Schweinfurt

Entdeckungen und Enträtselungen

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Foto: Museum Georg Schäfer

Die Zeit des Lockdowns bot im Museum Georg Schäfer phasenweise die Möglichkeit, sich Tätigkeiten zu widmen, für die sonst die Zeit knapp bemessen ist. So kam in den letzten Monaten die Inventarisierung schneller voran als gedacht. Gerade werden die Skizzenbücher in der Graphischen Sammlung erfasst. Es sind insgesamt 185 Stück in den unterschiedlichsten Formaten – groß und klein, dick und dünn, in Leder gebunden, Pappbände und Hefte, manchmal mit farbigen Papieren bestückt, zum Teil auch mit Schleifen zum Zubinden oder mit Halterungen für Stifte versehen.

Etwa 50 Künstler sind vertreten, darunter bekannte Namen wie Johann Christian Reinhart (1761-1847), Moritz von Schwind (1804-1871), Eduard Schleich d. Ä. (1812-1874), Johann Sperl (1840-1914), Max Slevogt (1868-1923) und Max Liebermann (1847-1935). Von Josef Wopfner (1843-1927), dem „Chiemsee-Maler“, dem das Museum 2019 eine eigene Ausstellung gewidmet hat, sind stolze 113 Skizzenbücher in der Sammlung zu finden – ein Schatz, um die Arbeitsweise des Künstlers studieren zu können.

Die Bücher und Hefte werden zunächst als Ganzes inventarisiert; zehn Stück wurden in den letzten Monaten aber auch schon Seite für Seite durchfotografiert und mit Motiven, Zeichentechniken, Maßen und Beschriftungen dokumentiert. Der schlicht klingende, aber große Gewinn dieser Arbeit besteht darin, dass man nun endlich weiß, was in diesen Skizzenbüchern zu finden ist und digital nach Motiven und Themen suchen kann.

Begonnen wurde mit besonders interessanten Büchern. Ein Höhepunkt der Sammlung ist das sogenannte „Römische Skizzenbuch“ von Johann Christian Reinhart aus dem Jahr 1790. Der aus Hof stammende Reinhart, der sich 1785 mit Friedrich Schiller anfreundete, zog 1789 nach Rom, wo er bis zu seinem Tod blieb. Er wurde dort zu einer der zentralen Künstlerpersönlichkeiten im Kreis der deutschen Künstler. Sein Skizzenbuch beinhaltet figürliche Zeichnungen von Hirten, Straßenhändlern, Bettlern und Künstlerkollegen beim Zeichnen, aber auch einen von Zahnschmerzen geplagten Mann, außerdem Studien von Landschaft und antiken Stätten wie dem Kolosseum, daneben eine Reihe von Tierzeichnungen.

Gleich das erste Blatt zeigt recht skurril eine urinierende Ziege, aber es finden sich auch „manierlichere“ Pferde, Hunde und Kühe. Die klaren, gut erhaltenen Zeichnungen sind oft braun laviert oder aquarelliert. Es gibt zudem einige Notizen des Künstlers. Ein anderes Schmuckstück der Sammlung ist ein Skizzenbuch Max Liebermanns (1847-1935) aus der Zeit um 1878. Mit ihm begleitet man den Berliner Maler hinaus aufs Land, nach Venedig und in die Niederlande. Ein kleines Etikett im Buch zeigt, dass Liebermann es in Heyls Künstler Magazin in der Leipziger Straße in Berlin erworben hat. Die Skizzen sind fast alle mit Bleistift gezeichnet. Es finden sich Straßenszenen, Landschaften, Frauen, Kinder, Arbeitsszenen, Bewegungsstudien und eine ganze Reihe Figurenstudien mit dem Schwerpunkt der Feld- und Landarbeit.

Spannend ist, dass es gleich mehrere Skizzen und Entwürfe zu Gemälden gibt, zum Beispiel zu „Venezianische Gasse“ von 1878, zu „Alte Frau mit Katze auf dem Schoß“ aus dem selben Jahr, zu „Holländische Dorfstraße“ von 1879 oder zu „Der zwölfjährige Jesus im Tempel unter den Schriftgelehrten“ von 1879. Auch Liebermann machte sich auf einigen Seiten des Büchleins Notizen zu Preisen und Farben.

Von recht ungewöhnlichem Reiz ist ein schmales rotes Skizzenbuch mit Kinder- und Jugendzeichnungen des österreichischen Künstlers Eduard von Steinle (1810-1886). Es umfasst eingeklebte Blätter, die das junge Talent im Alter von zehn bis zwölf Jahren anfertigte, wobei es hier weniger um den künstlerischen Wert als um den Charme eines solch frühen Künstlerdokuments geht.

Schöne und spannende Zeichnungen sind aber nicht nur bei den bekannten Namen zu finden. Deshalb wurden auch ein Skizzenbuch des noch eher unbekannten, aus Würzburg stammenden Philipp Vornkellers und des Münchner Architekturmalers Wilhelm Gail (1804-1890) bearbeitet.

Vornkeller füllte sein Skizzenbuch 1844/45 in Rom und Umgebung. Er interessierte sich vor allem für Ansichten der Stadt, der Paläste und der antiken Stätten, insbesondere für das Forum Romanum. Einige Zeichnungen sind mit Wasserfarbe stimmungsvoll ausgeführt. Sie erlauben einen Rom-Spaziergang auf dem Papier.

Der Münchner Wilhelm Gail konzentrierte sich in seinem Skizzenbuch hingegen vor allem auf Figurenstudien. Das Buch begleitete ihn auf einer Reise nach Turin mit weiteren Stationen in Genua, Pavia, Mailand und Chur. Liebevoll und humorvoll erfasste der Künstler das Volksleben und seine Typen: die Hafenarbeiter, Menschen in der Bratstube, Invaliden, Fischverkäufer, Schuhputzer, Stuhlvermieter, Zöllner, Priester oder auch eine Läuse-Sucherin.

Oft schwingt ein unterhaltsam witziger Ton mit. Einige Beschriftungen des Zeichners in einem Gemisch und Wechsel aus Italienisch, Spanisch und Deutsch geben noch ein paar Rätsel auf. Aber auch das gehört zur Erschließung dazu, denn bei jedem Skizzenbuch fordern neue Handschriften und unbeschriftete Motive zum Entziffern und Suchen heraus.

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