MAINBERG

Den Eiswein 2010 fraßen die Wildsäue

Auf dem Mainberger Schlossberg musste der Winzer die Lese abblasen

Mittwoch, 15.30 Uhr: Jürgen Dahms stellt sein Auto am Schloss Mainberg ab, geht in die von der Stadt Schweinfurt gepachteten und derzeit ziemlich verschneiten Weinberge, Lage „Mainberger Schlossberg“. Dort soll am frühen Donnerstag auf 3000 Quadratmetern Eiswein gelesen werden, – sollte.

Noch zehn Meter vor den Rebstöcken fällt ihm nichts auf. Doch dann ist er schockiert. Unter den Plastikfolien hängen keine Trauben mehr, die sind, laut Dahms, zu 98 Prozent bereits gelesen. „Diebe!“, das ist sein erster Gedanke. Doch dann schaut er näher hin, findet im Schnee die Spuren von Paarhufern, von Wildschweinen, ist er sich sicher. Und so notiert er, dass die Folien nicht von oben, wie es ein Dieb machen würde, sondern von unten aufgerissen sind.

Aufgewühltes Erdreich allenthalben, abgerissene Routen, alles spricht für den ungeladenen Besuch der Schwarzkittel aus den nahen Wäldern. Dahms reißt die Folie nicht auf, denn wo keine Trauben sind, geht in der Nacht der Frost nicht in die Früchte rein, weswegen er nach Schloss Mainberg gefahren war.

Ein befreundeter Jäger ist schnell per Handy angerufen, kommt auch sofort, schaut sich die Bescherung an, zeigt Jürgen Dahms den Dreck an den Folien und an den Reben, kommt zu dem klaren Urteil: dass waren Wildsäue. Jürgen Dahms bleibt nichts anderes übrig, als den zwölf bestellten Lesern abzusagen.

Am Donnerstagmorgen sind Reporter und Fotograf bei 10 Grad Minus im Weinberg unterwegs, erfahren, dass für die Eisweinlese mindestens sieben Minusgrade vorgeschrieben sind. Es ist knackig kalt. Jürgen Dahms wollte deshalb nicht in der Nacht, sondern erst nach Sonnenaufgang lesen lassen, was den Einsatz von Lichtmaschinen erspart hätte, und in der Steillage die Leser nicht gar zu oft über Bodenunebenheiten ausrutschen lassen hätte.

Dahms wäre einer von nur vier Winzern in Franken gewesen, die heuer Eiswein erzeugen. Daraus wird nichts, wie auch bei dem Weingut Baldauf in Ramsthal, wo nicht Wildschweine, sondern Rehe ganze Arbeit geleistet hatten. Es wäre der erste Eiswein vom Mainberger Schlossberg gewesen, sagt Dahms, der mit dieser Premiumsorte der Weine schon allerhand Erfahrungen an der Schweinfurter Peterstirn gesammelt hat.

Noch dazu ein Riesling, einer aus Franken, damit hätte er irgendwann bei der weltweit größten Weinpremierung (awc vienna) in Wien teilnehmen wollen, wo das einzige Schweinfurter Weingut heuer erstmals dabei war und bei neun vorgestellten Weinen sieben Silber- und eine Bronzemedaille holte. Nur der mitgenommene Eiswein, der korkte, qualifizierte sich nicht. Ein Rondo (Rotwein, Stufe Qualitätswein) von der Peterstirn und ein Traminer vom Mainberger Schlossberg verfehlten nur knapp Gold.

Heuer gedieh der Riesling im Weinberg auf dem Schlossberg prächtig, hatte vor Wochen schon die Qualitätsstufe „Spätlese“ erreicht. Doch das Weingut Dahms ging das Risiko ein, wollte bis zu 150 Liter Eiswein auf den 3000 Quadratmetern ernten. Noch vor zwei Monaten hätte der Riesling 1500 Liter hergegeben, was bei sieben Euro für „Kabinett“ beim Verkauf 10 000 Euro eingebracht hätte.

Doch weil das Weingut ein umfassendes Sortiment anbieten will, entschied man sich für den Eiswein, wobei hier der Liter etwa 100 Euro bringt (150 Liter also 15 000 Euro). Abgefüllt wird der Wein aus den gefrorenen Trauben in 0,375-Liter-Bocksbeuteln und kostet so noch um die 35 Euro. „Die Kundschaft will Eiswein“, sagt Dahms, weshalb das Weingut ihn spätestens alle drei Jahre erzeugt.

Im Oktober wurde entblättert, die Trauben wurden mit Folie eingewickelt. Die Mitarbeiter zogen den Schutz vor Vögeln und Regen auf beiden Seiten auf, klammerten oben und unten – 30 000 mal. Unten wird auch deshalb verschlossen, damit abgefallene Trauben nicht auf den Boden fallen, sie in der Folie frieren können.

Noch nicht geklärt ist, ob das Weingut Dahms auf dem Schaden sitzen bleibt, oder ob der für das Gebiet zuständige Jäger eine dicke Rechnung bekommt.

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