Marktheidenfeld

Inflation 1923: Als ein Brot über 200 Milliarden kostete

Aus der Geschichte Main-Spessarts (114): Im Krisenjahr 1923 verfiel die Währung dramatisch. Jeder gab eingenommenes Geld sofort wieder aus. Lohntüten reichten nicht aus, um die Berge von bedrucktem Papier aufzunehmen.
Horst Bröstler aus Marktheidenfeld sammelt Geldscheine. In der Hand hält er eine Banknote mit dem Wert von 100 Billionen Mark.
Foto: Klaus Gimmler | Horst Bröstler aus Marktheidenfeld sammelt Geldscheine. In der Hand hält er eine Banknote mit dem Wert von 100 Billionen Mark.

Im November 1923 traf der Münchner Komiker Ferdl Weiß seinen Kollegen Karl Valentin. "Hast Du es gehört? Der Dollar steht jetzt auf 4,2 Billionen, einer Milliarde sechshundert Millionen fünfhundertfünfzigtausend Mark." Karl Valentin antwortete: "Mehr ist er aa net wert." So kommentierte der Münchner Komiker mit dem ihm eigenen Humor den drastischen Verfall der Währung im Krisenjahr 1923, die in eine Währungsreform mündete. Viele Sparer verloren ihr Geld. Die Weimarer Republik war so schon in den Augen vieler moralisch diskreditiert.

Wie schnell die Währung damals verfiel, ist in der Sammlung von deutschen Geldscheinen von Horst Bröstler aus Marktheidenfeld zu sehen. Bröstler ist ein leidenschaftlicher Sammler. Schon als Jugendlicher faszinierten ihn Briefmarken, später kamen Münzen und Geldscheine dazu. Seine Sammlung von deutschen Geldscheinen ist komplett und die Scheine aus dem Jahr 1923 zeigen den galoppierenden Verfall der Währung während der Weimarer Republik, der in der Herausgabe von neuem Geld im Jahr 1924 mündete. "Wenn ein Arbeiter seinen Lohn bekommen hatte, dann stopfte er die Scheine in den Rucksack und rannte zum Bäcker, denn am nächsten Tag waren die Scheine nur noch die Hälfte wert", sagt Bröstler. "Das Geld war nur noch gedrucktes Papier, es hatte kaum noch einen Wert."

Bröstler blättert in seinen Ordnern, in dem jeder der auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands herausgegebener Geldschein chronologisch aufgelistet ist. An den Druckdaten lässt sich ablesen, wie schnell nach dem 1. Weltkrieg die Währung verfallen ist. Im Juni 1919 war ein 50-Mark-Schein noch ein gängiges Zahlungsmittel. Im November 1922 wurden aus diesen 50.000-Mark-Scheine, denn auf den Wertverlust der Währung und das damit verbundene explosionsartig steigende Preisniveau reagierte die Regierung, indem sie der Papierwährung einfach immer mehr Nullen anfügte. Lohntüten reichten zu dieser Zeit nicht mehr aus, um die Berge von bedrucktem Papier aufzunehmen. Von Tag zu Tag entwertete sich das Geld, jeder gab eingenommenes Geld sofort wieder aus.

Im Krisenjahr 1923 verfiel die Währung dramatisch. Bröstler hat Geldscheine in seiner Sammlung vom Februar mit dem gedruckten Wert von einer Million. Im Juli steigerten sich diese auf 20 Millionen, im August auf 100 Millionen und im September auf 500 Millionen, ohne dass es dafür einen größeren Gegenwert gab. Immer schneller vervielfachte sich die Abwertung gegenüber dem US-Dollar, bis schließlich im November 1923 der Kurs für einen US-Dollar 4,2 Billionen Mark entsprach.

Ursachen für Inflation liegen im Ersten Weltkrieg

Wie konnte es so weit kommen? Die Historiker sagen, dass die Ursachen für die Hyperinflation von 1923 schon im Ersten Weltkrieg gelegt worden waren. Für die Kriegsfinanzierung wurde der Staatshaushalt aufbegläht. Der Krieg wurde über Kredite und Anleihen finanziert in der Erwartung, dass diese bei einem siegreichen Ausgang schnell wieder zurückgezahlt werden können. Die Kriegsgegner sollten dafür aufkommen. So hatte es auch schon im deutsch-französischen Krieg 1870/71 funktioniert.

Doch es kam anders, wie wir wissen. Die deutsche Regierung stand nach dem verlorenen Krieg 1918 vor enormen finanziellen Problemen. Zu den Kriegsschulden im Inland kamen hohe Sozialausgaben und die Forderungen der Siegermächte nach Reparationen. In der Folge nahm die Regierung immer mehr Kredite bei der Reichsbank auf, um die Haushaltslücken zu stopfen. Dadurch schwand ab 1921 das Vertrauen in die Mark immer mehr. Die Menschen begannen, immer schneller bis fluchtartig ihr Geld in Sachwerte anzulegen.

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Alle Dämme brachen schließlich mit der Ruhrbesetzung Anfang 1923. Da Deutschland mit den Reparationszahlungen im Rückstand war, marschierten im Januar französische und belgische Truppen im Ruhrgebiet ein. Ihr Ziel war es, die dortige Kohleproduktion zur Erfüllung der deutschen Reparationsverpflichtungen zu sichern. Die deutsche Reichsregierung rief daraufhin die Bevölkerung zum passiven Widerstand auf. Es wurden keine Reparationen mehr gezahlt, Verwaltung und Verkehr wurde lahmgelegt. Die Löhne von etwa zwei Millionen Arbeitern im Ruhrgebiet wurden vom Staat übernommen, was zur weiteren Verschuldung führte und die Inflation befeuerte.

Notgeld wurde zum Sammelobjekt

Mit dem Verfall der Mark entwertete sich auch das Notgeld. Schon während des 1. Weltkrieges war in vielen Städten in Deutschland eine eigene Währung herausgegeben worden. Das Notgeld war allerdings keine Reaktion auf den Währungsverfall der Mark, es kam auf, da es wegen Rohstoffmangel an Münzgeld fehlte, da das Metall zur Kriegsproduktion benötigt worden war. So gab es in vielen Regionen Scheine im Wert von 10, 20 und 50 Pfennig.

Zunächst waren die Notscheine einfach gehalten, aber bald wurden sie aufwendig gestaltet, um sie auch als Sammelobjekt beliebt zu machen. Das gelang. Auf den Notgeldscheinen sind oft Ortsansichten, Gebäude, Episoden aus der Lokalgeschichte, Trachten, Wappen zu sehen.

Das Notgeld in Marktheidenfeld zeigt eine Bauernfamilie in Tracht.
Foto: Michael Deubert | Das Notgeld in Marktheidenfeld zeigt eine Bauernfamilie in Tracht.

In Marktheidenfeld kamen schon ab 1917 die ersten Notgeldscheine heraus. Der 50-Pfennig-Schein zeigt das Stadtwappen von Marktheidenfeld mit Wertangabe und St. Michael im Unterdruck. Auf der Rückseite ist eine Bauernfamilie in Tracht zu sehen. Dieser Schein wurde in den Jahren 1917 bis 1921 mehrfach neu aufgelegt. Horst Bröstler hat alle Ausgaben der Scheine in seinem Verlagsgebäude ausgestellt. "Große Bedeutung haben die Scheine nicht gehabt", sagt Bröstler. Man kann sich leicht vorstellen, dass bei zunehmenden Wertverfall der Mark eine 50-Pfennig-Note auch keinen Wert mehr hatte. Gültig waren die Nothilfscheine im Bereich des Kommunalverband Marktheidenfelds, das dem Gebiet des Altlandkreises Marktheidenfeld entsprach.

Das Notgeld der Stadt Karlstadt im Wert von 50 Pfennig, gestaltet von Heinz Schiestl. Der Geldschein zeigt das Alte Rathaus.
Foto: Dürr | Das Notgeld der Stadt Karlstadt im Wert von 50 Pfennig, gestaltet von Heinz Schiestl. Der Geldschein zeigt das Alte Rathaus.

Auch in den anderen Städten in den Altlandkreisen des heutigen Landkreises Main-Spessart gab es eigene Ausgaben von Notgeld. Die Stadt Karlstadt und die Portland-Cementfabrik ließen Notgeldmünzen beziehungsweise Kleingeldersatzmarken aus Zinkblech oder Eisen in den geringen Nominalwerten zu 1, 5, 10 und 50 Pfennig herstellen.

Zudem beauftragte die Stadt Karlstadt im Jahr 1920 den in Würzburg lebenden Künstler Heinz Schiestl mit dem Entwurf für einen Geldschein. Durch seine gestalterischen Arbeiten für mehr als 100 Orte in Deutschland machte sich Heinz Schiestl einen Namen als einer der besten Grafiker auf diesem Gebiet. Die mit viel Lokalkolorit im Fünffarbendruck von der Karlstadter Druckerei Jean Dietz hergestellten 50-Pfennig-Notgeldscheine kamen ab 3. Dezember 1920 mit einer Stückzahl von 20 000 in Umlauf.

So sah das Notgeld in Gemünden aus.
Foto: Michael Deubert | So sah das Notgeld in Gemünden aus.

Der Historische Verein Marktheidenfeld hatte im Jahr 2013 eine Ausstellung im Franck-Haus gezeigt und viele Notgeld-Scheine aus dem gesamten unterfränkischen Raum präsentiert. Zu sehen waren auch Scheine aus den Städten Lohr und Gemünden, die ebenfalls Notgeld heraus gegeben hatten. Der Notgeldschein von Gemünden zeigt eine Stadtansicht, der Notgeldschein der Stadt Lohr das Lohrer Schloss.

Das Kriegsgeld der Stadt Lohr im Wert von 50 Pfennig.
Foto: Karl Anderlohr | Das Kriegsgeld der Stadt Lohr im Wert von 50 Pfennig.

Doch zurück zum Verlauf der Inflation im Krisenjahr 1923: Mitte November setzte die Währungsreform dieser Zahlenakrobatik ein Ende. Zunächst tauchte die „Goldmark“ auf, die im amerikanischen Dollar ihre Berechnungsgrundlage hatte (4,20 Goldmark = 1 Dollar), dann, nach Gründung der neuen Deutschen Rentenbank, die „Renten-Mark“, die 1924 durch die bis 1948 gültige „Reichsmark“ ersetzt wurde.

Inflation: Viele fühlten sich betrogen

Durch die Geldentwertung wurden die Lasten des verlorenen Krieges von der Masse der abhängig Beschäftigten und den reinen Geldvermögensbesitzern getragen. Die Weimarer Republik war daher in den Augen vieler schon diskreditiert, viele fühlten sich betrogen. Wachsende Teile der Arbeiterschaft wollten diesen Staat nicht mehr verteidigen, als sich mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 ihre soziale Lage wieder verschlechterte. Inflationsgewinner waren die Grundeigentümer, aber auch Käufer von Immoblien, die sich durch die Geldentwertung faktisch vollständig entschuldeteten, während ihr Eigentum den Wert behielt.

Spessart-Museum in Lohr: Dort sind einige Notgeld-Scheine von Heinz Schiestl mit Erklärungen ausgestellt.

Lesetipp: Den Einstieg in die Serie verpasst? Die bisher erschienenen Serienteile finden Sie unter https://www.mainpost.de/dossier/geschichte-der-region-main-spessart/

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