SCHWEINFURT

Das klassische Grab ist kaum noch gefragt

Hauptfriedhof: Hier dominiert zwar noch das klassische Bild. Der Trend geht eindeutig zur Urnenbeisetzung.
Foto: Waltraud Fuchs-Mauder | Hauptfriedhof: Hier dominiert zwar noch das klassische Bild. Der Trend geht eindeutig zur Urnenbeisetzung.

Dank des überaus schönen Wetters habe man die Vorbereitungen für Allerheiligen auf den Schweinfurter Friedhöfen schon Tage vorher abschließen können, sagt Helmut Schlereth, der Chef der Friedhofsverwaltung, zufrieden. Zu Ostern und noch mehr zu Allerheiligen werden die Ruhestätten herausgeputzt. Dann wird Laub gerecht und die unbefestigten Wege werden mit Sand oder Split begehbar gemacht.

Gleichzeitig bringen die Angehörigen die Gräber in Ordnung. Sie lassen die Steine reinigen oder zurecht rücken, manche bringen auch noch eine Inschrift an, wenn diese bisher gefehlt hat, berichtet die Bildhauerei Fleck in Schweinfurt. Außerdem werden winterharte Pflanzen eingesetzt. Dabei sei die Calluna, ein Heidekraut, das es in Weiß, Rosa und Bordeauxrot gibt, seit einigen Jahren der absolute Favorit, bei vielen, die in der kalten Jahreszeit nicht nur Grün auf dem Grab haben möchten, weiß Anita Lehfer vom gleichnamigen Blumengeschäft am Hauptfriedhof. Calluna gibt es mittlerweile auch gefärbt – in knalligem Gelb, Orange und Blau. Bei diesem Trend macht Lehfer jedoch nicht mit. Sie findet die künstlichen Blüten „einfach scheußlich“.

Zu Allerheiligen würden auch viele Gräber gerichtet und besucht, die das Jahr über eher ungepflegt seien, stellt Friedhofsverwalter Schlereth fest. Heutzutage entschieden sich ohnehin immer weniger Menschen für ein Erdgrab. 3000 stünden auf dem Hauptfriedhof mittlerweile leer, bis zu 200 weitere würden jedes Jahr aufgegeben. Dahingegen vergebe die Friedhofsverwaltung jährlich nur zwischen 60 und 70 neue.

Trend Richtung Verbrennung

Der Trend geht zur Verbrennung. Urnen werden immer öfter in so genannten Urnenwänden oder Nischengräbern aufbewahrt, bei denen mehrere Gräber über- und nebeneinandergereiht sind. Auf dem Hauptfriedhof in Schweinfurt gibt es bereits über 3000 solcher Gräber, und es werden immer mehr, ist sich Schlereth sicher.

Für die Steinmetze ist die Entwicklung in der Bestattungskultur die reinste Katastrophe, sagt Günter Irmschler, der seit 50 Jahren Grabmale fertigt. Man lebe quasi nur noch von Reparaturen. Grabsteine würden heutzutage sogar über das Internet bestellt und zu Preisen wie in Indien oder China könne man in Deutschland nicht produzieren.

„Die jüngere Generation will nichts mehr für Gräber ausgeben“, beklagt der Steinmetz. An Tagen wie Allerheiligen merkten viele, die sich für ein Nischengrab entschieden haben, dann plötzlich, „dass sie keinen Platz zum Trauern haben“, sagt Irmschler.

Das Aufstellen von Lichtern, Blumen und anderer Dekoration vor den Urnenmauern ist nicht ganz so einfach, bestätigt Friedhofsverwalter Schlereth. Die Zuordnung des Grabschmucks sei dort nicht eindeutig. „Die Dekoration wird leider häufig nicht weggeräumt“, sagt Schlereth.

Letztlich bleibe es dann an der Friedhofsverwaltung hängen, zu entscheiden, welche Blumen noch frisch sind und welche entfernt werden. Oft komme es dabei zu Beschwerden, entweder von Angehörigen, deren Schmuck angeblich zu früh weggeräumt wurde, oder von Nachbarn, die die alten Blumen der anderen endlich entfernt haben wollen.

Bei den so genannten Baumgräbern ist die Situation etwas besser. Auf dem Deutschfeld Friedhof gibt es ein Hochkreuz als zentralen Gedenkplatz, um das herum Angehörige Lichter und sonstigen Schmuck platzieren können. Nach dem Vorbild „Friedwald“ oder „Ruheforst“ gibt es auf dem Deutschfeld Friedhof seit ein paar Jahren 400 Baumgräber, von denen drei Viertel schon belegt sind, berichtet Schlereth. Auf dem Hauptfriedhof und dem Friedhof in Oberndorf finden sich bisher nur vereinzelt Ruhestätten unter Bäumen.

Der These, dass Jüngere nicht mehr genug Zeit oder Geld hätten, um ihre Verstorbenen zu begraben, vertritt Schlereth nicht. „Der Zeitgeist hat sich einfach gewandelt, Gräber haben heute einen anderen Stellenwert“, erklärt sich der Friedhofsverwalter die Entwicklung.

Gewandelter Zeitgeist

Einen weiteren Grund sieht er in der zunehmenden Beweglichkeit der Menschen. Viele Verstorbene hätten einfach keine Angehörigen mehr vor Ort, die ein Grab im Sommer ständig gießen könnten.

Früher habe man statt Erdgräber die See- oder anonyme Bestattung gewählt. Heute entscheide man sich für Urnenmauern oder Baumgräber. Weniger Erdgräber seien zumindest für die Bäume gut, sagt Schlereth, die hätten mehr Platz für ihre Wurzeln. Um die Bäume herum entstünden nach und nach Sitzgelegenheiten oder eben mehr Baumgräber und Urnenmauern.

An Allerheiligen gibt es auf jedem Friedhof eine Totengedenkfeier: um 14 Uhr in Oberndorf, um 15 Uhr auf dem Hauptfriedhof und um 16.30 Uhr auf dem Deutschfeld Friedhof.

ONLINE-TIPP

Mehr Informationen und Bilder unter www.mainpost.de/trauer

Deutschfeld Friedhof: Ein Hochkreuz weist den Weg zu den Baumgräbern.
Foto: Laszlo Ruppert | Deutschfeld Friedhof: Ein Hochkreuz weist den Weg zu den Baumgräbern.
Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Schweinfurt und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (1)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!