Schweinfurt

Ein Hund als Therapeut

Therapiehund Nora lässt sich von den Bewohnern des Augustinums mit Leckerli locken.
Foto: Anand anders | Therapiehund Nora lässt sich von den Bewohnern des Augustinums mit Leckerli locken.

Mittwochs fällt für Nora das Abendessen meist aus. Da hat die stattliche Neufundländerdame nämlich schon am Nachmittag allerlei Wurst- und Käsestückchen verdrückt. Ihre Besitzer Ilse und Klaus Wanka besuchen mit ihr mittwochs nämlich immer das Senioren-Wohnstift Augustinum. Nora ist ein Therapiehund, die Wankas engagieren sich im Verein Therapiehunde Franken. Im Kontakt mit dem Tier „erwachen“ demente Bewohner förmlich wieder.

„Ja feeiiiin“, sagt eine alte Dame, gibt Nora ein Stückchen Fleischwurst und tätschelt den massiven Kopf der schwarzen Hündin. Dann geht Nora zur nächsten Dame, einmal reihum. Klaus Wanka hat jeden gefragt, ob er oder sie den Hund füttern möchte. Nicht alle wollen, aber die meisten.

Eine Frau beginnt, von früher zu erzählen, als sie selbst noch einen Hund hatte. Sie nestelt in ihrer Tasche und holt ein Foto heraus. Mischlingsrüde Bazi schaut treu in die Kamera. „Der ist ja schon tot“, sagt die Frau. Da sagt eine andere Bewohnerin zu Nora: „Du hast gefälligst nicht tot zu sein, wir haben dich lieb.“

Der Hund bahnt den Weg aus der Isolation

Viele der Bewohner nehmen jede Woche am Treffen mit Nora teil, immer eine halbe Stunde. Hilde Keilholz hat das Programm heute gestaltet, sie macht gerade eine Ausbildung zur gerontopsychiatrischen Fachkraft und untersucht die Effekte durch Noras Besuche. Und die sind erstaunlich. So werden die Bewohner zur Kommunikation angeregt, das Reden über den Hund ist auch ein Weg aus der Isolation. Erinnerungen erwachen, kognitive und koordinative Fähigkeiten gefördert. Auch die Empathie, das Gefühl für das Gegenüber, kehrt zurück. „Oft kommt eine Frau, die spürt nach einem Schlaganfall ihre eine Seite nicht mehr“, erzählt Keilholz, „aber bei Nora nimmt sie beide Hände und greift fest nach dem Hund.“

Nora ist von alledem unbeeindruckt – und das muss sie auch sein. Beim Verein Therapiehunde Franken hat sie einen Wesenstest gemacht. Klaus Wanka erzählt auch den Bewohnern davon. Dabei kommt zum Beispiel jemand mit dem Rollstuhl voll auf den Hund zugefahren. Oder einer lässt kurz vor dem Hund plötzlich die Gehhilfen fallen. Auch ein unvermitteltes Drücken gegen die Wand muss der Hund aushalten, ohne aggressiv zu werden.

Nora hat den Test mit Bravour bestanden. Im Augustinum führt sie eine Frau an der Nase herum, lockt sie mit dem Käse und steckt ihn sich schließlich selbst in den Mund. Nora trottet einfach weiter.

Nora mag - untypisch für einen Neufundländer - kein Wasser

Hilde Keilholz moderiert die 30 Minuten Hundebesuch, fragt die Wankas über den Hund aus. Zum Beispiel darüber, dass Neufundländer häufig als Rettungshunde eingesetzt werden, um Ertrinkende aus dem Wasser zu ziehen. „Toll!“ ruft eine Frau. Allerdings: „Nora mag kein Wasser“, sagt Klaus Wanka. Weiter als bis zum Bauch geht sie nicht rein. Als Therapiehund ist sie offensichtlich besser geeignet.

Die Wankas haben sich den Hund zugelegt, als sie in Rente gegangen sind. Als sie dann von den Therapiehunden Franken hörten, waren sie angetan. Der Verein ist vor allem im Raum Nürnberg aktiv, aber es gibt Mitglieder in ganz Franken. Laut Ilse Wanka hat der Verein aktuell 270 aktive Hunde mit Besitzern, die im vergangenen Jahr weit über 3000 Einsätze absolviert haben. Die Tiere gehen nicht nur in Alten- und Pflegeheime, sonder auch in Einrichtungen für körperlich und geistig behinderte Menschen, in Schulen und Kindergärten sowie in Privathaushalte.

Die Wankas und Nora besuchen neben dem Augustinum auch noch regelmäßig und ehrenamtlich in ein Altenheim in Stadtlauringen und alle zwei Wochen in eine Einrichtung der Offene Behindertenarbeit in Schweinfurt. Ilse Wanka lächelt, wenn sie erzählt: „Dort gibt es einen Jungen, der ist wirklich starker Spastiker, hat die Hände immer gekrampft. Aber wenn er ein Leckerli geben will, geht die Hand auf.“

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