Aufgegabelt: Das gute Schaf von Sichuan

Aufgegabelt: Zauberei und Politik       -  Es gibt Sachen, die bringen einen zum Erstaunen. Weil man zum Beispiel plötzlich eine ganz neue Seite an jemanden entdeckt. Und sich fragt: Wie hat er/sie das gemacht?  Am Politischen Aschermittwoch am Tag danach in Oberwerrn gab es so einen Moment. Wer ihn erlebt hat, war erstaunt. Und fragt sich: Kann Anja Weisgerber zaubern?   Denn die kurze Zeit, die sie gebraucht hat, um vom Rednerpult am einen Ende des Saales zum Eingang am anderen Ende des Saales zu gelangen, um Innenminister Joachim Herrmann zu begrüßen und mit ihm in den Saal einzuziehen, war übermenschlich schnell. Und das mit schicken Schuhen! Respekt. Schade, dass es kein Zaubereiministerium gibt. Die geeignete Kandidatin gäbe es.
| Es gibt Sachen, die bringen einen zum Erstaunen. Weil man zum Beispiel plötzlich eine ganz neue Seite an jemanden entdeckt. Und sich fragt: Wie hat er/sie das gemacht?

Die Geldersheimer Kirchweih, die an jedem letzten Wochenende vor dem ersten Advent startet, geht bekanntlich zurück bis auf das Jahr 1764, als Adam Friedrich von Seinsheim Fürstbischof von Würzburg und Kaiser Quianlong Herrscher von China war – jeder brav in seiner Heimat. Mittlerweile haben sich beide Seiten aber doch angenähert: Die „Bätzerli“, die Plüschschäfchen, die zum Auftakt von den Fichtenpaaren im Gemeinderat verkauft werden, nebst Lebkuchenherzen, sind bereits „Made in China“. Da sitzt nun das preisgünstige Importschaf aus Südchina, und lächelt mit der ganzen unergründlichen Weisheit des Fernen Ostens, Modell Winkende Katze. Beinahe könnte man darüber ins Grübeln geraten: Was mag ein chinesischer Arbeiter von etwas derart Exotischem wie „Galderschummer Kerwa“ halten? Wirklich billig wäre es aber nur, über die Folgen von Globalisierung für die fränkische Brauchtumspflege zu lästern. So ein Chinese darf ja, dank seiner vielen Tausend Jahre alten Traditionen, als besonders gewitzt gelten. Womöglich versteht er die 249 Jahre junge Kerwa, mit Fichtenpäärli, Leiterwagenumzug, Baumaufstellung, Hammeltanz, Wecker, Kirchweihessen, Umtrunk und nächtlichem Fackelzug zum neuen Hammelkönigspaar sogar besser als manch unmittelbarer Nachbar. Das Wollschäfchen an sich, „mian yang“, gilt im Reich der Mitte ebenfalls als Symbol für Glück, Frieden, Sicherheit und häusliche Tugend. Auch „yang gao me jiu“, weiß man dort zu schätzen, „eine Mahlzeit von gekochtem Hammelfleisch und gutem Wein.“ Was für die Galderschummer die Runden ums Kirchweihschaf Lissy, sind für die Chinesen wiederum die Lisu: Überaus musikalische, sangesfrohe Bauern und Winzer in den Gegend von Yunnan oder Sichuan, bekannt für farbenprächtige Trachten und riesige Rundtänze auf dem Dorfplatz, wie den berühmten Ziegentanz „Ah-Chi-Mugwa“. Bei den ausdauernden Festen umtanzen fesche Buam und Mädli, mit nun wirklich kerwaverdächtigen Hüten beziehungsweise Kopfverzierungen, eine hohe Leiter aus Säbelklingen (oder klettern daran empor). Am Abend dreht sich der Reigen dann um ein großes Feuer. Beste Gelegenheit zum gemeinsamen Schöppeln wie für gesungene Liebesschwüre. Man merkt: Die Welt ist in Wirklichkeit ein einziger großer Hammeltanzkreis. Spätestens 2015 werden die Bätzerli sowieso einträchtig über Franken wie China herrschen: Dann ist wieder „Jahr des Schafes“.

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Redaktion Main-Rhön
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