Schweinfurt

Eindrucksvoll: Dürrenmatts Physiker im Schweinfurter Theater

Es ist vermutlich das meistgespielte Stück des Schweizer Autors und hat nichts von seiner Aktualität verloren. Eindrucksvoll zeigte das eine Inszenierung in Schweinfurt.
Dürrenmatts "Die Physiker" an einem Tisch. Von links: André Vetters (Newton), Pater Bause (Möbius) und Stephan Bürgi (Einstein)
Foto: Loredana La Roca | Dürrenmatts "Die Physiker" an einem Tisch. Von links: André Vetters (Newton), Pater Bause (Möbius) und Stephan Bürgi (Einstein)

"Die Physiker" sind vermutlich Friedrich Dürrenmatts meistgespieltes Stück. Der Schweizer Autor hat es Anfang der 1960er Jahre geschrieben, als sich der Ost-West-Konflikt dramatisch zuspitzte. Angesichts immer ausgefeilterer Vernichtungswaffen hat es auch heute nichts von seiner Aktualität verloren. Das zeigt sehr eindrucksvoll die Inszenierung der Tourneebühne Thespiskarren aus Hannover, die dieser Tage in Schweinfurt Station macht.

Herbert Olschok hat die Vorlage gerafft, einige Figuren gestrichen und lässt mit hohem Tempo spielen. Alexander Martynow stellt ein Halbrund aus gepolsterten Türen um den zentralen Raum der Irrenanstalt der Mathilde von Zahnd, wo sich die drei einzigen Insassen immer wieder begegnen. Es sind dies Herbert Georg Beutler, der sich für Newton hält, Ernst Heinrich Ernesti, genannt Einstein, und Johannes Wilhelm Möbius, der Wissenschaftler, der die Weltformel gefunden hat, vorgibt, von König Salomon besessen zu sein und ins Irrenhaus geflüchtet ist. Er hat seine Aufzeichnungen vernichtet, will die Welt vor sich, dem Physiker, schützen.

Im ersten Akt lässt Olschok der Komödie freien Lauf. Zu Beginn ist bereits ein Mord geschehen. Aus einer der Türen ragen die Beine einer der Schwestern. Einstein hat sie mit einem Stromkabel erwürgt. Inspektor Voß (herrlich zerknautscht) muss ein wenig frustriert bereits den zweiten Fall im Haus aufklären und wird dabei von Oberschwester Marta (resolut: Sibylla Rasmussen) streng ausgebremst. Von Mord dürfe bei den Irren keine Rede sein. Stefan Bürgi zeigt den geigenspielenden Einstein mit verblüffender Ähnlichkeit zum zungenbleckenden Erfinder der Relativitätstheorie. André Vetters hat sich als Newton eine Perücke übergestülpt, in Hausschuhen zieht er flockig durch die Szenerie.

Zwischen Wahn und Rationalität

Ganz groß Peter Bause als Möbius. Er spielt den ausrastenden Irren so souverän wie den abgekühlt rationalen Wissenschaftler. Einigermaßen gelassen nimmt er die Trennung von seiner Frau (mit nur wenig schlechtem Gewissen: Regula Steiner-Tomic; die Inszenierung verzichtet auf ihre drei Kinder und neuen Ehemann ohne, dass dies schaden würde) einigermaßen gelassen. Als ihm die viel jüngere Schwester Monika (jugendlich frisch: Tina Rottensteiner) ihre Liebe erklärt, ihn befreien will, kommt seine Welt ins Wanken. Um sein Geheimnis zu wahren, muss auch er töten.

Schön die Idee, den muskelbepackten, schwer tätowierten Oberpfleger (Raimond Knoll) alles andere als furchteinflößend, sondern vielmehr als unsicher ängstlich anzulegen.

Ganz stark im zweiten Akt, wenn sich die drei Wissenschaftler an einem Tisch versammeln, Einstein und Newton sich als Spione erweisen und die drei zur Einsicht gelangen, dass alles, was gedacht werden kann, einmal gedacht werden wird, und dass das einmal Gedachte, nicht zurückgenommen werden kann.

Dürrenmatt ist der Meister der überraschenden, "der schlimmst möglichen" Wendung. Die einzig wirklich Irre in den "Physikern" ist die Chefin des Hauses, Mathilde von Zahnd. Der Autor hat sie als buckelich-entstellt gezeichnet. Die Inszenierung verzichtet darauf. Hellena Büttner zeichnet stimmig die Figur als herrisch-dominant, raffiniert. Klammheimlich hat sie sich die Erkenntnis Möbius` unter den Nagel gerissen, an einen Konzern verhökert.  Langanhaltender Applaus. Weitere Vorstellungen gibt es bis einschließlich Dienstag.

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