Frammersbach

In Kontakt bleiben und zuhören

Carolin Weigand ist an der Frammersbacher Schule zuständig für die Jugendsozialarbeit an Schulen.  Ja, nein, vielleicht fragen sie die Schülerinnen und Schüler auf dem Zettel, ob sie bei der Klassenfahrt mitfährt. Wegen der Corona-Pandemie sind zurzeit allerdings keine Klassenfahrten.
Foto: Monika Büdel | Carolin Weigand ist an der Frammersbacher Schule zuständig für die Jugendsozialarbeit an Schulen. Ja, nein, vielleicht fragen sie die Schülerinnen und Schüler auf dem Zettel, ob sie bei der Klassenfahrt mitfährt.

Mit Problemen aller Art können Mädchen und Jungs der Grund- und Mittelschule Frammersbach zu Carolin Weigand kommen. Sie ist dort für die Jugendsozialarbeit an Schulen (Jas) zuständig.

Als Jugendsozialarbeiterin an Schulen ist sie auch Ansprechpartnerin für Lehrkräfte und Eltern. Die Lehrerinnen und Lehrer melden ihr zurzeit, wenn Schüler nicht im Online-Unterricht teilnehmen. Diesen Mittwoch hat sie es geschafft, dass überall die Voraussetzungen für die Teilnahme gegeben waren. Und tatsächlich seien auch alle online in der Schule gewesen.

Klappt es nicht, nimmt Weigand Kontakt mit der Familie auf, um zu klären, woran es liegt, schildert sie. "Mal habe ich einen Router installiert, mal Laptops in der Schule organisiert. Ein anderes Mal lag das Problem an der fehlenden Sprachkenntnis. Die Eltern haben einfach nicht verstanden, was in der E-Mail steht. In einem Fall musste ich deutlich werden, weil alle in der Familie erst um 11 Uhr aufgestanden sind." Dafür zu sorgen, dass alle am Unterricht teilnehmen, heißt für die Sozialpädagogin ein Stück Chancengleichheit zu schaffen.

Weil wegen Corona zurzeit kaum Schüler ins Schulgebäude kommen, geht sie andere Wege, um bei Problemen zu unterstützen. Normalerweise ist das Büro von Carolin Weigand Anlaufstelle. Läuft der Schulbetrieb normal, klopft, wer ein Problem hat, einfach an ihrer Tür. Ihr ist wichtig, dass das Angebot niederschwellig ist

Sorgentelefon geschaltet

Pro Tag machen laut Weigand im Schnitt fünf Jugendliche oder Erwachsene davon Gebrauch. Die Bandbreite reiche vom Streit mit der Freundin über Schulverweigerung bis hin zu Selbsttötungsgedanken. Die Caritas, die in Frammersbach Träger der Jugendsozialarbeit an Schulen ist, habe schnell erkannt, dass es auch ein Angebot geben muss, wenn kein Unterricht vor Ort ist.

Ein Sorgentelefon wurde geschaltet und auf der Webseite der Schule darauf aufmerksam gemacht. Die Möglichkeit zum direkten Kontakt – unter Einhaltung der Abstandsregeln, mit Maske und Hygienevorkehrungen – habe die Caritas aufrechterhalten. Dafür sei sie dankbar, sagt Weigand. Übers Telefon meldeten sich weniger Familien, als vor der Schulschließung von ihrem Angebot Gebrauch gemacht hätten. Deshalb gehe sie aktiv auf die Familien zu, mit denen sie vorher schon zusammengearbeitet hatte. Wenn sie von Gesprächsbedarf erfahre, egal ob Kinder, Jugendliche, Eltern oder Lehrkräfte, nehme sie Kontakt auf.

"Durch Corona sind die Probleme ja nicht weg, sondern eher verstärkt", sagt sie. "Ich rufe bei den Eltern an und bei den Jugendlichen. Das reicht manchmal. Wenn nicht, gehe ich hin zu den Familien, spreche über den Balkon oder im Garten mit ihnen." So hat sie es nach eigenen Angaben bei der Schulschließung im Frühjahr 2020 gemacht und so handhabt sie es seit seit Mitte Dezember wieder, als die Schule für den allgemeinen Präsenzunterricht zum zweiten Mal geschlossen hat.

Überforderung und Streit

Das Unterrichten und Lernen zuhause bringt Weigands Erfahrung nach Familien an ihre Grenzen. Manchmal sei es mit Zuhören getan. Wo nötig, kümmere sie sich um Notbetreuung, klopfe ab, was an Unterstützung möglich ist. "Egal, wo ich anrufe, es gibt immer etwas: ständig Streit, Überforderung, wo Eltern parallel zur Kinderbetreuung arbeiten müssen, psychische Probleme, Angst um den Arbeitsplatz und wirtschaftliche Sorgen." Die Ursachen, dass es nicht rund läuft, reichten von fehlenden Strukturen bis zum Mangel an sozialer Kontakte. "Mir fehlt mein Fußballtraining", sei so ein Satz, den sie immer wieder einmal höre. Die Jugendlichen vermissten den Austausch mit Gleichaltrigen.

Carolin Weigand betont, dass Jas freiwillig ist und sie der Schweigepflicht unterliege, außer das Wohl des Kindes  sei gefährdet. Bei Problemen, die über ihre Möglichkeiten hinausgehen, versuche sie mit den Betroffenen, dem Jugendamt, Psychologen oder weiteren Fachberatungsstellen zusammenzuarbeiten oder dorthin zu vermitteln. Voraussetzung: "Man muss Hilfe auch wollen, muss Probleme einsehen und etwas ändern wollen. Manche haben aber nicht die Kraft", sagt die Sozialpädagogin.

Als Soforthilfe in Situationen der Anspannung empfiehlt sie: Erst mal tief durchatmen und ruhig bleiben, weil Stress sich auf andere überträgt. Wichtig sei es, Strukturen zu schaffen, zum Beispiel feste Aufstehzeiten am Morgen. Netzwerke bei der Betreuung einspannen, soweit es der Infektionsschutz erlaubt. Bei Großeltern ist das über das Sorge- und Umgangsrecht möglich. Außerdem darf sich eine Familie mit einer weiteren zur Kinderbetreuung zusammenschließen. Es muss aber bei einer festen Zusammensetzung bleiben, das heißt die Familie darf nicht gewechselt werden. Nach sich selbst schauen, um Kraft zu tanken, lautet ein weiterer Tipp Weigands. Das könne eine Runde Joggen sein oder auch mal vorm Fernseher sitzen.

Kompromisse schließen

Viele Probleme, mit denen Jugendliche, Eltern oder Lehrkräfte zu ihre kämen, seien jedoch nicht corona-spezifisch. Schulverweigerung und Schulangst zum Beispiel. Es gebe Mädchen und Jungen, die sich nicht überwinden könnten, in die Schule zu gehen. Ursache seien keineswegs schlechte Noten oder Hänseleien. "Ich habe schon früh am Bett von Betroffenen gestanden. Wenn ich es schaffe, dass sie zwei-, dreimal die Woche in die Schule gehen, ist das ein Erfolg." Von der ersten Schulschließung vor knapp einem Jahr weiß sie, dass sie bei einigen Kinder wieder bei null anfängt, wenn die Schule wieder öffnet und sie die direkte Arbeit mit ihnen wieder aufnehmen kann.

Der Klassiker unter den Problemen, die nichts mit der Pandemie zu tun haben, seien Konflikte mit den Eltern, schildert Carolin Weigand: Wie lange darf ich weggehen oder das Handy benutzen. Oder die Freundin beziehungsweise der Freund passt den Eltern nicht. In solchen Situationen sei es wichtig, dass alle gehört werden und ein Mitspracherecht haben. Regeln sollten begründet sein. "Wenn Regeln Ergebnis eines Kompromisses sind, ist es leichter, sie einzuhalten."

Weigand bedauert, dass wegen Corona Aktionen wie Klassenfahrten und Übernachtungsfest ausfallen. "Das sind Dinge, an die man sich später erinnert. Diese besonderen Ereignisse fehlen später in der Biografie." Die Sozialpädagogin ist bei Klassenfahrten nur beteiligt, wenn Jugendliche dabei sind, die ohne entsprechende Begleitung nicht mitfahren könnten.

Stimmen zu Jugendsozialarbeit an Schulen

Michaela Neiderer, Rektorin an der Spessart-Grundschule Bischbrunn, bezeichnet die Jugendsozialarbeit an Schulen als "totale Bereicherung". Obwohl es Jas erst seit diesem Schuljahr in Bischbrunn gibt, ist sie überzeugt, dass diese Unterstützung an jede Schule gehöre. Im Gegensatz zu den Lehrkräften, die im Spannungsfeld zwischen Wissensvermittlung, Erziehung und Problemlösung stünden, könne sich die Jugendsozialarbeiterin ganz auf die soziale und emotionale Unterstützung konzentrieren und Kinder mit Migrationshintergrund fördern. In Bischbrunn ist der Verein Erleben, Arbeiten und Lernen Träger der Jas-Stelle.
Susanne Rinno, Schulleiterin der Gustav-Woehrnitz-Mittelschule in Lohr, sieht in der Jugendsozialarbeiterin eine große Netzwerkerin zwischen Schülern, Eltern und Lehrkräften sowie dem Jugendamt. Sie biete Einzel- und Gruppenarbeit an. An der Mittelschule in Lohr sei Jas schon einige Jahre etabliert und werde vom Kolpingwerk getragen. "Die Jugendsozialarbeiterin ist eine wichtige Person an unserer Schule und hat eine Verbindungsrolle", sagt Rinno. Der Kontakt zu den Jugendlichen läuft zurzeit wie in Bischbrunn telefonisch oder auch in der Notbetreuung.
Quelle: (memb)

Jugendsozialarbeit an Schulen (Jas)

Jugendsozialarbeit an Schulen (Jas) ist eine Leistung der Jugendhilfe und die intensivste Form der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule, heißt es auf der Internetseite des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen. Sie soll sozial benachteiligte junge Menschen bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen und fördern. Dadurch sollen deren Chancen auf Teilhabe und eine eigenverantwortliche sowie gemeinschaftsfähige Lebensgestaltung verbessert werden.
Die Jas-Stellen werden finanziert durch einen festgelegten Euro-Betrag des Bayerischen Ministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen sowie des Landkreises. Der Träger aus dem Bereich der Jugendhilfe steuert einen Eigenanteil bei. Die dann noch offene Summe muss der Schulverband, sprich die Kommunen, aufbringen. Für Frammersbach macht der Anteil derzeit 50 Prozent aus, wie Bürgermeister Christian Holzemer auf Anfrage mitteilt. 
Quelle: (memb)
Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Main-Spessart und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Weitere Artikel
Themen & Autoren
Frammersbach
Monika Büdel
Caritas
Chancengleichheit
Erwachsene
Jugendsozialarbeit
Jugendämter
Kinder und Jugendliche
Kinder- und Jugendhilfe
Kolpingwerk
Mittelschule Frammersbach
Mädchen
Schulangst
Schülerinnen und Schüler
Soziale Ordnung
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!