Schweinfurt

Bestatter in der Corona-Krise: Weniger Tote als im Vorjahr

Corona hat auch in Stadt und Landkreis Schweinfurt Todesopfer gefordert. Die Zahl der Bestattungen ist im Vergleich zu den Vorjahren aber nicht gestiegen. Woran liegt das?   
Viele leere Stühle: Die Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf die Trauerfeiern. Sie dürfen nur noch im engen Familienkreis stattfinden.
Foto: Anand Anders | Viele leere Stühle: Die Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf die Trauerfeiern. Sie dürfen nur noch im engen Familienkreis stattfinden.

"Achtung Covid 19" steht auf einem Sarg in einem Krematorium. Seit Beginn der Pandemie sind weltweit schon mehr als eine Million Menschen an oder mit dem Virus gestorben. In Deutschland zählt das Robert-Koch-Institut bis jetzt 46 633 Corona-Tote, im Landkreis Schweinfurt 94 und in der Stadt Schweinfurt 42. Was bedeutet das für die Bestattungsunternehmen? Gab es 2020 signifikant mehr Bestattungen? War das Schweinfurter Krematorium überlastet?  

"Nein", sagt Bestatter Ralf Michal, der auch Vorsitzender des Bestatterverbandes Bayern ist. Im Krematorium auf dem Hauptfriedhof habe es zu keinem Zeitpunkt Kapazitätsprobleme gegeben. Denn eine erhöhte Sterblichkeitsrate sei im Corona-Jahr 2020 gar nicht festzustellen gewesen. Erst in den letzten drei Dezember-Wochen sei die Zahl der Todesfälle nach oben gegangen. Ein Blick in die Statistik des Einwohnermeldeamtes der Stadt Schweinfurt bestätigt das: Mit 714 Sterbefällen liegt die Sterberate 2020 sogar unter der in den Vorjahren. 2019 gab es 740 Sterbefälle, 2018 waren es 810. Das Einwohnermeldeamt weist aber darauf hin, dass sich die Zahlen für 2020 aufgrund von Nachmeldungen noch nach oben korrigieren können.  

Särge mit  Covid-19-infizierten Verstorbenen müssen gekennzeichnet werden.
Foto: Robert Michael | Särge mit  Covid-19-infizierten Verstorbenen müssen gekennzeichnet werden.

Nicht überall ist das so. "Die Zahlen sind regional sehr unterschiedlich", verweist Ralf Michal zum Beispiel auf die auffallend hohe Sterblichkeitsrate im Kreis Main-Spessart, wo deutschlandweit auch die meisten Corona-Toten zu verzeichnen sind. Keine Stadt und kein Landkreis bundesweit hatten in der zweiten Pandemiewelle so viele Todesfälle.     

"In unserer Branche gibt es immer Schwankungen", erklärt Michal, "von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr." So gebe es aktuell in der zweiten Pandemiewelle mehr Corona-Tote als im Frühjahr. Das könne aber auch damit zusammenhängen, dass inzwischen mehr Menschen – also auch mehr Verstorbene – darauf getestet werden, ob sie mit Corona infiziert sind. Bis Ende November gab es in seinem Unternehmen nur 20 Bestattungen mit infizierten Verstorbenen bei rund 600 Bestattungen im ganzen Jahr. 

Umsatzeinbußen wegen kleinerer Trauerfeiern

Ähnlich sieht es auch bei anderen schweinfurter Bestattern aus. Irina Freiberg hat 2020 insgesamt 240 Menschen bestattet, davon waren 15 Covid-19-positiv. Auch Daniel Kehl von der Firma Kalli Müller hatte keine signifikant höhere Zahl an Bestattungen aufgrund der Corona-Pandemie. Im Gegenteil: Er verzeichnet Umsatzeinbußen, weil in Pandemiezeiten die Trauerfeiern kleiner ausfallen. "2020 war für uns eher ein negatives Jahr."

Dass sich die Sterblichkeitsrate bislang nicht wesentlich verändert hat, könnte laut Michal auch mit den Hygieneschutzmaßnahmen zusammenhängen. Die Abstandsregeln und Maskenpflicht würden sich positiv auf die Gesundheit der Menschen auswirken. Es gebe weniger Infektionen, weniger normale Grippefälle. 

"Wir befinden uns immer auf einer Gratwanderung zwischen dem, was der Angehörige sich wünscht, und dem, was rechtlich möglich ist"
Bestatter Ralf Michal

Der Hygieneschutz im Umgang mit Corona-Toten ist für Bestatter eine besondere Herausforderung. Denn wenn ein Verstorbener nachweislich mit Covid-19 infiziert ist, greift Paragraf 7 des Infektionsschutzgesetzes. Das bedeutet, dass der Verstorbene in eine Infektionslösung und in eine Hülle gebettet werden muss. "Der Mitarbeiter, der diese Handlungen vornimmt, muss dabei unter Vollschutz stehen", verdeutlicht Michal. Unmittelbar danach darf der Sarg nicht mehr geöffnet werden. Auch eine Verabschiedung am offenen Sarg ist nicht möglich. Beim ersten Lockdown war die Aufbahrung sogar für alle Verstorbenen untersagt. "Das war schlimm für die Hinterbliebenen", weiß Irina Freiberg, denn das Abschiednehmen am offenen Sarg gehöre zur Trauerbewältigung dazu.

"Wir befinden uns immer auf einer Gratwanderung zwischen dem, was der Angehörige sich wünscht, und dem, was rechtlich möglich ist", erklärt Michal. Es sei nicht einfach, beidem gerecht zu werden. Die Angehörigen zeigten jedoch viel Verständnis bezüglich der Corona-Beschränkungen. Diese können sich permanent ändern. Zum Beispiel was die Zahl der Menschen anbetrifft, die an Trauerfeiern teilnehmen dürfen. Im März und April waren zehn bis 15 Personen erlaubt, aktuell sind es 25.     

Übrigens: Die Erdbestattung ist auch bei infizierten Toten grundsätzlich möglich. Die Corona-Erkrankung ist ja meistens nicht die letztendliche Todesursache, sondern einer von vielen zusammenwirkenden Faktoren. Auch gibt es laut Michal Untersuchungen die besagen, dass das Virus spätestens drei Tage nach dem Eintritt des Todes im Körper nicht mehr aktiv sei. Anders sieht es Michal bei der seit 2019 in Bayern geltenden muslimischen Form der Bestattung, ohne Sarg und nur in Tüchern gehüllt in die Erde. "Das lässt sich unter dem Hygieneaspekt für einen Infizierten nicht mehr rechtfertigen." In Schweinfurt sei dies aber kein Thema. Denn bislang habe die muslimische Gemeinde noch nie eine Bestattung ohne Sarg gewünscht.    

Bestatter fordern Bürokratieabbau bei der Bearbeitung von Sterbefällen 

Als Vorsitzender des Bestatterverbandes Bayern macht Michal in Zeiten der Pandemie der fehlende zertifizierte Zugang zum Beruf des Bestatters mehr Sorgen. Denn die Berufsausbildung bei der Handwerkskammer ist nicht verpflichtend, sondern nur freiwillig. Der eine oder andere Mitbewerber, dem eine solche Ausbildung fehle, wisse dann vielleicht nicht, wie er mit infizierten Verstorbenen umgehen soll. "Das gefährdet die Volksgesundheit." Die Politik nehme das zur Kenntnis, mehr aber nicht.

Michal würde sich auch einen Abbau der Bürokratie bei der Bearbeitung von Sterbefällen und die Digitalisierung wünschen, zum Beispiel bei der Todesbescheinigung oder bei der Sterbefallanzeige zur Beurkundung bei den Standesämtern. "Das würde sämtliche Formalitäten vereinfachen und beschleunigen."     

Die Bestatterbranche indes hat schon mit digitalen Angeboten auf die Corona-Beschränkungen reagiert. In Schweinfurt zum Beispiel wurde die Trauerfeier für den bekannten und beliebten Pfarrer Roland Breitenbach in Zusammenarbeit mit einem lokalen Radiosender gestreamt. Auf diese Weise konnten viele Menschen daran Anteil nehmen. "Wir hatten fast 10 000 Zugriffe", verweist Michal auf das gewaltige Interesse. "Das müssen wir ausbauen", meint der Bestatter, etwa für Familienangehörige, die im Ausland leben und an einer Trauerfeier nicht teilnehmen können. 

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