Laudenbach

Judenfriedhof Laudenbach: Grabsteine sind nicht mehr zu retten

Eines Tages wird es von den 2300 Grabmalen nur noch Fotos geben. Eine Gruppe engagierter Personen kümmert sich gerade um die Dokumentation der Inschriften.
Georg Schirmer dokumentiert die Grabsteine auf dem Judenfriedhof von Laudenbach.
Foto: Daniela Schirmer | Georg Schirmer dokumentiert die Grabsteine auf dem Judenfriedhof von Laudenbach.

Im jüdischen Friedhof auf dem Schlossberg oberhalb von Laudenbach sind die Grabsteine dem Verfall preisgegeben. Der rote Buntsandstein kann dieses in Stein gehauene Archiv nicht konservieren. Daher fotografiert derzeit eine Gruppe von Interessierten alle Grabsteine – mehr als 2300 sind es.

Durch Regen und aufsteigende Bodenfeuchtigkeit dringt Wasser in das poröse Material, der Frost sprengt Jahr um Jahr ganze Platten heraus und zerstört die Inschriften. Über 2300 Grabsteine sind erhalten, aber viele von ihnen sind sehr stark verwittert, manche Inschriften bereits nicht mehr lesbar.

Etliche Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof Laudenbach sind extrem verwittert.
Foto: Georg Schirmer | Etliche Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof Laudenbach sind extrem verwittert.

Die Initiative zu der Dokumentation geht vom Förderkreises ehemalige Synagoge Laudenbach aus. Die zum großen Teil hebräischen Inschriften auf den Steinen sind kulturhistorisch überaus wertvolle Dokumente jüdischen Lebens in der hiesigen Region. Sie erzählen Geschichten über Familie, Beruf und Wirken der Verstorbenen, über ihre Herkunft, Geburt und ihren Tod. Es sind Lebenszeugnisse von Menschen, die hier ansässig und Teil der hiesigen Kultur waren.

Gelände wurde genau kartiert

Die Inschriften sollen dokumentiert werden, um sie später vom Fachleuten übersetzen zu lassen. Im vergangenen Jahr gelang es dem Laudenbacher Förderkreis, durch die Vermittlung von Prof. Dr. Mona Hess von der Uni Bamberg den Studenten Andreas Maul von der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt zu gewinnen, der im Rahmen seiner Bachelorarbeit das gesamte Friedhofsgelände gescannt und eine zentimetergenaue Karte erstellt hat.

Vor allem im alten Teil stehen die Grabsteine nicht nebeneinander. Mit neuester Technologie war es nun erstmals möglich, Abteilungen und Reihen zu identifizieren und jedem Stein eine eigene Nummer zu geben, um auch die sehr alten Grabstellen sicher erkennen und wiederfinden zu können. Gegründet wurde der Friedhof vor mehr als 400 Jahren, die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1623, als in der jüdischen Gemeinde Laudenbach ein Friedhofsverwalter und Totengräber erwähnt wird. Der älteste Teil des Friedhofs befindet sich auf der nach Norden zugewandten Seite. Es handelt sich um eine langgezogene, rechteckige Fläche, die mit den Jahren abschnittsweise erweitert wurde.

Verstorbene aus dem weiteren Umkreis bestattet 

Es handelt sich um einen der größten jüdischen Friedhöfe Bayerns. Auf einer Fläche von rund 1,6 Hektar sind hier vermutlich weit über 3000 Menschen begraben. Wie hoch die Zahl der hier Begrabenen wirklich ist, weiß man nicht, denn viele der Grabsteine sind nicht mehr vorhanden. Vor allem im alten Teil des großen bewaldeten Geländes sieht man viele freie Stellen. Was wie unbelegter Waldboden aussieht, sind Gräber, die längst wieder in den natürlichen Zustand übergegangen sind. Viele Steine sind umgefallen und wurden im Lauf der Jahre von Humus überdeckt oder sind bei Schändungen des Friedhofs zerstört worden und verloren gegangen.

Nicht nur Laudenbacher Juden liegen hier begraben, sondern Verstorbene aus dem ganzen heutigen Main-Spessart-Kreis und darüber hinaus. Besitzer des Geländes waren unter anderem die jüdischen Gemeinden in Adelsberg, Heßdorf, Lohr, Urspringen, Gössenheim, Veitshöchheim und Laudenbach. Mit Hilfe einer bayernweiten Spendenaktion wurde 1873/74 die umlaufende Mauer errichtet.

Die Inschriften sollen später von Fachleuten übersetzt werden.
Foto: Georg Schirmer | Die Inschriften sollen später von Fachleuten übersetzt werden.

Mit der erwähnten Geländekarte von Andreas Maul wurde die Grundlage für die fotografische Dokumentation aller Steine des Friedhofs geschaffen. Der langjährige Friedhofspfleger Georg Schnabel und die Besitzerin des Friedhofs, der Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, unterstützten das Projekt.

Überregionale Unterstützung für das Projekt in Laudenbach

Vergangenen Sommer nahm Georg Schirmer vom Förderkreis Kontakt mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege auf. Die für die jüdischen Friedhöfe zuständige Kunsthistorikerin Susanne Klemm kam zu einem Ortstermin und war an dem Projekt sofort interessiert. Das Denkmalamt stellte Fördergelder bereit, mit denen die Anschaffung einer professionellen Fotoausrüstung möglich war. Damit konnte die Dokumentation des jüdischen Friedhofs in Laudenbach im Oktober beginnen.
In dem auf zwei Jahre angelegten ehrenamtlichen Projekt arbeiten Personen des Förderkreises ehemalige Synagoge Laudenbach e.V. und eine Gruppe von Fotograf*innen mit. Neben Susanne Klemm vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege stehen mit Dr. Rotraud Ries vom Johanna-Stahl-Zentrum in Würzburg sowie Prof. Dr. Talabardon und Dr. Rebekka Denz von der Professur für Judaistik in Bamberg vier erfahrene Fachfrauen zur Verfügung, die das Projekt begleiten und unterstützen. Die Bilder und Dokumentationen werden in Datenbanken aufgenommen und später der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.
Wer Interesse am Fotografieren hat, kann sich dem Team anschließen. Vorerfahrungen sind wünschenswert, aber nicht unbedingt notwendig. Interessierte melden sich bei Georg Schirmer unter (09353) 1509 oder georg.schirmer@synagoge-laudenbach.de).
Quelle: Förderkreis ehemalige Synagoge Laudenbach e.V.
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