheren Seilbahn Nummer zwei. Sie wurden zu einem Häuschen verbunden.
Foto: Karlheinz Haase | Diese Sockel sind ein Überbleibsel der früheren Seilbahn Nummer zwei. Sie wurden zu einem Häuschen verbunden.

Seilbahn eins dagegen blieb bestehen zum Transport von Roman-Kalk. Der Laudenbacher berichtet, dass er um 1960 herum an der Demontage der Holzständer mitgearbeitet hat. Betonsockel von dieser ersten Seilbahn stehen heute noch zwischen Mühlbacher Mainufer und Radweg.

1953 begann die Vereinigung des alten und des neuen Bruchs. 1959 wurde der Romankalkofen auf dem Gutsberg stillgelegt und durch einen neuen Ofen im Steinbruch in der Nähe des Förderbands ersetzt. Er war bis 1973 in Betrieb.

Hinter dem Förderband ist die Ölleitung vom Hafen zum Zementwerk zu erkennen.
Foto: Archiv Schwenk | Hinter dem Förderband ist die Ölleitung vom Hafen zum Zementwerk zu erkennen.
Übrig gebliebener Ständer der früheren Ölleitung.
Foto: Karlheinz Haase | Übrig gebliebener Ständer der früheren Ölleitung.

Offenbar war vom Hafen aus auch Kohle mit einer Seilbahn zum Werk transportiert worden. Zement hingegen rollte in Wägelchen auf Schienen zum Hafen und wurde dort mit dem Kran auf Schiffe verladen. Wenn sich der Verfasser dieser Zeilen recht erinnert, rollten diese Wagen in den 1960er Jahren das leichte Gefälle von selbst hinab und wurden unten in ein Stahlseil zwischen den Gleisen eingehakt. Es war auch die Zeit, in Öl als Brennstoff für die Zementherstellung diente. Noch heute zeugt ein Ständer am Fußballtrainingsplatz davon, dass es eine Pipeline vom alten Hafen zum Zementwerk gab.

Schiffsbeladung mit Wägelchen voller Zementsäcke im Jahr 1955.
Foto: Archiv Schwenk | Schiffsbeladung mit Wägelchen voller Zementsäcke im Jahr 1955.

Mehrmals finden sich in der Chronik des Steinbruchs untertänigst formulierte Schreiben der "Portland-Cement-Fabrik Karlstadt am Main" an die "verehrte Gemeindebehörde Mühlbach" mit Bauanträgen zu Öfen, einer Schreibstube oder eines Unterkunftshauses. Der Steinbruch bescherte dem kleinen Mühlbach vergleichsweise hohe Steuereinnahmen. Der Ort galt bis  zu seiner Eingemeindung als reich.

Abraum für die "Correctionsbauten"

In einem Bericht übers Zementwerk circa um 1900 herum heißt es, dass der Abraum aus dem Steinbruch dazu verwendet wurde, die "Correctionsbauten" des Mains aufzufüllen, also die durch Quer- und Längsbauwerke entstandenen Buhnenfelder. Eine Bremsbahn schaffte den Abraum zu Tal. Eine Bremsbahn besteht üblicherweise aus zwei parallel laufenden Schienensträngen, auf denen Loren rollen. Sie sind über ein Stahlseil verbunden, sodass die bergab rollenden beladenen Wagen die leeren Loren durch ihr Gewicht wieder nach oben ziehen. Ein Bremsapparat reguliert die Geschwindigkeit und gleicht den erheblichen Gewichtsunterschied zwischen den Loren aus.

Der Main, die ersten beiden Seilbahnen und das Zementwerk 1905. Gut zu erkennen sind die 'Correctionsbauten' im Main.
Foto: Archiv Schwenk | Der Main, die ersten beiden Seilbahnen und das Zementwerk 1905. Gut zu erkennen sind die "Correctionsbauten" im Main.
Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Main-Spessart und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren / Autorinnen
Laudenbach
Karlheinz Haase
Bauanträge
Gondeln
Häfen
Naturstoffe und Naturmaterialien als Wirtschaftsgüter
Radwege
Rotoren
Schiffe
Seilbahnen
Steine und Gesteine
Zement
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!