Schonungen

Ausstellung: Der Traum vom Fliegen

Flugpioniere: Ausstellung des heimatkundlichen Arbeitskreises dokumentiert die Aktivitäten flugbegeisterter Schonunger in den 1920er-Jahren. In der Schreinerei wurden Fluggleiter gebaut.
Im Sommer 1926 arbeitete der 18-jährige Edgar Dittmar (rechts) mit Freunden und dem bekannten Rhön-Flieger Espenlaub an seinem ersten eigenen Gleiter. Weil das Gestell so viel Platz beanspruchte, wurde die Bespannung mit Tuch vor der Schreinerwerkstatt von Familie Friedrich vorgenommen.
Foto: Familie Rudolf Friedrich/Archiv Volker Dittmar | Im Sommer 1926 arbeitete der 18-jährige Edgar Dittmar (rechts) mit Freunden und dem bekannten Rhön-Flieger Espenlaub an seinem ersten eigenen Gleiter.

Schonungen einst ein Mekka für Flugpioniere? Dies ist eine Episode, die in der Gemeinde kaum einer kennt. Das soll sich ändern. Mit der Ausstellung „Auf Achse! Geschichte der Mobilität in den Dörfern der Großgemeinde Schonungen“, die im Herbst in der „Alten Kirche“ gezeigt wird, rückt der heimatkundliche Arbeitskreis die Flugpioniere wieder ins öffentliche Bewusstsein.

Ihnen und weiteren Verbindungen Schonungens zum „Traum vom Fliegen“ wird in der Schau ein eigener Schwerpunkt gewidmet.

„Segelflüge bei Schonungen, ausgeführt durch den bekannten Rhönsegelflieger Espenlaub und den erfolgreichen Schweinfurter Jungflieger Dittmar“ – so lautete im September 1926 die Ankündigung der Fliegervereinigung Schweinfurt in der Tagespresse.

Den Zeitungsausschnitt konnte Günter Hübner vom heimatkundlichen Arbeitskreis Schonungen jüngst bei einem Besuch von Dittmars Sohn Volker einsehen. In der Anzeige wurden auch der Eintrittspreis (50 Pfennige) und die Abfahrtszeiten für Sonderzüge vermerkt, die die Bahn eigens für Besucher aus Schweinfurt eingesetzt hatte.

Der Flugtag kam – und es wehte nicht das kleinst Lüftchen. Der Oberwachtmeister der Flugpolizei Fürth sagte den Flug aus Sicherheitsgründen ab. Dittmar durfte überhaupt nicht fliegen und drei Versuche von Espenlaub waren wegen der Flaute bereits gescheitert.

Bei Espenlaubs viertem Start war die Spannung im Publikum kaum noch zu steigern, da hob seine Maschine am Hang tatsächlich ab und überquerte, ohne an Höhe zu verlieren, als erster Flieger den Main. Beachtliche 2000 Meter standen am Ende zu Buche und die Zeitung schrieb: „Er hat dadurch seine alte Klasse bewiesen und gezeigt, dass sich Schonungen glänzend als Segelfluggelände eignet.“

Aber wie kam es dazu, dass ausgerechnet in Schonungen, das noch nicht einmal einen Flugplatz hatte, ein solches Ereignis stattfand? Seit Ende des 19. Jahrhunderts machte die Entwicklung der Fluggeräte laufend Fortschritte. Bekannte Namen sind Otto Lilienthal, die Gebrüder Wright in den USA und der aus dem fränkischen Leutershausen stammende Gustav Weißkopf. Seit den 1910er-Jahren machten die waghalsigen Segelflieger auf der Wasserkuppe in der Rhön von sich reden.

Der Schonunger Karl Schmitt erinnert sich: „Wir waren alle ein bisschen verrückt.“ Das Segelfliegen sei auch in seinem Dorf ein leidenschaftlich betriebenes Hobby der jungen Männer gewesen. Der heute 80-Jährige wohnte als Kind mit seiner Familie und der Familie des Fliegers Dittmar in der ehemaligen Spitzmühle, heute Hofheimer Straße 61.

Edgar Dittmar, geboren 1908, war der älteste Sohn eines Zahnarztes, der bis in die 1930er-Jahre in Schonungen praktizierte. Sowohl Edgar als auch sein jüngerer Bruder Heini waren begeistert von den Flugversuchen der Rhönsegler und bauten eifrig an Flugzeugmodellen, mit denen sie ihre Idole einmal überflügeln wollten. „In Edgars Arbeitszimmer hing ein großer Propeller und stören durften wir ihn und seinen Bruder Heini nicht, wenn sie zusammensaßen und tüftelten“, so Karl Schmitt im Rückblick auf die gemeinsame Kinderzeit.

Dafür, dass Edgar seinen Traum vom Fliegen mit einem eigenen Fluggleiter schon Mitte der 1920er-Jahre in Schonungen in die Tat umsetzen konnte, war seine Freundschaft zu Artur Friedrich entscheidend, denn dessen Vater Carl besaß eine Schreinerei in der Schonunger Hauptstraße.

Beim Bau der Segelflugzeuge, die mit ihrer fragilen Holzkonstruktion nicht von ungefähr einem Vogelgerippe ähnelten, half Arthur mit beim Zeichnen von Bögen oder durch Maschineneinsatz. Wenn die hölzernen Bauteile oder das fast fertige Fluggerät nicht mehr in die Werkstatt passten, wurden sie einfach im danebenliegenden Weizenweg aufgebaut und dort dann mit Stoff bespannt.

Bevor flugtüchtige Maschinen gefertigt werden konnten, mussten Dittmar und Friedrich noch einen dritten Flugbegeisterten finden: den aus dem badischen Balzholz stammenden Tüftler Gottlob Espenlaub. Ihn hatten sie bei Besuchen auf der Wasserkuppe in der Rhön kennengelernt, wo er 1921 seinen ersten Hängegleiter präsentiert hatte.

Espenlaub, der 1926 an mehreren Orten in Deutschland Flugtage selbst durchführte und als tollkühner Flieger bekannt war, entschloss sich, die Freunde aus Schonungen beim Bau ihres eigenen Gleiters zu unterstützen.

Nicht nur die Schreinerei Friedrich bot sich für den Bau und die Reparatur der in der Frühzeit der Fliegerei immer wieder von Abstürzen bedrohten Maschinen an. Auch die Hangwinde in dem vom Maintal aufsteigenden Gelände eigneten sich gut für Segelflugversuche.

Espenlaub kutschierte die Gleiter mittels seinem kleinen Sportwagen samt Gummibändern und Hanfseil auf die bei Schonungen aufragenden Höhenzüge Kreuzberg und Galgenberg (heute Wasserbehälter oberhalb des Naturfreundehauses) hinauf. Zu Beginn eines jeden Fluges rief der Pilot seinen Helfern die Kommandos „Achtung - Ausziehen - Laufen - Los!“ zu, denn die Maschinen mussten von fünf kräftigen Männern an einem Gummiseil angezogen werden, damit sie abheben konnten.

Vom Flugpionier zum Bruchpiloten war es dabei nicht weit, weil Konstruktion und Material der Maschinen zu schlecht und die Bedeutung der Thermik noch unbekannt waren.

Wenn es gut lief, dann segelte der 18-jährige Dittmar mit seinem Gleiter 800 bis 1000 Meter weit Richtung Ortsausgang nach Haßfurt zu

In den Folgejahren wurden die Segelflugzeuge sukzessive weiterentwickelt. Bald starteten auch Maschinen vom Kaltenhof oberhalb von Mainberg und glitten über den Fluss hinweg ins Tal. 1929 finanzierte der auf Schloss Mainberg lebende Industriellen-Sohn Willy Sachs seinem inzwischen auch überregional bekannten Schonunger „Nachbarn“ Edgar Dittmar ein Segelflugzeug, das dem neuesten Stand der Technik entsprach. Es trug den Namen „Schloss Mainberg“ und holte in den 1930er Jahren in den USA mehrere Höhen- und Streckenrekorde.

Edgar Dittmar und vor allem Heini Dittmar konnten sich in den folgenden Jahrzehnten als Testflieger und Konstrukteure profilieren. Die Familie verzog dann nach Schweinfurt, das Heinis Weltmeistertitel und seine vielen Rekorde mit Segel- und mit Motorflugzeugen auch als Erfolg der Wälzlagerstadt feierte. Edgar Dittmar lebte ab 1963 im heutigen Schonunger Ortsteil Forst.

In Schweinfurt hält eine Heini-Dittmar-Straße die Erinnerung an den 1960 mit dem Flieger „Möwe“ abgestürzten Piloten wach. Über ein neues Segelflugzeug des Aero-Club Schweinfurt berichtete das Tagblatt am 20. April 1998, weil es von Edgar Dittmars Sohn Volker auf den Namen seines Vaters, des 1994 verstorbenen Ehrenvorsitzenden des Clubs, getauft worden war.

In Schonungen aber gerieten die Taten der beiden Flugpioniere in Vergessenheit. Die Ausstellung „Auf Achse! Geschichte der Mobilität in den Dörfern der Großgemeinde Schonungen“ soll das ändern.

1929 flog Edgar Dittmar mit „Schloss Mainberg“ einen Rekord auf der Wasserkuppe: 9,5 Stunden blieb er in der Luft und landete erst in der Dunkelheit.
| 1929 flog Edgar Dittmar mit „Schloss Mainberg“ einen Rekord auf der Wasserkuppe: 9,5 Stunden blieb er in der Luft und landete erst in der Dunkelheit.
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