Binsfeld

Warum das Mehrgenerationenhaus Binsfeld für viele ein Beispiel ist

"Füreinander - miteinander" ist das Motto des Hauses und nun auch eines Bundesprogramms, das Unterstützung für die nächsten acht Jahre verspricht.
Koordinatorin Steffi Heßdörfer und Bürgermeister Franz-Josef Sauer vor dem Eingang zum Mehrgenerationenhaus Binsfeld.
Foto: Markus Rill | Koordinatorin Steffi Heßdörfer und Bürgermeister Franz-Josef Sauer vor dem Eingang zum Mehrgenerationenhaus Binsfeld.

Der demografische Wandel lässt sich nicht aufhalten. Deshalb gibt's kaum eine Kommune im Landkreis, die sich noch nicht mit Ideen zum Mehr-Generationen-Wohnen, zu einem Dorfgemeinschaftshaus oder ähnlichem beschäftigt hat. Immer wieder wird das Mehrgenerationenhaus (MGH) im 400-Einwohner-Dorf Binsfeld als leuchtendes Beispiel erwähnt. Gerade wurde das Erfolgsprojekt ins neue Bundesprogramm "Miteinander – füreinander" aufgenommen  und hat damit für die nächsten acht Jahre Planungssicherheit – aber es gibt auch Sorgen um die finanziellen Mittel.  

"Besser kann Geld nicht investiert sein als in ein Mehrgenerationenhaus", sagt Arnsteins Bürgermeister Franz-Josef Sauer voller Überzeugung. Als Vorsitzender des Johannesvereins hat er das Projekt einst selbst angestoßen. Seit dem Spatenstich im Jahr 2009 mit Besuch der damaligen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat sich das MGH entwickelt. Heute arbeiten dort 18 Angestellte, die rund 70 Mädchen und Jungen in der Kindertagesstätte und am Nachmittag betreuen sowie rund 40 Senioren besuchen, mit Haushaltshilfe und Demenzbetreuung unterstützen sowie mit in der MGH-Küche zubereitetem Essen versorgen. "Aber wir leisten noch viel mehr", erklärt Stefanie Heßdörfer, Koordinatorin des Hauses.

Ein Anlaufpunkt im 400-Einwohner-Ort

Das MGH hat sich zum Anlaufpunkt entwickelt. Ältere Menschen, die beim Umzug Hilfe benötigen, werden ebenso unterstützt wie ein Arztehepaar, dessen Kinder Betreuung bis in den frühen Abend benötigen. Und FFP2-Masken konnten die Bürger ebenfalls im Haus abholen. Zudem veranstaltet das Team außerhalb von Corona-Zeiten Tagungen und Veranstaltungen, initiiert Seniorensport und empfängt Gäste zum Mittagessen. "Ich würde mir wünschen, dass Mehrgenerationenhäuser so selbstverständlich zum Ortsbild und zur Gesellschaft gehören wie Kindergärten oder Seniorenheime", sagt Franz-Josef Sauer.

Der Binsfelder Johannesverein bewies Weitsicht und Mut, nicht nur mit seiner Entscheidung für das Großprojekt, sondern auch im Detail. "Unsere Angestellten werden alle nach Caritas-Tarif bezahlt. Steffi Heßdörfer beispielsweise besitzt einen unbefristeten Arbeitsvertrag, obwohl die Förderung durch den Bund immer nur auf einige Jahre gesichert ist", so Sauer. Diese soziale Leistung zu "verstetigen", ist ein Anliegen Sauers. 

Bisher hat der Bund die Mehrgenerationenhäuser als Pilotprojekte mal für drei, mal für vier Jahre gefördert. In den vergangenen Jahren stets mit 30 000 Euro pro Jahr unter der Voraussetzung, dass die Kommune weitere 10 000 Euro zuschießt. Im Jahr 2021 gab's erstmals nach über zehn Jahren eine Budgeterhöhung auf 40 000 Euro vom Bund plus 10 000 von der Kommune für die mittlerweile 532 Mehrgenerationenhäuser in Deutschland, 92 davon in Bayern.

Längerfristige Förderung zugesagt – aber wie hoch?

Nun hat Familienministerin Franziska Giffey mit der "Verstetigung" begonnen und das Förderprojekt "Miteinander – füreinander" auf acht Jahre angelegt. Aber erst in den kommenden Wochen wird entschieden, ob die Förderung bei 40 000 Euro pro Jahr aus der Bundeskasse bleibt oder ob sie wieder auf 30 000 Euro sinkt. "Das würde uns natürlich hart treffen", sagt Steffi Heßdörfer. Gerade in der Pandemie seien die sozialen Dienste des Hauses gefragter denn je gewesen. "Die Senioren haben ihre Familien nicht mehr so oft gesehen wie sonst. Umso wichtiger war dann, dass unsere Mitarbeiter geholfen haben und auch als Gesprächspartner da waren." 

Vieles im Binsfelder MGH funktioniert auf ehrenamtlicher Mitarbeit. Das hat, davon ist Bürgermeister Sauer überzeugt, "die gesamte Dorfgemeinschaft belebt". Der Umbau des früheren Sportheims, keine 200 Meter vom MGH entfernt, in ein "Zentrum für Sport, Kultur und Begegnung" sei ein Beispiel für den gewachsenen Gemeinsinn im Ort. 

Kein Wunder, dass Abgesandter vieler Gemeinden oder Parteien regelmäßig in Binsfeld vorbeischauen, um sich inspirieren zu lassen. "Aber man kann das, was wir hier haben, nicht 1:1 in einen anderen Ort übertragen", sagt Heßdörfer. In Binsfeld habe es das Gebäude – früher Sitz der Forstverwaltung, dann ein Schwesternhaus – und den Johannesverein bereits gegeben. "Die Not, etwas zu tun, war hier groß. Und Not macht erfinderisch", sagt Sauer. In Retzstadt entwickele sich gerade eine ähnliche Struktur. Auch für das MGH Waldbrunn im Landkreis Würzburg sowie die Häuser in Goldbach und Johannesberg (beide Landkreis Aschaffenburg) sei Binsfeld so etwas wie der große Bruder.

Wenn in Main-Spessart noch Geschwister hinzukämen, wäre das eine schöne Sache. "Ein Dorf sollte zusammenhalten wie eine Familie", sagt Sauer. Er wünsche sich eine Entwicklung vom Mehrgenerationhaus zum Mehrgenerationendorf Binsfeld zur Mehrgenerationenstadt Arnstein. "Ich habe der Landrätin auch schon mal die Idee eines Mehrgenerationenlandkreises vorgestellt", sagt Franz-Josef Sauer mit einem Schmunzeln.  

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