Euerbach

Besuch am Euerbacher "Berg der Ruhenden"

Adin Talbar bei einem Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Euerbach, vermutlich im Jahr 1976.
Foto: Amir Theilhaber | Adin Talbar bei einem Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Euerbach, vermutlich im Jahr 1976.

Das Wetter ist regnerisch, in den ersten Tagen des neuen Jahres, 5781 nach Erschaffung der Welt, gemäß Kalender des antiken Gelehrten Hillel. Auf dem jüdischen Friedhof von Euerbach ist die Zeit schon lange stehen geblieben. Über windgebeugten Bäumen ziehen Greifvögel ihre Kreise, die Eichen haben leichte Trockenschäden, zeigen sich aber ansonsten in voller Pracht.

Violette Disteln sprießen empor. Viele Grabsteine sind eingesunken und verwittert, von Efeu, Moos oder unschönen grünen Flecken bedeckt. Dabei ist es noch nicht einmal hundert Jahre her, dass der Friedhof das letzte Mal erweitert worden ist, 1936. Seit dem Barock war der "gute Ort" Teil des Familienlebens jüdischer Franken aus Euerbach, Obbach, Kützberg, Niederwerrn, Geldersheim oder Schweinfurt, die hier ihre Angehörigen betrauert haben, an der "Hasenklinge" unterhalb des Euerbacher Wäldchens. In der Nazizeit wurden die Grabsteine umgeworfen oder zerschlagen, nach dem Krieg mehr schlecht als recht wieder aufgestellt.

Auf den Spuren der Vorfahren

Erinnerung an das fränkische Landjudentum: Elisabeth Böhrer führte die Besucher über den Friedhof.
Foto: Uwe Eichler | Erinnerung an das fränkische Landjudentum: Elisabeth Böhrer führte die Besucher über den Friedhof.

Die Sonne kommt ein wenig heraus, als Amir Theilhaber, dessen Freund Sebastian Diez, Vater Theo Diez sowie Elisabeth Böhrer durch die Eingangstür treten. Theilhaber ist Historiker an der TU Berlin. Gerade hat er seine Doktorarbeit über Friedrich Rosen als Buch herausgebracht, einem Orientalisten des Kaiserreichs, mit Faible für persische Gedichte.

Vor zwei Jahren war der gebürtige Kölner und gelernte Islamwissenschaftler mit der Familie auf Besuch in Niederwerrn, dem Ort seiner Vorfahren: Urgroßvater Abraham "Adolph" Theilhaber, später Arzt und bayerischer Hofrat, wurde dort 1854 geboren, Sohn Felix war ein berühmter Dermatologe. Abrahams Enkel Adin Theilhaber, Jahrgang 1921, wanderte in der NS-Zeit nach Palästina aus und nannte sich fortan Adin Talbar, "Tau auf dem Felde".

Der Vater von Amir und spätere Ehrenbürger von Jerusalem hatte ein bewegtes Leben, als Zeitzeuge der Staatsgründung Israels und Aufklärer über die Gräuel des Völkermords, aber auch Sportler und Diplomat, der sich früh für die deutsch-israelische Aussöhnung eingesetzt hat. Spiegel-Autor Henryk M. Broder hat dem Träger des Bundesverdienstkreuzes, der auch einen deutschen Pass besaß, 2007 einen  Artikel gewidmet, "Adolf und seine Söhne".

Adin Talbar besuchte 1976 den Euerbacher Friedhof

Gräber, Golems und Gelehrte: Den jüdischen Friedhof bei Euerbach gibt es bereits seit dem Jahr 1672.
Foto: Uwe Eichler | Gräber, Golems und Gelehrte: Den jüdischen Friedhof bei Euerbach gibt es bereits seit dem Jahr 1672.

Im Jahr 1976 muss Talbar zu Besuch auf dem Euerbacher Friedhof gewesen sein, wie Fotos des israelischen Nationalarchivs beweisen. Im vorderen Bereich steht der Gedenkstein, den Nathan Theilhaber, "Bewohner der Hauptstadt Paris", 1866 seinen Eltern Hona und Erele aus Niederwerrn gewidmet hat. Nathan war der Bruder von Abrahams Vater Moses Theilhaber.

Elisabeth Böhrer stammt aus Schweinfurt. Sie hat sich intensiv mit der Geschichte der fränkischen Juden beschäftigt und vor einigen Jahren die Inschrift entziffert, mit Hilfe des Kissinger Ehepaars Raaya und Itzhak Nadel.

Überreste eines alten Grabsteins unter einem Baum. 
Foto: Uwe Eichler | Überreste eines alten Grabsteins unter einem Baum. 

Auf dem Stein findet sich außerdem ein Gebet, das jeder Gläubige sprechen sollte, der dreißig Tage lang nicht mehr auf dem Friedhof war: "Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt."  Das Grab der Ururgroßeltern findet sich etwas versteckt unter Bäumen. Erele Theilhaber, die bei ihrer Hochzeit 1815 und späteren Einträgen unter dem Namen "Edel" erscheint, stammte wohl aus Dettelbach und hieß mit Mädchenname Wiesengrund.

Adin Talbar bei einem Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Euerbach, vermutlich im Jahr 1976.
Foto: Amir Theilhaber | Adin Talbar bei einem Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Euerbach, vermutlich im Jahr 1976.

Sebastian Diez, früher Theologie-Student, hat zwei Jahre lang in Jerusalem gelebt und Amirs Vater, der 2013 gestorben ist, noch gut gekannt.

Friedhof hätte erweitert werden sollen

Die Besucher versuchen die Gebetsformeln zu entziffern: Die wurden im sakralen Hebräisch verfasst, dem Vorläufer des heutigen Iwrit. Amir erinnert die optische Zweiteilung des Friedhofs – viele schlichte Gräber in der Frühzeit, dann, ab dem 19. Jahrhundert, ein zunehmend selbstbewusstes Gedenken  – an den Berliner Friedhof Weißensee, dem größten seiner Art in Europa. Dort ist die jüdische Sepulkralkultur erst spät aufgeblüht.

Die Nazis ließen dort das 42-Hektar-Areal ungeschändet, der Legende nach aus Furcht vor einem Golem, einem Schutzgeist, der den heiligen Ort behütet haben soll. Das jüdische Gebot, Gräber nach einer Bestattung nicht mehr zu verändern, führt in Israel heute zu Problemen eigener Art: Am Jerusalemer "Berg der Ruhenden" ist mittlerweile ein moderner, unterirdischer Friedhof angelegt worden, mit Platz für 23 000 Gräber. Auch der Euerbacher Friedhof hätte im 20. Jahrhundert erweitert werden sollen: Vor dem Sicherheitszaun liegt noch eine kleine Freifläche.

Der Familiengeschichte auf der Spur: Amir Theilhaber vor dem Gedenkstein von 1866. 
Foto: Uwe Eichler | Der Familiengeschichte auf der Spur: Amir Theilhaber vor dem Gedenkstein von 1866. 
Amir Theilhaber vor dem Grab seiner Vorfahren, Hona und Erele Theilhaber aus Niederwerrn. 
Foto: Uwe Eichler | Amir Theilhaber vor dem Grab seiner Vorfahren, Hona und Erele Theilhaber aus Niederwerrn. 
Der jüdische Friedhof in Euerbach in den 70er Jahren.
Foto: Amir Theilhaber | Der jüdische Friedhof in Euerbach in den 70er Jahren.
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