Marktheidenfeld

Wenn ein Mitschüler plötzlich abgeschoben wird

Murtaza Azizi wurde vergangene Woche nach Afghanistan abgeschoben. Wie seine schockierten Mitschüler und Lehrer versuchen, mit ihm in Kontakt zu bleiben.
Über 100 Schüler protestierten gegen die Abschiebung von Murtaza Azizi.
Foto: Rebecca Wolfer | Über 100 Schüler protestierten gegen die Abschiebung von Murtaza Azizi.

"Welchen Unschuldigen trifft es als Nächsten?", "Afghanistan ist kein sicheres Land" und "Wo ist Murtaza?" steht auf den Plakaten, die die Schüler der Fach- und Berufsoberschule Marktheidenfeld schweigend hochhalten. Über hundert haben sich am Montag auf dem Pausenhof versammelt. Sie wollen darauf aufmerksam machen, was eine Woche zuvor passiert ist: Ihr Mitschüler Murtaza Azizi ist einer der sieben Afghanen aus Unterfranken, die am 7. Januar abgeschoben wurden.

Murtaza Azizi wurde am 7. Januar nach Afghanistan abgeschoben.
Foto: Murtaza Azizi | Murtaza Azizi wurde am 7. Januar nach Afghanistan abgeschoben.

"Dass er einen Ablehnungsbescheid erhalten hatte, war uns bekannt, aber mit einer solchen Nacht- und Nebelaktion hatte niemand gerechnet", schreiben Murtazas Ethiklehrer Reinhold Grimm und sein Klassenlehrer Jürgen Bischof in einem Brief an die Main-Post-Redaktion.
"Es ist klar, dass Abschiebungen ins Heimatland grundsätzlich von der Zentralen Ausländerbehörde nicht angekündigt werden", sagt Johannes Hardenacke, Pressesprecher der Regierung von Unterfranken, "eine Ankündigung ist nach den gesetzlichen Regelungen bei Abschiebungen ins Heimatland sogar verboten."
Die Schule habe erst von der Abschiebung erfahren, als der 22-Jährige montags nicht in die Schule gekommen ist und die Schulsozialpädagogin ihn deshalb angerufen hatte. Zu dieser Zeit saß er schon auf der Polizeiwache in Würzburg, abends ging sein Flug nach Kabul.

 

Auch Lukas Kleinhenz, der Azizi an der UNI-Schule in Würzburg Deutsch beigebracht hat, erfuhr erst an diesem Tag, dass er abgeschoben werden soll. Er wollte sich auf der Polizeistation von ihm verabschieden, durfte ihn aber nicht sehen. Hier ist sein Facebook-Post dazu:

"Wir als Schule wurden weder von der Polizei, noch von einer anderen Behörde informiert", sagt Jürgen Bischof, "deshalb war es leider nicht möglich, sich von ihm zu verabschieden." Die Zentrale Ausländerbehörde Unterfranken habe die Abschiebung später bestätigt, konnte aber wegen des Datenschutzes nichts zu den Gründen sagen. 

Azizi wollte Altenpfleger werden

Die Klasse, die Bischof leitet, ist die sogenannte Berufsintegrationsklasse.  In dieser werden Geflüchtete auf eine Ausbildung vorbereitet. Murtaza Azizi, der in Würzburg wohnte und insgesamt über drei Jahre lang in Deutschland lebte, besuchte diese Klasse seit Herbst 2018. Er hat bereits ein Praktikum in einem Seniorenheim in Veitshöchheim gemacht und "hatte den Plan, eine Ausbildung in der Altenpflege zu absolvieren", schreiben Grimm und Bischof im Leserbrief. Für die beiden ist es unverständlich, warum der Afghane abgeschoben wurde: Sie hätten ihn als motivierten, umgänglichen und interessierten Schüler kennengelernt. 

Farhad Masuri (links) und Atiqulla Amini waren Azizis Mitschüler.
Foto: Rebecca Wolfer | Farhad Masuri (links) und Atiqulla Amini waren Azizis Mitschüler.

Für seine Mitschüler kam die Nachricht ebenfalls überraschend: "Er war gut integriert, wollte eine Ausbildung machen und hat schon Geld für den Führerschein ausgegeben", sagt Farhad Masuri. "Afghanistan ist kein sicheres Land für ihn, die Taliban könnten überall sein." Er erzählt, dass Azizis Bruder von den Taliban getötet wurde. Sein anderer Bruder habe eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland bekommen, genau wie Farhad Masuri selbst. Sein Mitschüler Atiqulla Amini bekam dagegen einen Ablehnungsbescheid, so wie Azizi. "Ich kann nicht verstehen, warum manche hier bleiben dürfen und andere, die sich gut integriert haben, abgeschoben werden", sagt er. Seine Zukunft könne er wegen der drohenden Abschiebung nicht wirklich planen. 

Kontakt über WhatsApp und Telefon 

Farhad Masuri hat noch Kontakt zu Azizi, sie schreiben über WhatsApp. "Er wohnt jetzt in einer Flüchtlingsunterkunft, ohne seine Familie und mit wenig Geld", beschreibt er.

Vergangene Woche konnte er seine ehemalige Klasse noch einmal sehen: Die Schüler haben im Unterricht per Videoanruf mit ihm telefoniert. Klassenlehrer Bischof erzählte, dass sich Azizi selbst nicht erklären konnte, warum er abgeschoben wurde: "Er meinte zu uns: 'Ich habe Deutsch gelernt, will eine Ausbildung machen, bemühe mich – was hätte ich noch machen sollen?'" 

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