Mellrichstadt

Atemlos durch die Nacht

Wunderbar wandelbar: Carla Witte.
Foto: Foto-Ed | Wunderbar wandelbar: Carla Witte.

Seit Jahr und Tag besuche ich meine Tankstelle um die Ecke. Aber ein Wunder, wie eben in der Meininger Kammerspiel-Tankstelle erlebt, geschah dort meines Wissens noch nie. Vom wundersamen Geschmack des Pappbecherkaffees und der Wandlungsfähigkeit der belegten Käsebrötchen einmal abgesehen.

Vielleicht sollte ich es an einem späten Heiligabend versuchen. In diesen höchst sensiblen Stunden nämlich spielt die musikalische Revue „Nacht-Tankstelle“ nach Franz Wittenbrink, inszeniert von Johanna Hasse und musikalisch ins Bild gesetzt von Rudolf Hild und seiner dreiköpfigen „Rudis Cover Band“. Vielleicht würde dann ein Weihnachtswunder geschehen und sich der öde Ort in eine Oase für verlorene Seelen verwandeln. Kein schöner Land in dieser Zeit.

Unterstützt von einer Firma für Tankanlagen hat Bühnenbildner Christian Rinke ein realistisches Shell-Tankstellen-Szenarium mit traumhaften Benzinpreisen, Öltonnen, Altreifen, Baugerüsten, allerlei Krimskrams und einem mit Motorschaden liegengebliebenen Barkas (dem Tourbus der Band) zusammengebastelt.

Und die Gestrandeten der Nacht hat er in lebensechte Szenekleidung gesteckt: Julia Steingaß, die Punkerin, Björn Boresch, den Anarchofreak, Peter Liebaug, den ehemaligen Reichsbahner auf Hartz 4 und Vater des Autonomen, Evelyn Fuchs, eine aus dem Heim geflohene Seniorin, Renatus Scheibe, einen Philosophieprofessor, dem die Frau davongelaufen ist, Yannick Fischer, den betrunkenen Weihnachtsmann, Eisbären und Band-Roadie und Carla Witte, die polnische Altenpflegerin, die sich flugs in eine Mechanikerin, Kassiererin, arbeitslose Bankerin und in eine Prostituierte verwandeln kann. Ist das nicht ein fantastisches Häufchen Individuen? Ein bisschen so wie bei Dittsche in der Imbissbude, nur noch viel schräger. Als würde sich die Einsamkeit eines Edward-Hopper-Bildes mit einem Mal in Wohlgefallen auflösen und die traurig mit ihrem Glas Bier vor sich hintümpelnden Nachtgestalten würden magisch in diesen heiligabendlichen Kultort gezogen.

Und was machen sie dort? Sie singen in zweieinhalb Stunden 36 Lieder, ein- bis siebenstimmig, die ihren Lebenskrisen Sinn geben und gleichzeitig ihrem seelischen Überleben im Augenblick dienen. Mit freundlichster Unterstützung der drei Rudi-Freaks von der Ladefläche des klapprigen Barkas. Natürlich haben die Meininger aus dem unerschöpflichen Liedreservoir des Franz Wittenbrink die Perlen herausgeklaubt und mit Texten und Songs gemischt, die der Lage vor Ort angemessen sind.

Erstaunlich, wie dieses Kamikaze-Cross-Over die unterschiedlichsten Seelenstimmungen unter einen Hut bringt. Vom Volkslied bis zum Heavy-Metal-Song, von Händels „Hallelujah“ bis zu Tom Waits' „Blue Valentines“, von Helene Fischer bis Michael Jackson, von Johann Strauss bis Led Zeppelin, vom Krippenlied bis zu Herbert Grönemeyers „Alkohol“.

Bewundernswert, wie das Meininger Inszenierungsteam, die Musiker und die sieben Schauspieler das Ganze so zum Leben erwecken und zum Klingen bringen, dass man das Unmögliche für möglich hält.

Am liebsten würde man seinen nächsten Tankstopp in einer hochsensiblen Stunde wählen und die freundliche Kassiererin mit Gilbert Bécauds „Natalie“ beglücken, so wie es der alte Reichsbahner Liebaug tut. Vor allem Evelyn Fuchs, die renitente Omi mit Rollator, hat es mir angetan. Sie flüchtete aus dem Heim, weil sie beim Krippenspiel nicht die Maria mimen durfte, sondern irgendeinen Hirten spielen sollte. Sehr verständlich. Hier, an der Nacht-Tankstelle, ist sie besser aufgehoben, diese Tina Turner von der Werra, wenn sie mit den anderen verlorenen Seelen zwischen Tanksäule 4 und dem Stapel Altreifen atemlos durch die Nacht rockt.

Spätestens beim abschließenden Krippenspiel mit einem herzergreifend kollektivem Bachschen „Jauchzet, frohlocket und preiset die Tage“ erkennt man, welch völkerverbindendes Potenzial eine Nacht-Tankstelle haben könnte, wenn wir uns alle als Gestrandete begreifen würden. - Weiter so, bis in die übernächste Spielzeit, aber bitte kein offenes Feuer neben der Zapfsäule! Siggi Seuß

Nächste Vorstellungen: 24. und 30. September, 14. und 30. Oktober sowie 17. November, jeweils 20 Uhr. Karten: Tel. (0 36 93) 451 222, www.das-meininger-theater.de

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