Karlstadt

So erklärt sich Main-Spessarts Klinikreferent die heftige zweite Welle

Main-Spessart hat mit aktuell 227 einen höheren Inzidenzwert als Würzburg. Haben wir uns im Landkreis zu sicher gefühlt? Das glaubt René Bostelaar.
Besonders in Pflegeeinrichtungen in Main-Spessart wütet das Virus: das Mobile Testzentrum am stark betroffenen Altenheim in Karlstadt  Mitte November.
Foto: Karlheinz Haase | Besonders in Pflegeeinrichtungen in Main-Spessart wütet das Virus: das Mobile Testzentrum am stark betroffenen Altenheim in Karlstadt  Mitte November.

Der Landkreis Main-Spessart durfte sich im Frühjahr, als die erste Corona-Welle übers Land rollte, als Insel der Glückseligen fühlen. Während im nahen Würzburg die Zahl der Infizierten und Verstorbenen in die Höhe schoss, gab es in Main-Spessart kaum Infizierte, wenige Intensivpatienten und lediglich sechs Personen, die an oder mit Covid-19 verstorben sind. Momentan scheint es sich umzukehren. Main-Spessart hat mit aktuell 227 einen höheren Inzidenzwert als Würzburg, innerhalb weniger Tage ist die Zahl der Corona-Toten auf 22 hochgeschnellt. Woran liegt das?

Eine einfache Erklärung, warum es auch oder gerade Main-Spessart nun so heftig erwischt, gibt es nicht. Das 40-köpfige Team für die Kontaktnachverfolgung kann keine besonderen Schwerpunkte ausmachen. Der stellvertretende Landrat Christoph Vogel sagte, dass es keinen "Superspreader-Event" gegeben habe. 

Alten- und Pflegeheime sind Hotspots der zweiten Pandemiewelle

Ganz sicher hat die hohe Fallzahl im Landkreis mit den Alten- und Pflegeheimen zu tun, wie Vogel und Florian Kreiselmeier, Abteilungsleiter öffentliche Sicherheit und Ordnung am Landratsamt, bei der Pressekonferenz am Donnerstag erläuterten. In der ersten Welle waren die Pflegeheime in Main-Spessart kaum betroffen, während es Würzburger Heime aufgrund von Corona-Ausbrüchen bundesweit in die Medien schafften. Aktuell sind in Main-Spessart gerade einmal noch drei Heime coronafrei.

Wie konnte das passieren? Jedes Heim hat immerhin ein eigenes Schutz- und Hygienekonzept für die Pandemie, das vom Gesundheitsamt und der Heimaufsicht überwacht wird. Klinikreferent René Bostelaar versuchte sich an einer Erklärung: "Vielleicht haben wir uns zu sicher gefühlt." Die im März schnell beschlossenen strikten Regeln für Alten- und Pflegeheime hätten verständlicherweise viel Widerspruch und Beschwerden provoziert, aber offensichtlich wirkten sie.

Dann wurden sie schrittweise immer weiter gelockert. Im Sommer waren "alle happy", so gut durchgekommen zu sein, so Bostelaar. Beschränkungen, AHA-Regeln? "Alle konnten es nicht mehr hören." Aber dann habe sich das "Virus eingeschlichen". "Das Coronavirus kommt nicht plötzlich." Die Inkubationszeit sei lang, das mache das Virus so tückisch.

Als eine mögliche Erklärung sieht Bostelaar auch, dass 70 Prozent aller Angestellten im Klinikum und in den Pflegeheimen Frauen sind. Die hätten Kinder und somit auch genügend Gelegenheiten, sich zu infizieren. Und Coronatests seien immer nur eine Momentaufnahme, schon im nächsten Augenblick nach dem Test könne man sich infizieren.

Ältere Menschen sterben bei schweren Verläufen überdurchschnittlich häufig

Dass alte Menschen besonders schutzbedürftig sind, verdeutlichte Dr. Susann Walz, die Pandemiebeauftragte des Klinikums Lohr. Rund 70 Prozent aller über 80-Jährigen, die aufgrund eine SARS-CoV-2-Erkrankung beatmet werden müssen, stürben. Manche Patienten oder deren Angehörige entschieden sich deshalb für reine Palliativ-Maßnahmen, die das Atmen erleichtern, und gegen eine künstliche Beatmung. Stellvertretender Landrat Vogel erklärte, dass sich der Zustand von Erkrankten innerhalb von 48 Stunden so verschlechtern könne, dass Betroffene sterben.

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