SCHWEINFURT

Christopher Lehmpfuhl in der Sparkassengalerie

Stadtlandschaft Speicherstadt: Es sind vor allem Orte im Wandel, die Christopher Lehmpfuhl in hochkomplexen Momentaufnahmen festhält.
Foto: Martina Müller | Stadtlandschaft Speicherstadt: Es sind vor allem Orte im Wandel, die Christopher Lehmpfuhl in hochkomplexen Momentaufnahmen festhält.

„Es gibt Leute, die nennen mich ein Malschwein“, sagt Christopher Lehmpfuhl und grinst. „Mein Auto sieht aus wie das Atelier von Francis Bacon. An der Grenze zur Schweiz denken sie immer, ich will sie verarschen.“ Das liegt daran, dass Christopher Lehmpfuhl seine Ölgemälde fast ausschließlich mit den Händen malt. Vielleicht sollte man besser sagen: formt.

Erich Schneider beschreibt das Ergebnis bei seiner Einführung zu Lehmpfuhls Ausstellung „Meer und Mehr“ in der Sparkassengalerie so: „Der Auftrag der Farbe auf der Leinwand ist pastos, ja geradezu dick und so etwas wie Pinselspuren sucht man vergebens. Wellen, Felsen, Bäume oder auch die Wolken scheinen fast schon körperlich aus der Farbe heraus modelliert zu sein. Dabei ist die Farbigkeit erstaunlich differenziert und die Zeichnung der dargestellten Formen geradezu grazil und bis ins Detail ausgearbeitet.“

Das ist der erste Eindruck: Diese Reliefs aus Batzen, Nasen, Klumpen, Würsten, Dämmen und Schluchten aus Ölfarbe fügen sich im Auge des Betrachters ganz mühelos zu höchst atmosphärischen Seestücken oder Stadtlandschaften von erstaunlicher Tiefe.

Der zweite Eindruck: Aus diesen Bildern strahlt Licht. Das Licht der Ostsee oder Berlins. Das Licht einer Sonne, die unvermittelt hinter einer Wolke hervorkommt und auf die Betonfläche einer der vielen Großbaustellen der Hauptstadt fällt. Oder das von Wolken gebremste Licht der nordischen See an einem regnerischen Tag. „Das Licht ist mein Oberthema“, sagt Christopher Lehmpfuhl. „Ich will das Licht sichtbar machen.“ Namen kann er sich keine merken, aber für Licht hat er ein fotografisches Gedächtnis – „es ist einfach da“.

Ein Bild entsteht dann in seinem Kopf, wenn er eine Situation sieht, die für ihn Kunst ist. „Nicht alles ist jederzeit Kunst.“ Diese Situation kann er abspeichern. Und wenn er dann wiederkommt um zu malen, kann er das Licht jenes ersten Moments abrufen. „Manchmal regnet es inzwischen, und ich sehe, dass das sogar besser wäre, aber das verarbeite ich dann in einem neuen Bild.“

Christopher Lehmpfuhl wurde 1972 in Berlin geboren, und Berlin ist einer seiner wichtigsten Motivlieferanten. Das Geschehen am Schlossplatz etwa dokumentiert er als Chronist von Zuständen und Stimmungen. Der Blick über die freigelegten Grundmauer-Reste des Alten Schlosses an der Humboldt-Box vorbei auf das Alte Museum wird gelenkt von einem simplen Fußgängersteg, der bei Lehmpfuhl zu einer Art Beschleuniger für das Auge wird. Unverkennbar sind die Gebäude ebenso wie der Himmel über Berlin. Und doch sieht man sie mit Lehmpfuhls Augen. Dabei braucht er keine berühmten Orte: „Seine Motive sind meist geradezu schlicht, und manchem von uns wären sie wohl nicht einmal ein Foto wert“, sagt Erich Schneider. „Christopher Lehmpfuhl macht aus diesem Nicht-Motiv in seiner eigenen, zusammenfassenden, die Dinge ordnenden Art und Weise ein farbiges und kompositorisches Ereignis.“ Lehmpfuhl malt nahezu ausschließlich draußen, an Ort und Stelle. Er steht als Plein-Air-Maler damit in der Tradition der Schule von Barbizon, wie Schneider vermerkt, als direktere Vorfahren nennt er van Gogh, Leo Putz, Lesser Ury und Lovis Corinth.

Man könnte ihn wohl auch als legitimen Erben Max Liebermanns bezeichnen. Wenngleich ihn Porträtmalerei nicht interessiert. Er zwingt sich, einmal im Jahr ein Selbstporträt zu machen, andere zu malen aber würde ihn zu sehr einschränken. „In der Landschaft bin ich freier. Da kann zwar einer sagen, Sie haben da die Windmühle vergessen, aber die interessiert mich in diesem Moment nicht.“

Kurator Adolf Lutz ist mit Christopher Lehmpfuhl ein Coup gelungen, auf den er sichtlich stolz ist. Lehmpfuhl gilt längst als einer der interessantesten Maler jüngerer Generation, und das nicht nur, weil er abseits der alles beherrschenden Leipziger Schule einen ganz eigenen Weg geht. Er selbst zuckt die Achseln. „Ich muss das so machen. Ich würde es auch machen, wenn ich nicht erfolgreich wäre. Das ist mein Auftrag.“

Christopher Lehmpfuhl: „Meer und Mehr“, Ölmalerei, Sparkassengalerie, bis 6. Dezember. Montag bis Donnerstag, 8.30 bis 18 Uhr, Freitag bis 16.30 Uhr.

„Ich muss das so machen“: Christopher Lehmpfuhl.
| „Ich muss das so machen“: Christopher Lehmpfuhl.
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