Schweinfurt

DDR-Zeitzeuge Raufeisen zu Gast am Bayernkolleg Schweinfurt

1979 floh Thomas Raufeisen mit seiner Familie in den Osten, wo er fünf Jahre gegen seinen Willen festgehalten wird. Der Grund: Sein Vater hatte ein dunkles Geheimnis.
Der DDR-Zeitzeuge Thomas Raufeisen war zu Gast am Bayernkolleg Schweinfurt und las aus seinem Buch vor.
Foto: Lisa Marie Waschbusch | Der DDR-Zeitzeuge Thomas Raufeisen war zu Gast am Bayernkolleg Schweinfurt und las aus seinem Buch vor.

"Es gibt eine Parallele zwischen Ihnen und Thomas Raufeisen", sagt Michael Goll, Fachleiter Geschichte am Bayernkolleg in Schweinfurt. Die Schüler staunen, einige lachen, denn welche Parallele das sein soll, das kann sich niemand vorstellen. Schließlich ist Thomas Raufeisen 57 Jahre alt, DDR-Zeitzeuge und saß drei Jahre im Stasi-Gefängnis. Doch: Auch er machte sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg – am Hannover Kolleg. "Das hat eigentlich direkt mit der Geschichte zu tun. Denn wäre die nicht passiert, dann wäre ich nicht dort gelandet", sagt Raufeisen.

Er beginnt zu erzählen: Es war Januar 1979. Thomas Raufeisen war 16 Jahre alt, besuchte das Gymnasium in Hannover. "Ich habe ein völlig normales Leben gelebt", sagt er. Deutschland war geteilt, eine Verbindung zur DDR hatte er nur über seine Großeltern, die auf Usedom lebten. Eines Tages kam eine Nachricht, die "erst einmal gar nicht so ungewöhnlich ist", erinnert sich der 57-Jährige. Dem Opa gehe es schlecht.

Flucht in die DDR 

Normalerweise dauerte es wochenlang, bis man ein Visum zur Einreise erhielt. Der Vater, Armin Raufeisen, meinte, es gebe Sonderregelungen. Kurz darauf brach die vierköpfige Familie auf, machte sich via Transit auf den Weg nach Westberlin. Doch da kam die Familie nie an, stattdessen hielt sie an Raststätten, wurde in ein Nachtquartier gebracht, der Vater verhielt sich komisch.

Kam auf Einladung des Bayernkollegs Schweinfurt: Thomas Raufeisen (links). Hier zusammen mit Monika Joachim (Kommissarische Schulleiterin) und Michael Goll (Fachleiter Geschichte).
Foto: Lisa Marie Waschbusch | Kam auf Einladung des Bayernkollegs Schweinfurt: Thomas Raufeisen (links). Hier zusammen mit Monika Joachim (Kommissarische Schulleiterin) und Michael Goll (Fachleiter Geschichte).

Ob ihm das nicht verdächtig vorkam, fragen ihn die Schüler am Bayernkolleg. Damals nicht, der Vater würde schon wissen, was er tut. Heute weiß Raufeisen, wie verdächtig die Szenen waren, die er aus seinem Buch "Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei" vorliest.

Vater Armin war Geophysiker bei der Preussag in Hannover. Gleichzeitig war er aber auch Spion der DDR – und das bereits seit 20 Jahren. Am 23. Januar 1979, als Familie Raufeisen sich auf den Weg zum angeblich kranken Opa machte, platzte die Bombe. Es war ein Vorwand. Der Vater habe gesagt: "Ich musste ganz schnell aus Hannover weg. Ich war in Gefahr, dort verhaftet zu werden. Ich habe als Kundschafter des Friedens gearbeitet." Das Wort Spion habe er nicht benutzt.

Vertrauen in Vater verloren

Für die Söhne brach die Welt zusammen. "Mein Vater war mir völlig fremd geworden", erzählt Raufeisen. Elf Monate später schaffte es sein Bruder Michael zurück nach Hannover, der minderjährige Thomas musste bleiben. Die Familie bezog eine für DDR-Verhältnisse gute Wohnung in der Leipziger Straße in Berlin. Er begann eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker.

"Mein Vater war mir völlig fremd geworden."
Thomas Raufeisen, DDR-Zeitzeuge

Die Familie schmiedete Fluchtpläne, doch alle Bemühungen scheiterten. Im September 1981 verhaftete man die Familie. Nach einem Jahr Verhör in der Stasi-Untersuchungshaft in Lichtenberg folgte die Verurteilung: drei Jahre für Thomas, sieben Jahre für seine Mutter Charlotte, lebenslänglich für Vater Armin. Thomas Raufeisens Verbrechen: Er wollte zurück nach Westdeutschland.

Nach der Haft schaffte er es nach Hannover, seine Mutter kam nach sieben Jahren Haft nach, sein Vater verstarb im Gefängnis. Raufeisen machte Abitur, studierte, wurde Vermessungsingenieur und arbeitete in Berlin. Er stellt klar: "Ich bin nicht nach Berlin zurückgekehrt, ich bin nach Berlin gezogen." Dort ist er heute freiberuflicher Referent für politische Bildung und führt Besucher durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen, wo er selbst inhaftiert war.

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