Partenstein

Jagdverband: Wald „zur Holzproduktionsstätte verkommen“

Jäger sprechen sich gegen Änderungen im Bundesjagdgesetz aus. Wirtschaftliche Interessen und Freizeitverhalten schaden dem Wald mehr als das Wild, sagen sie.
Nicht Rehe, sondern vor allem wirtschaftliche Interessen schadeten dem Wald, sagten bei einem Pressetermin im Partensteiner Wald (von links) Hubert Helfrich, Stephan Amend und Ingo Steigerwald.
Foto: Wolfgang Dehm | Nicht Rehe, sondern vor allem wirtschaftliche Interessen schadeten dem Wald, sagten bei einem Pressetermin im Partensteiner Wald (von links) Hubert Helfrich, Stephan Amend und Ingo Steigerwald.

Nicht Rehe, sondern vor allem wirtschaftliche Interessen schadeten dem Wald, sagten bei einem Pressetermin am Donnerstag im Partensteiner Wald Stephan Amend und Ingo Steigerwald (beide Bayerischer Jagdverband) sowie Jagdberater Hubert Helfrich. Damit reagierten sie auf die Darstellungen des Ökologischen Jagdverbandes, des Bundes Naturschutz und der Stadt Lohr (wir berichteten).

Hintergrund ist eine geplante Änderung des Bundesjagdgesetzes, die eine stärkere Bejagung vorsieht; dadurch soll erreicht werden, dass  ausreichend junge Bäume im Wald nachwachsen können, ohne von Rehen verbissen zu werden. Erfolgen soll die künftige Waldverjüngung im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen wie Einzäunungen. Diese geplante Gesetzesänderung begrüßten kürzlich bei einem Pressetermin im Lohrer Stadtwald der städtische Forstchef Bernhard Rückert, Jochen Raue vom Ökologischen Jagdverband (ÖJV) und die beiden Bund-Naturschutz-Leute Erwin Scheiner und Torsten Ruf  (wir berichteten). 

Klimawandel nicht Schuld der Tiere

Ganz so einfach sei die Sache jedoch nicht, machten nun Stephan Amend, Vorsitzender der Kreisgruppe Lohr des Bayerischen Jagdverbandes (BJV), sein Stellvertreter Ingo Steigerwald und der als Jagdberater für die Bereiche Lohr und Marktheidenfeld zuständige Hubert Helfrich deutlich. Mit der geplanten Änderung des Jagdgesetzes seien sie nicht einverstanden, sagten die drei Männer. Schädlich für das Ökosystem Wald seien vor allem wirtschaftliche Interessen und damit einhergehende Fehler in der Bewirtschaftung aber auch menschliches Freizeitverhalten im Wald, das die Rehe ins Dickicht treibe und dort zu mehr Verbiss führe.

Man könne das Wild nicht für alles verantwortlich machen, was im Wald passiere, sagte Amend. Das Wild sei weder am Klimawandel schuld, noch daran, dass der Mensch anfällige Fichtenmonokulturen geschaffen habe. Recht stabil seien hingegen Mischwaldbestände; in Waldbereichen, in denen der Mensch wenig eingegriffen habe, finde man die größte Artenvielfalt. Laut Steigerwald ist der Wald "seit vielen Jahrzehnten zur Holzproduktionsstätte verkommen"; und genau das sei das Problem, denn mit Ökologie habe dies nichts zu tun. Die Auerhühner seien im Spessart durch die Forstwirtschaft ausgestorben, ergänzte Helfrich.

Amend, Steigerwald und Helfrich sehen Wildverbiss als Folge davon, dass Rehe immer weniger Möglichkeiten zur Nahrungsaufnahme vorfänden: im Wald gebe es immer weniger Wildwiesen, weil aus wirtschaftlichen Gründen auch noch der letzte Quadratmeter zugepflanzt werde und die Wiesen in den waldnahen Tälern würden oftmals eingezäunt, weil dort Ziegen oder Schafe gegen Verbuschung eingesetzt würden. Da sei es logisch, wenn sich die Rehe ins Walddickicht zurückzögen und dort junge Triebe abfräßen.

These: Im Wald fehlen Wiesen und offene Stellen

Helfrich plädierte dafür, Sturmflächen nicht möglichst schnell wieder aufzuforsten, sondern diese sich einfach mal selbst zu überlassen. Dies würde aus seiner Sicht viel bringen für die Artenvielfalt. "Was fehlt im Wald, sind Offenwaldstrukturen."

Dass man bei hohen Verbissschäden im Wald den Abschuss erhöhen müsse, stand auch für Amend außer Frage. Steigende Abschusszahlen bei gleichbleibendem, relativ niedrigem Verbiss in den vergangenen 20 Jahren, wie es aus einem vegetationskundlichen  Gutachten für die Hegegemeinschaft Lohr/Spessart und den Staatsforst hervorgeht, verstehe er nicht.

Amend ist nicht nur Jäger, sondern seit zwölf Jahren auch Bürgermeister der Gemeinde Partenstein, der ein 465 Hektar großer Wald gehört. Auch ihm sei daran gelegen, einen gesunden, stabilen Wald zu haben, sagte er. Und den habe man: ohne mehr Rehe zu schießen und ohne auch nur eine einzige eingezäunte Fläche zu haben.

Auch dass es künftig keine Schonzeiten für Rehwild mehr geben soll und mehr Treib- und Drückjagden durchgeführt werden sollen, missfällt Amend, Steigerwald und Helfrich. Das Wild brauche auch Ruhe. Sollten die geplanten Änderungen im Jagdgesetz kommen, "dann ist es kein Wildmanagement mehr, sondern Schädlingsbekämpfung", meinte Helfrich.

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