Neustadt am Main

Neustädter Missionsdominikanerinnen lösen Kloster Dießen auf

Vom Missions- zum Seniorenkloster: Lange Zeit war der Orden auf Expansionskurs. Jetzt fehlt der Nachwuchs. Die Schwestern in Deutschland sind im Schnitt 80 Jahre alt.
Einst wurden in Neustadt Dominikanerinnen für den missionarischen Dienst in Afrika vorbereitet. Jetzt wandelt sich die Heimat der fränkischen Provinz zum Seniorenkloster. Im Bild der Neubau, der 1962 eingeweiht wurde.
Foto: Roland Pleier | Einst wurden in Neustadt Dominikanerinnen für den missionarischen Dienst in Afrika vorbereitet. Jetzt wandelt sich die Heimat der fränkischen Provinz zum Seniorenkloster. Im Bild der Neubau, der 1962 eingeweiht wurde.

Vor über 100 Jahren gegründet, ist das Kloster Neustadt das Zentrum für alle Missionsdominikanerinnen in Deutschland. Gegründet wurde es, um Nachwuchs für die Dominikanerinnen der Hl. Katharina von Siena von Oakford (in Südafrika) für den Missionseinsatz vorzubereiten. Neustadt war damals die erste ausländische Niederlassung.

Doch den Orden geht es schlecht: Gab es 1965 noch 100 000 Ordensfrauen in Deutschland, waren es 2016 nur noch knapp 18 000. Dieser Trend macht auch vor Neustadt nicht Halt und zwingt die Missionsdominikanerinnen zum Handeln und neue Wege zu gehen: Nach ihrem Rückzug vom Volkersberg in der Rhön lösen sie nun auch das Kloster in Dießen am Ammersee auf. Dies teilte Klaus Roos, geistlicher Begleiter der Missionsdominikanerinnen Neustadt, auf Nachfrage der Redaktion mit.

Schwestern ziehen nach Lohr und Marktheidenfeld

Neun der dortigen Schwestern sind demnach pflegebedürftig und bereits umgezogen: Acht von ihnen leben im Caritas-Seniorenzentrum St. Martin in Lohr, eine im Haus Lehmgruben in Marktheidenfeld. Weitere zwei Schwestern sind bereits seit März im Kloster Neustadt tätig und die drei in Dießen verbliebenen werden noch in diesem Jahr folgen. 

Als Provinzpriorin ist Christiane Sartorius für alle Schwestern in Deutschland zuständig. Es sind nur noch 37.
Foto: Theresa Müller | Als Provinzpriorin ist Christiane Sartorius für alle Schwestern in Deutschland zuständig. Es sind nur noch 37.

Der Kongregation von Oakford hatten sich die Dießener Dominikanerinnen erst 1967 im Zuge der Neuorientierung nach dem 2. Vatikanischen Konzil angeschlossen. Mit der Auflösung ihres Klosters geht dort eine Ära zu Ende. 1867 hatten Dominikanerinnen aus Landsberg einige der Wirtschaftsgebäude des ehemaligen Augustiner-Chorherren-Stifts erworben und 1895 in einem Teil des Wirtschaftshofes das selbstständige Kloster St. Joseph und eine Mädchenvolksschule eingerichtet. 1950 hatten sie eine Mädchen-Realschule eröffnet, die heutige "Liebfrauenschule", die 2003 in die Trägerschaft der Diözese Augsburg überging.  Zuletzt beteiligten sie sich an der Pfarreiarbeit, vor allem durch Krankenbesuche und Trauerbegleitung.

Das Kloster Dießen ist nicht der erste Standort, den die Missionsdominikanerinnen aufgeben. Der Grund ist bei allen Klöstern gleich: Dem Orden fehlt der Nachwuchs.  „Wir sind eine Seniorinnenkommunität geworden“, zitiert Roos Schwester Christiane Sartorius in einer Pressemitteilung, die als Provinzpriorin für alle Schwestern in Deutschland zuständig ist. Hier leben gerade mal noch 37 Schwestern, 21 davon im Kloster Neustadt. Neben denen in Lohr, Marktheidenfeld und Dießen sind noch drei Schwestern in Flörsheim geblieben. Weltweit zählt der Orden noch 109 Schwestern, davon 55 in Südafrika, 14 in den USA und drei in England. 

Im Durchschnitt 80 Jahre alt: Der Orden muss umdenken

Das Durchschnittsalter der 37 Schwestern in Deutschland beträgt laut Schwester Christiane Sartorius 80 Jahre. „Wir sehen es als Herausforderung an, unser Gemeinschaftsleben auch im Alter menschlich und geistlich erfüllt zu gestalten", zitiert Roos sie. "Das ist die Form missionarischer Ausstrahlung, die uns heute noch möglich ist.“

Bleibt weiterhin in Marktheidenfeld tätig: Schwester Magdalena Stauder, hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 2005. 
Foto: Edith Wiesmann | Bleibt weiterhin in Marktheidenfeld tätig: Schwester Magdalena Stauder, hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 2005. 

Sonderfall: Schwester Magdalena Stauder bezieht Privatwohnung in Marktheidenfeld

Die Berufung in den Ordensstand ende jedoch nicht mit dem Pensionsalter, betont die Provinzpriorin aus Neustadt. Deutlich wird dies am Beispiel von Schwester Magdalena Stauder, für die der Orden eine Sonderrolle gefunden hat: Die 72-Jährige hat gerade eine kleine Wohnung in Marktheidenfeld bezogen. „Ich bin der Außenposten unseres Klosters in Marktheidenfeld“, zitiert Roos die Schwester, die der Kongregation seit 1967 angehört. Sie wirkte viele Jahre als pastorale Mitarbeiterin in der Marktheidenfelder Pfarrei beziehungsweise Pfarreiengemeinschaft. Mit 70 ging sie in den Ruhestand. Jetzt hat sie von ihrem Kloster einen neuen Auftrag bekommen.

Schwester Magdalena werde nicht, wie einst der Ordensgründer Dominikus, predigend durch die Stadt ziehen, erläutert Roos. Damit, dass sie hier mitten unter den Menschen wohnt, setzte sie ein Zeichen der Solidarität. Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen zu teilen, sei nach dem 2. Vatikanischen Konzil der Grundauftrag der Kirche. „Ich bin da“,  gibt er die Botschaft von Schwester Magdalena weiter. „ Ich bin ansprechbar. Ich teile mein Leben mit den Menschen in dieser Stadt. Für Sorgen oder Kummer habe ich ein offenes Ohr. Und wenn jemand das will, nehme ich sein Anliegen mit in unsere klösterliche Gebetsgemeinschaft, wo täglich im Gottesdienst Fürbitte gehalten wird für die Nöte der Menschen.“

Schwester Hilke Stenner: 'Aus Altersgründen können wir keine Schwestern mehr in die Mission schicken.'
Foto: Martina Schneider | Schwester Hilke Stenner: "Aus Altersgründen können wir keine Schwestern mehr in die Mission schicken."

Wie Schwester Magdalena Stauder ihre neue Aufgabe versteht

Als „Außenposten“ versteht sich auch Schwester Magdalena, aber nicht als Einzelkämpferin. Die enge Verbindung mit der Klostergemeinschaft bleibe erhalten, schreibt Roos. Schwester Magdalena berichte ihren Mitschwestern von ihren Erfahrungen und bitte sie um ihr Gebet für die Anliegen, denen sie die Woche über begegnet ist. Die Mehrzahl der Marktheidenfelder werde die neue Mitbürgerin kaum bemerken, da sie selten in Ordenstracht auftritt. Aber wenn sie jemand an ihrem dominikanischen Brustkreuz als Ordensschwester erkenne, dann könne dies schon mal ein überraschtes Lächeln auslösen: „Schön, dass es sie noch bei uns gibt.“

"Aus Altersgründen können wir keine Schwestern mehr in die Mission schicken", macht Schwester Hilke Stenner deutlich, die 2013 als letzte der Dominikanerinnen das Reha-Zentrum Haus St. Michael verließ und seit 2018 als koordinierende Priorin im Kloster Neustadt tätig ist. "Aber als Gebetsgemeinschaft können wir ein Zeichen sein für die Verbindung von Himmel und Erde. Stellvertretend bringen wir die Sorgen der Menschen und die Not der Welt im Gebet vor Gott. Das ist ein Dienst, der uns auch im Alter noch möglich ist.“ 

Das Kloster Neustadt und die Missionsdominikanerinnen
769: Gründung des Benediktinerklosters Neustadt
1803: Das Kloster wird im Zuge der Säkularisation aufgelöst und geht mitsamt seiner umfangreichen Bibliothek in den Besitz des Fürsten Konstantin von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg über.
1857: Das Klostergebäude und die Kirche, seit 1837 als Pfarrkirche benutzt, brennen nach einem Blitzschlag ab. Die Kirche wird bis 1879 aufgebaut, das Kloster bleibt als Ruine stehen.
1877: Das Dominikanerinnenkloster St. Ursula in Augsburg schickt Schwestern in die südafrikanische Kapregion. Zwölf Jahre später kümmern sich acht Schwestern von dort in der Farm Oakford nahe der Hafenstadt Durban in der damaligen Provinz Natal um Angehörige eines Eingeborenenstammes, die von einem Sklavenschiff aus Madagaskar gerettet wurden. Bald eröffnen sie eine Schule. 1890 wird die Oakford-Mission zur selbständigen Kongregation der Oakford Dominikanerinnen. Zwischen 1890-1912 sind es 67 Frauen, die ihre neue Heimat in Afrika suchen.
1909: Die Schwestern eröffnen in Neustadt ein Noviziatshaus für ihren Missionsnachwuchs, die erste Niederlassung in Deutschland. Sie mieten das Sommerhaus des Benediktinerabtes. Vier Jahre später richten sie sich im ehemaligen Rentamt von Fürst Löwenstein-Wertheim-Rosenberg ein - zunächst als Mieter, dann als Eigentümer. Wegen des Ersten Weltkriegs müssen die ersten sieben Postulantinnen aber bis 1920 auf ihre Einkleidung warten. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs werden über 400 Schwestern nach Afrika entsandt, davon allein 120 Schwestern aus der Diözese Würzburg. Das Kloster ist bis heute das Provinzhaus der Fränkischen Provinz der Dominikanerinnen von Oakford.
1920/21: In Chingford, in der Nähe von London, wird ein neues Ausbildungshaus eröffnet, vornehmlich für junge Frauen aus England und Irland, die sich hier auf den missionarischen Dienst in Südafrika vorbereiteten. Die letzten drei Schwestern leben heute in einem Pflegeheim der Vinzentinerinnen.
1921: Der Orden erwirbt das Haus auf dem Volkersberg in der Rhön als Ausbildungsstätte für junge Missionarinnen. Sie 1956 nutzt es die Diözese Würzburg als Jugend- und Erwachsenenbildungshaus. Die beiden letzten Schwestern verlassen das Haus im Jahr 2013. 
1956: Die Stadt Flörsheim am Main sucht Schwestern für ihr Krankenhaus. Die Ordensleitung setzt einige Krankenschwestern dort ein - im Laufe von 50 Jahren werden es über 20. Von ihnen leben noch drei im dortigen Krankenhaus, das jetzt der Marienhaus GmbH angegliedert ist. 
1958: Sechs Schwestern werden zum Studium nach Kalifornien gesandt, im Jahr darauf vier weitere. Eine kleine Gemeinschaft übernimmt die Leitung der Katholischen Schule der Pfarrei St. Justin in Santa Clara, CA. Heute arbeiten die 14 Schwestern in Arizona mit Migranten an der Grenze zu Mexiko und betreiben Pastoralarbeit in Kalifornien. 
1960: Die Ruine der ehemaligen Benediktinerabtei und der darin befindliche Gemüsegarten der Schwestern weichen dem Neubau des neuen Klosters. Dieser wird 1962 eingeweiht.
1967: Das Dominikanerinnenkloster St. Josef in Diessen am Ammersee, 1867 gegründet, schließt sich der Kongregation von Oakford an. Das Kloster wird 2019 aufgelöst.
1978: In den zwischendurch leer stehen Wirtschaftsgebäuden der ehemaligen Benediktinerabtei wird ein medizinisch-therapeutisches Übergangszentrum eingerichtet, getragen vom Caritasverband der Diözese Würzburg, später vom Erthal-Sozialwerk. Die Einrichtung wird 2017 nach Eisingen verlagert. Die Räume werden vorübergehend genutzt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.
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