Meiningen

Erleuchtung durch Verwirrung. Oder so.

Szenenfoto aus dem Weihnachtsstück „Der Messias“ in den Meininger Kammerspielen.
Foto: Sebastian Stolz/filmwild.de | Szenenfoto aus dem Weihnachtsstück „Der Messias“ in den Meininger Kammerspielen.

Die Weihnachtsgeschichte: eine Geschichte der Menschwerdung – schön und gut. Wie weit wir heute damit gediehen sind, sehen wir tagaus tagein. Insofern ist es verständlich, dass Theo und Bernhard und die singende Muse Frau Herta - Repräsentanten eines gehobenen Laientheaters - ihre liebe Not haben, die Umstände der Geburt des Herrn mit Hochglanz zu würdigen. „Der Messias“ heißt ein seit 1984 häufig gespieltes anarchistisches Weihnachtsstück des Briten Patrick Barlow, das in unseren weniger schwarzhumorigen Gefilden das Berliner GRIPS-Theater 1987 erstmals auf die Bühne brachte. Man kann also davon ausgehen, dass dabei intelligente Zertrümmerer jeglicher Spielarten von Scheinheiligkeit am Werk waren.

Was nun in den Meininger Kammerspielen in Regie von Aurelina Bücher und mit der Ausstattung von Maria Wiebersinsky über die Bühne geht, hat nichts, aber auch gar nichts mit heiligem Ernst und frommem Getue zu tun, zu denen uns die Weihnachtsgeschichte alle Jahre wieder animiert. Als ob die Theatermacher sich deshalb ein bisschen schuldig fühlten, haben sie ein Programmheft gestaltet, das von hehren Gedanken und Bibelzitaten schier überquillt, den Schöpfer des Stückes und die Werkgeschichte aber mit keinem Wort erwähnt.

Klamauk und lichte Momente

Doch zurück zur Bühne. Wir befinden uns in einer säulenbestückten kargen nazarenischen Landschaft um das Jahr Null unserer Zeitrechnung und werden gleich mit Maria, Josef, dem Erzengel Gabriel, Hirten, Weisen, römischen Soldaten und Volkstribunen, mit Schafen, Eseln, Dromedaren und sogar einem hölzernen Pferd Bekanntschaft schließen. Allerdings auf eine Weise, die so nicht zu erwarten ist.

Zwei verunsicherte Schauspieler eines Stadtteiltheaters, Theodor und Bernhard – mit komödiantischer Verve gemimt von  Björn Boresch und Christopher Heisler – kommen sich immer wieder in die Quere, fallen aus ihren Rollen und lassen sich nach Klärung persönlicher Sachverhalte wieder von der Geschichte einfangen. Die beiden mäandern mit enormer Flussgeschwindigkeit zwischen Situationskomik, Absurditäten, Nonsense, Klamauk und lichten Momenten und streifen dabei absichtsvoll das Publikum, um es in den Schabernack einzubinden. Das erinnert an die Meininger 1990er-Jahre-Inszenierung von Rob Ballards Komödie „Ben Hur“. Zur Freude und Erheiterung, zum Lachen, Lächeln aber auch zum Langeweilen.

Irrlichtern durch die Weihnachtsgeschichte

Das liegt nicht an den unter Strom stehenden Schauspielern, sondern am Gagverschleiß. Theo und Bernhard irrlichtern durch die Weihnachtsgeschichte, als hätten ihnen Autor und Regisseurin jeden Augenblick der Stille bei angedrohter Kreuzigung verboten. Sollten sich die Multiakteure zwischen irdischer Not und himmlischer Erscheinung verheddern, erwacht auf ihrem Holzpferd Christine Zart als Frau Herta Timm aus dem Halbschlaf, erhebt ihre Stimme aus den Tiefen des Bauches und schleudert, zum Beispiel, ein „Oh happy day“ in die Dunkelheit, auf dass selbst der Stern von Bethlehem am Firmament erzittert.

Nichts bleibt dort, wo wir es aus Tradition und Gewohnheit vermuten. Und so können wir Herrn Bernhards Worten nur zustimmen: „Erleuchtung ist das höchste Stadium der Verwirrung. Oder so ähnlich.“ Schade nur, dass diese Erleuchtung nicht von langer Dauer sein wird. Vieles rauscht durch uns hindurch, weil die den Schauspielern verordnete Gagdichte in den pausenlosen 100 Minuten sogar die Anzahl der Sternlein am Himmelszelt über der syrischen Wüste übersteigt.

Nächste Vorstellungen: 15.12. um 19 Uhr, 20.12, 19:30 Uhr, 26.12., 19 Uhr, 31.12. 15 und 19 Uhr. Kartentelefon: (03693) 451 222.

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