Bischofsheim

Corona bremst Holzbildhauerschule aus: Die Wohnung ersetzt die Werkstatt nicht

Exodus nicht Exitus – die angehenden Holzbildhauer der Berufsfachschule für Holzbildhauer in Bischofsheim haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es für ihre praktische Berufsausbildung Lösungen gibt. Das Bild zeigt von links: Michaela Heigl, Anneliese Abdinghoff, Benjamin Hugo, Marike Meinhardt und Mechthild Staude.
Foto: Marion Eckert | Exodus nicht Exitus – die angehenden Holzbildhauer der Berufsfachschule für Holzbildhauer in Bischofsheim haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es für ihre praktische Berufsausbildung Lösungen gibt.

Wie sollen angehende Holzbildhauer an der Bischofsheimer Berufsfachschule für Holzbildhauer ihre praktische Ausbildung absolvieren, wenn die Schule aufgrund des Lockdowns geschlossen ist? Wenn sie weder an Maschinen arbeiten, noch Projekte umsetzen und handwerkliche Erfahrungen sammeln können? Diese Fragen treiben die derzeit 29 Schüler um, geht es doch um ihre berufliche Zukunft und ihre fachliche Qualifikation.

Die Bischofsheimer Berufsfachschule besuchen derzeit 12 Schüler im ersten Ausbildungsjahr, sechs im zweiten und elf in der Abschlussklasse. "Es ist keine duale Ausbildung, wir haben keine Ausbildungsbetriebe, um dort praktische Arbeit zu lernen", zeigt Benjamin Hugo (Frankfurt) aus dem ersten Ausbildungsjahr die Problematik auf.

Direkter Kontakt miteinander fehlt

Zwar finde der theoretische Unterricht in den Fächern Deutsch, Ethik, Sozialkunde und Kunstgeschichte derzeit online statt. "Eine künstlerische Vertiefung ist allerdings nicht möglich. Aufgaben werden zu Hause im stillen Kämmerlein erledigt. Die direkte Begleitung im Prozess fehlt. Das schnelle Feedback, die Korrektur im Unterricht ist nicht gegeben", so Hugo.

Selbst wenn zu Hause Zeichnungen oder kleine Modelle angefertigt werden können, das ersetze nicht die Arbeit und den direkten Kontakt vor Ort zwischen Lehrern und Schülern, um sich gegenseitig zu inspirieren und auch zu korrigieren. Der Videochat oder Fotos ersetzen in dieser künstlerisch-handwerklichen Ausbildung die persönliche Begleitung nicht. Dem kann der kommissarische Schulleiter Michael Kühnert nur zustimmen. "Das direkte Besprechen von Arbeiten, das gemeinsame Entwickeln und die Korrekturen im Unterricht sind nicht möglich."

Die Basis fehlt

Für Benjamin Hugo und seine Mitschüler aus dem ersten Ausbildungsjahr ist die Situation sehr unbefriedigend. Erste anstehende Projekte wie der Bau eines Werkstattwagens hätten nicht stattfinden können. Online-Aufgaben, Recherchen, Fragerunden, das alles habe bislang keine wirkliche Basis geschaffen. "Ich habe meine Ausbildung faktisch noch nicht angefangen", bringt er es auf den Punkt. Zwar habe er nun mit dem Kerbschnitt zu Hause begonnen und online nachgeschaut, wie es funktioniert. "Es funktioniert aber nicht. Solche Dinge kann ich zu Hause tun, wenn ich eine Basis habe. Die haben wir im ersten Jahr noch nicht."

Auch die Schüler des zweiten Ausbildungsjahres sind frustriert. Sie haben zwar eine gewisse Basis, doch auf der können sie nun nicht aufbauen. Größere Werkstücke können in den Wohnungen gar nicht hergestellt werden. Anneliese Abdinghoff (Werne) und Mechthild Staude (Templin) würden gerne weiter arbeiten und fühlen sich zugleich ausgebremst. Doch ihnen bleibt die Hoffnung, in den kommenden Monaten und ihm letzten Jahr an der Schule noch praktisch tätig werden zu können.

Schüler wünschen sich eine individuelle Lösung vom Ministerium

Für die Abschlussklasse ist die Situation richtig brenzlig. Michaela Heigl (Neuburg/Donau) und Marike Meinhardt (Krefeld) müssten eigentlich an ihrem Abschlussprojekt arbeiten. Doch davon ist weit und breit keine Spur. "Wir fühlen uns nicht soweit, dass wir nun eine Abschlussarbeit erstellen können", bringen sie es auf den Punkt. Bisher sei es nicht möglich gewesen, ein größeres Werkstück zu fertigen. Wie auf diese Weise eine Berufsprüfung und ein erfolgreicher Start ins Berufsleben möglich sein sollen, fragen sie sich nahezu täglich.

Dabei geht es den Schülern der Bischofsheimer Holzbildhauerschule nicht darum, nur zu meckern und zu jammern. Sie wünschen sich eine individuelle Lösung vom Kultusministerium. "Man hat uns die Verantwortung gar nicht erst gegeben", moniert Mechthild Staude. Die Schüler stellen sich nicht gegen die Corona-Maßnahmen, sondern sehen durchaus Möglichkeiten, unter den bestehenden Auflagen Präsenzunterricht zu ermöglichen. Zum einen sei die Schule so groß und die Klassenstärken so klein, dass nahezu jeder Schüler in einem eigenen Raum arbeiten könne. Größere Arbeiten finden zudem im Freien statt mit bis zu sechs Metern Abstand zueinander.

Persönliche Begleitung ist essentiell

Aus dem zweiten Ausbildungsjahr leben drei der sechs Schüler in einer Wohngemeinschaft und gelten somit als Hausgemeinschaft. Die Schüler sehen sich durchaus in der Lage, für die Schule und ihre spezielle Situation ein Hygiene-Abstands-Konzept in Verbindung mit einem Zeitplan zu erstellen, dass optimale Sicherheit gewährleistet und zugleich die fachpraktische Ausbildung sicherstellt.

"Bisher hatten wir noch keinen Fall von Corona an der Schule oder unserem Umfeld." Dass Ausnahme- und Sonderregelungen möglich sind, davon sind die Schüler überzeugt. "Wir haben sonst kaum eine Möglichkeit, praktisch zu arbeiten und das brauchen wir für die Ausbildung." Hugo konkretisiert: "Ich will Holzbildhauer werden. Dazu brauche ich die persönliche Begleitung. Im Moment weiß ich gar nicht, wie ich eine Idee umsetzen könnte."

Brandbrief an den Kultusminister

Die Ausbildung einfach verlängern, in dem ein Schuljahr wiederholt werde, sei für die Schüler keine Option. Zum einen könne sich das nicht jeder finanziell leisten, wer auf Bafög angewiesen sei, der könne nicht auf Verlängerung hoffen. Grundsicherung werde in der Ausbildung nicht gewährt.

Mittlerweile tragen auch die Skulpturen an der Holzbildhauerschule Maske.
Foto: Marion Eckert | Mittlerweile tragen auch die Skulpturen an der Holzbildhauerschule Maske.

"Unser Beruf ist nicht systemrelevant", fasst es Mechthild Staude zusammen. Die individuelle Situation der Schule sei im Kultusministerium nicht angekommen.  Sie haben sich gemeinsam mit Schülern mehrerer kunsthandwerklicher Berufsfachschulen Anfang Januar mit einem Brandbrief an den bayerischen Kultusminister Piazolo gewandt, um individuelle Lösungen zu erzielen und ihre Berufsausbildung sicherzustellen. Eine Antwort haben sie bisher nicht bekommen.

Lehrer haben Verständnis für ihre Schüler

Lob haben die Schüler indes für ihre Lehrer, die stets ansprechbar seien und alles möglich machen, damit sie unter diesen Bedingungen dennoch möglichst vieles lernen und ausprobieren können.

Michael Kühnert versteht die Sorgen seiner Schüler sehr gut, muss sich letztlich aber an die geltenden Vorschriften halten. "Wir haben soweit es möglich ist alles Theoretische vorgezogen und in den Distanzunterricht gelegt. Nun hoffen wir, dass bald eine Lockerung kommt und wir wieder Praxis-Unterricht haben können." Die Ausbildung an der Holzbilderhauerschule sei eine praktische Ausbildung, daran sei nicht zu rütteln. "Wir kommen den Schülern entgegen, wo wir nur können. Sie können mit nach Hause nehmen, was möglich ist. Einschränkungen in dieser Form hatten wir  noch nicht. Das ist emotional belastend".

Vorgezogen wurden auch praktische Themen, die keine Werkstattausrüstung benötigen, wie das digitale Modellieren. Doch die nächste Herausforderung ließ nicht lange auf sich warten, da diese Programme eine gute technische Ausstattung benötigen, über die nicht jeder Schüler verfüge. Dennoch ist Kühnert vom Willen und Engagement der Schüler begeistert, ihre Ausbildung zu meistern und zugleich für ihre Sache einzustehen.

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