Rechtenbach

Schnaps und Ballern: Unfall zu Neujahr 1871 in Rechtenbach

Vor 150 Jahren kam es beim Neujahrsschießen in Rechtenbach zu einem schweren Unfall. Alte Zeitungsartikel und Leserbriefe beleuchten das damals Geschehene.
Ein Bild vom Neujahrsschießen in Würzburg 2017.
Foto: Thomas Obermeier | Ein Bild vom Neujahrsschießen in Würzburg 2017.

Auf den kurzen Artikel "Tödliche Verletzungen beim Neujahrsschießen" mit einer dürren Meldung aus dem Würzburger Abendblatt vom 16. Januar 1871 über einen Verstorbenen 64-jährigen Rechtenbacher namens Johann E. hin hat sich der frühere Main-Post-Redakteur Karl Anderlohr die Mühe gemacht nachzuschauen, was der Lohrer Anzeiger damals dazu vermeldete.  Und das ist ganz interessant.

Zunächst vermeldete der Lohrer Anzeiger am 3. Januar vor 150 Jahren: "Der Unfug des Schießens in der Neujahrsnacht, der trotz aller Ermahnungen und Warnungen alljährlich sich wiederholt, hat dieses Jahr im benachbarten Rechtenbach sein Opfer gefordert, indem ein dortiger Einwohner in vorgerückten Jahren sich mit einem Revolver die linke Hand so verletzte, daß ein Finger sogleich abgenommen werden mußte und die Erhaltung der ganzen Hand in Frage steht."

Eine genauere Schilderung des Unfalls in der Neujahrsnacht in Rechtenbach erfolgte in einem anonymen Leserbrief im Lohrer Anzeiger: „In Rechtenbach ist es Sitte, oder vielmehr Unsitte, vom Sylvester Abend an die ganze Nacht hindurch bis zum Anfange des Gottesdienstes am Neujahrstage auf allen Seiten zu schießen, was sich nicht selten bis in den Nachmittag hinein erstreckt. Unterdessen geht das 'Neujahrswünschen' an vom frühen Morgen beginnend und zwar geht’s von Haus zu Haus, überall hin, wo man Schnapps zu bekommen hoffen kann, denn der Wünschende wird mit Schnapps regalirt. Wer da nun morgens vor dem Gottesdienste seinen Rundgang nicht fertig bringt, setzt ihn nachher fort bis in den Nachmittag."

Finger flogen dem Nebenstehenden an den Kopf

Und weiter: "Einer, der auch Nachmittags erst seine Schnappswallfahrt vollendete, sah in einem Hause einen Revolver, nahm ihn in die Hand, ging recht unvorsichtig mit ihm um und schoß sich den Zeige- und Mittelfinger der linken Hand ab, welche noch überdies arg zerrissen wurde; beide abgeschossenen Finger fuhren dem nebenstehenden Manne an die Stirne und nicht viel fehlte, so wäre auch noch die anwesende Frau von der Kugel getroffen worden.

Nebenbei gesagt, wird diesem Unfuge des Schießens von der löblichen Ortspolizei auch nicht das Leiseste in den Weg gelegt, während man dem Pfarrer einen Prozeß wegen Straßenunfugs an den Hals hängen wollte, als er bei Gelegenheit des vergangenen Fronleichnamsfestes durch eigens ausgewählte ordentliche Männer, denen übrigens der Nachtwächter und der Polizeidiener nachschlichen, wahrscheinlich auf hohen ortspolizeilichen Befehl, an den 4 Altären zur Ehre des Allerheiligsten auf seine Kosten die in aller Christenwelt üblichen Salven geben ließ, indessen man sich während der Prozession mit seinen Bienenstöcken beschäftigte. Auch eine schöne Gegend.“

Karl Anderlohr vermutet hinter diesem Leserbrief den damaligen Ortsgeistlichen oder jemanden aus dessen Umgebung. "Solche Leserbriefe erschienen damals in aller Regel ohne Namensnennung", so Anderlohr.

"Ein in der Gemeinde allgemein geachteter nüchterner Mann"

Es gab damals sogar wenige Tage später eine Erwiderung auf den Leserbrief: "Das 'Eingesandt' erwähnt mit wenig Bedauern den Unglücksfall, der sich in Rechtenbach am Neujahrstage in Folge ungeschickter Handhabung eines Terzeroles (das Terzerol ist eine kleine Vorderladerpistole, Anm. d. Red.) zutrug. "Der von dem Unfalle Betroffene ist ein in der Gemeinde allgemein geachteter nüchterner Mann, und hätte verdient, bedauert, nicht beschimpft zu werden, zumal Augenzeugen die in dem Artikel erzählten Einzelheiten des Vorfalles als durchaus unrichtig bezeichnen. Dem Einsender jenes Artikels scheint es überhaupt nur darum zu thun gewesen sein, um einerseits seinem Unmuthe gegen die Ortspolizei, andererseits seiner ortsbekannten Verachtung des Branntweingenusses einmal auf publizistischem Wege die Zügel schießen zu lassen."

Am 14. Januar vermeldete der Lohrer Anzeiger schließlich den Tod des verletzten Rechtenbachers.

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