"Wie ein leichtes Streicheln über's Haar"

LOHR Schon mal erlebt, dass das Publikum am Ende einer Theateraufführung "Zugabe!" fordert? Dass es erst zu gehen bereit ist, wenn seine Forderung befriedigt ist? Nein? Doch, so geschehen am Freitag im Theaterkeller Mehling nach der Premiere "Heinrich, mir graut's vor dir!" von und mit dem Kölner Joe Henselewski und seinen Schauspielpartnerinnen aus Lohr, Inge Schwab und Mandy Hermann.

Anders war es trotz kurzer Probenzeit nicht zu erwarten gewesen: Das dreiköpfige Ensemble brachte bei der Premiere seiner satirischen Komödie "Heinrich" eine famose Leistung auf die Bühne im Mehlingskeller. Kein Patzer, keine spürbare Nervosität, dafür glänzend aufgelegte und im besten Wortsinn routiniert agierende Akteure, die ein ausverkauftes Haus mit den ersten Sätzen auf ihrer Seite hatten.

Als Gast war man nach anderthalb Stunden Spielzeit um etliche Monologe des studierten Altmeisters Goethe gebildeter: "Habe nun, ach...!", "Du warst der Dorn in meinem Fleisch", "Hier ist des Volkes wahrer Himmel. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein."

Vor allem Henselewski - pardon - Heinrich Faust, forderte die Vorstellung einen stimmlichen Marathon ab. Der Tausendsassa - Henselewski ist Autor und Regisseur der Komödie, Schauspieler, Liedmacher und ausgebildeter Tenor - griff zur Gitarre, jodelte den Gästen die gewünschte Zugabe und seinem Heinrich die ödipale Befreiung vom Leib: "Meine Kuh ist doch die allerliebste . . ."

Wen er mit dem Rindvieh meinte? Mutti Irmgard natürlich, heute an seinem 40. Geburtstag abgelebt. Die Frau, die ihm in ihrem Goethe-Fanatismus den unsäglichen Namen Faust gegeben hatte. Schlimmer noch: Heinrich Faust. Deren Eigentum er zeitlebens war, die ihn mit ihrem Goethe-Wahn zum Hasser des Poesiegenies gemacht hatte. Die ihren Buben zum Waschlappen und Biedermann erzogen und ihm schließlich die Führung des elterlichen Hundesalons aufgenötigt hatte.

Hundefriseur musste Jung-Heinrich werden! Dreimal hatte er zur Revolte angesetzt. Vergeblich. Mit 16 Jahren und ohne Muttis Beisein verlor er seine Unschuld. Beim Schultheater hatte er sich um die Rolle der Faust'schen Lichtgestalt Gretchen beworben, denn: "Meine Ruhe ist hin, mein Herz ist schwer...". Ein paar Jahre später verpasste er einem Pudel-Kunden den Faconschnitt.

An seinem 40. Geburtstag wollte Heinrich in tätiger Unterstützung durch seine Salonangestellten Maria (Mandy Hermann, äußerst pfiffig) und Lore (Inge Schwab) zum ultimativen Waschlappen-Befreiungsschlag ansetzen und Altlasten abwerfen. Und seiner Mutti verzeihen.

Zu spät! "Die alte Krawallschachtel", gegeben von einer umwerfenden Inge Schwab, saß bereits im Jenseits vor dem Hohen Gericht. Was sie an guten Taten begangen habe? "15 Pudel, samt und sonders nach dem Teufelskerl Mephisto benannt, aus Liebe zu Tode gefüttert." Derweil sollte Heinrich im Hierseits die Grabrede für Mutti halten. Ein Goethe Gedicht zu zitieren kam nicht in Frage. Henselewski hielt es aus Zuneigung zu Lohr und den Menschen hier mit einer Hommage an den Lohrer Schriftsteller Hermann Sendelbach (1894 bis 1971): "Wer lange lebt, der wird auch dies erleben. Wie kurz zuletzt ein langes Leben war. Viel mehr nicht als ein flüchtig Wimpernheben. Und als ein leichtes Streicheln über's Haar."

In "Heinrich" standen auf der Bühne: Joe Henselewski als Heinrich Faust, die beiden "Gaukler"-Schauspielerinnen Inge Schwab alias Lore und "Maria" Mandy Hermann. Regieassistenz: Silke Göbel; Kostüme: Hanni Herrmann; Organisation: Mandy Hermann. Der Dank des Ensembles galt drei "Klasse Jungs!": Josef Mehling und seinen Söhnen Matthias und Michael. Sie stellten dem Ensemble den Theaterkeller einmal mehr kostenlos zur Verfügung.

Weitere Vorstellungen im Theater-
keller Mehling sind am 18., 19., 25.
und 26. März sowie am 1., 2., 8., 9.,
15., 16., 22., 23., 29. und 30. April.
Im Mai wird am 6., 7., 13., und 14.
gespielt. Beginn ist jeweils um 20
Uhr. Karten an der Abendkasse.

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