Lohr

Lohrer Start-Up-Gründer: Vermittler zwischen zwei Kulturen

Analoges Brainstorming im Digitalen Gründerzentrum: Start-up-Gründer Chinmay Doctor und die ehemalige Leiterin des Lohrer Starthouses, Lisa Straub, bemalen bei einer Besprechung die abwaschbaren Wände. 
Foto: Boris Dauber | Analoges Brainstorming im Digitalen Gründerzentrum: Start-up-Gründer Chinmay Doctor und die ehemalige Leiterin des Lohrer Starthouses, Lisa Straub, bemalen bei einer Besprechung die abwaschbaren Wände. 

Chinmay Doctor ist Kenner zweier Kulturen: Der gebürtige Inder kam vor 35 Jahren zu Rexroth nach Lohr, um sich dort weiterzubilden. Doch dabei blieb es nicht: Der heute 58-Jährige hat in Lohr eine Familie gegründet und zwei Unternehmen. Seine neueste Firma hat der studierte Maschinenbauer im September 2019 ins Leben gerufen. Sie heißt CD Recruiting und will Fachkräfte für Informationstechnologie (IT) nach Deutschland holen.

Hier Mangel – dort Überfluss

Hier sind IT-Experten eine heiß begehrte Mangelware, in Indien schließen laut dem Wombacher hingegen jährlich etwa 800 000 Menschen ein Studium mit dem Schwerpunkt IT ab. "Wir haben in Indien jedes Jahr einen Überhang von knapp einer halben Million Menschen, die qualifiziert sind, aber dort nicht die entsprechenden Jobs finden", erläutert Doctor. Sein Lohrer Start-up kooperiert mit einem indischen Personalberatungsunternehmen, das sich auf IT-Fachleute spezialisiert hat.

Aus deren Pool an Fachkräften trifft Doctor eine Vorauswahl nach den individuellen Interessen seiner deutschen Auftraggeber: "Wenn dieser eine bestimmte Spezialisierung oder Fachrichtung wünscht, können wir ihm in zwei Wochen mindestens fünf Kandidaten präsentieren, die diese Erfahrung haben", erklärt der 58-Jährige seine Geschäftsidee.

Mit der bloßen Vermittlung von Arbeitskräften ist es aber nicht getan. Chinmay Doctor will die indischen IT-Spezialisten, die in ihrem Heimatland zwar ein Seminar absolvieren, in dem sie die kulturellen Unterschiede kennenlernen, und einen Deutschkurs belegen, auch außerhalb des Unternehmens betreuen. Er sieht die Rolle seiner Firma als "Auffangnetz für alltägliche Probleme in einem fremden Land". Als Beispiele nennt er unter anderem Themen wie Versicherungen, Arbeitnehmerrechte, Altersvorsorge. "Das sind alles Sachen, die in Indien in diesem Sinne nicht existieren", betont er.

Chinmay Doctor ist Mieter im digitalen Gründerzentrum in Lohr. Er schätzt die Infrastruktur, die technische Ausstattung und die "sehr offene und kooperative Atmosphäre". Der 58-Jährige liebt den Austausch mit den anderen Gründern im Starthouse auch deshalb, weil daraus neue Ideen entstehen. Sein ursprüngliches Geschäftsmodell hat er zwischenzeitlich mehrmals erweitert. Nun sucht CD Recruiting auch projektbezogen für drei bis zwölf Monate Fachkräfte, die von Indien aus für deutsche Firmen arbeiten.

Corona hat Geschäft verhagelt

Stillstehen kann Doctor nicht ausstehen: Als ihm das Flugverbot aufgrund der Corona-Pandemie das Geschäft verhagelte, erschuf er gemeinsam mit einem weiteren Gründer die Marke workwisely unter dem Dach seines Start-ups. "Wir haben 120 Entwickler in Indien, um Internetseiten herzustellen, aber auch individuelle Software zu entwickeln. Damit baue ich mir gerade ein zweites Standbein auf", berichtet er. Seinen neuen Geschäftspartner hat Doctor über eine Internetkonferenz kennen gelernt, zu der ihn das Lohrer Starthouse eingeladen hatte.

Mit seinen 58 Jahren entspricht Chinmay Doctor nicht unbedingt der gängigen Vorstellung vom jungen Gründer, der sein Studium schmeißt, um ein Start-up aufzuziehen. Sein Alter habe im Starthouse nie eine große Rolle gespielt, erzählt er. "Ich wurde dort sehr positiv aufgenommen und nicht als alter Hase abgestempelt." Das Digitale Gründerzentrum bietet ihm laut eigener Aussage die Möglichkeit, seinen Horizont zu erweitern. Der Wombacher berichtet von sehr viel Interaktion mit jungen Gründern, die komplett anders denken als er. "Man lernt nie aus", bringt er die Vorteile des Netzwerks auf den Punkt.

Minimum ist 80-Stunden-Woche

Auch die Arbeit geht dem Gründer nicht aus. Eine 80-Stunden-Woche bezeichnet er als das Minimum. "Selbstständig heißt, man sucht sich die Arbeit selbst und arbeitet ständig", sagt er. "Die gedankliche Arbeit höre sowieso nie auf", schiebt Doctor hinterher.

Die Corona-Krise hat auch im Starthouse ihre Spuren hinterlassen: Die meisten Gründer arbeiten jetzt öfter von zu Hause aus, hat der 58-Jährige festgestellt. Er vermisst den persönlichen Austausch, der früher einfacher war. "Egal wie digital, ich brauche es, unter Leuten zu sein", betont er. Weil die Corona-Pandemie die Wirtschaft in Schwierigkeiten gebracht hat, halten sich derzeit viele Firmen mit Neueinstellungen zurück oder entlassen sogar Mitarbeiter. Das erschwert die Geschäfte von CD Recruiting.

Auf die Frage, ob sein Start-up zu scheitern droht, antwortet Doctor abgeklärt: "Ein Start-up ist immer in Gefahr. Es ist garantiert nicht einfacher geworden. Jetzt muss man eben einen längeren Atem haben."

Chinmay Doctor

Der heute 58-jährige Chinmay Doctor ist im Alter von 22 Jahren nach Deutschland gekommen. Nach dem Maschinenbau-Studium in Indien bildete er sich bei Rexroth in Lohr weiter.
Das Start-up CD Recruiting, das er im September 2019 gründete, ist nicht seine erste Firma. Vor 20 Jahren hob er die Atco Handelsgesellschaft in Lohr aus der Taufe, die von seiner Frau geleitet wird.
Der Vater von zwei Kindern, der in Lohr-Wombach wohnt, war bis vor zwei Jahren Geschäftsführer der Zhongding Europe GmbH, die ebenfalls in Lohr beheimatet ist.
Doctor hat sich nach eigenen Aussagen neu entdeckt und daraufhin sein Start-up zur Vermittlung indischer IT-Fachkräfte nach Deutschland gegründet. "Ich möchte nicht mehr irgendwelchen Regularien in großen Unternehmen unterworfen sein, sondern selber über mich und meine Zukunft entscheiden", begründet er seinen erneuten Schritt in die Selbstständigkeit.
Quelle: medau
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