Schweinfurt

Familie, Visite, Doktorarbeit: Frauen in der Medizin

Seit 1899 dürfen Frauen in Deutschland Medizin studieren. Das sind über 120 Jahre – da sollte man davon ausgehen, dass sich der Anteil an Medizinern und Medizinerinnen in leitender Position heutzutage in etwa die Waage hält. Vielen gilt der Fachbereich Medizin jedoch nach wie vor als Männerdomäne. Während Statistiken der vergangenen Jahre dies widerlegen, indem sie zeigen, dass etwa die Hälfte an Medizinern in Deutschland weiblich ist und der Anteil an Medizinstudentinnen bereits 2016 bei rund 70 Prozent lag, bestätigt sich das traditionelle Rollencliché bei einem Blick in die Chefetagen der Medizin: Die Quote für Frauen in Chefarztpositionen oder als Leiterinnen wichtiger klinischer Lehrstühle stagniere seit Jahren bei zehn bis 13 Prozent.

Persönliche Erfahrungen

Im Zuge der 29. Schweinfurter Frauenwochen trafen sich vier Schweinfurter Ärztinnen in leitender Position, um sich mit der Moderatorin Ursula Lux über ihre ganz persönlichen Erfahrungen auszutauschen. Die Podiumsdiskussion "Frauen und Karriere in der Medizin" konnte aufgrund der gegenwärtigen Situation online live mitverfolgt werden.

Wählen Frauen also generell andere Fachgebiete als Männer, weil sie sich möglicherweise besser auf ärztliche Seelsorge und Kommunikation verstehen? Da sei durchaus etwas dran, sind sich die vier einig. Ein Grund sei aber auch, dass Anästhesie und Geriatrie damals noch um Anerkennung gerungen hätten und "Nischenprodukt" waren und somit, wie Dr. Jutta Albrecht hinzufügt, eine perfekte "Startmöglichkeit für Frauen".

Wichtige Work-Life-Balance

Die Zeiten hätten sich seit damals jedoch sehr zum Positiven gewandelt. Die "Work-Life-Balance" sei wichtiger geworden, bei Frauen und Männern gleichermaßen. Hielten Kinderwunsch und Babypause damals durchaus das Risiko für einen Karriereknick bereit, dürften Frauen heute länger im Erziehungsurlaub bleiben. "Es gibt auch viel mehr Möglichkeiten, einen Zugang zu finden in eine andere Stelle", meint Dr. Albrecht.

Durststrecken überwinden

Für den Umstand, dass nur 13 Prozent der Medizinstudentinnen in Führungspositionen ankommen, sehen die Ärztinnen verschiedene Ursachen. "Wir sind es nicht gewohnt, unsere Fähigkeiten nach vorne zu präsentieren. Wir versuchen es gut zu machen und hoffen, dass es dann schon auffällt. Ich glaube, dieses ‚Hinstellen und Präsentieren‘ fällt uns Frauen schwer", meint Cordula Gehlert-Wohlfahrt. Um eine solche Position zu erreichen brauche es zudem die Leidenschaft für das, was man tut, um auch Durststrecken über-winden zu können. Auch familiäre und berufliche Unterstützung und Vorbilder seien nötig.

Zuerst gehe es aber um fachliche Kompetenz. "Man muss gut sein, sonst hält man sich nicht lange da oben", stellt Cordula Gehlert-Wohlfahrt klar. Stetiges Interesse an Weiterbildung, Kommunikation und viel Humor, um den hierarchischen Strukturen entgegentreten zu können, seien ebenfalls essenziell. Die Ausweitung der Möglichkeit, sich Leitungsposten zu teilen, das Miteinander von verschiedenen Abteilungen und den Menschen bei der Behandlung in den Mittelpunkt zu stellen, sind Zukunftswünsche, die sich die Frauen teilen.

Unterstellungen

Während die Ärztinnen viele positive Anekdoten bereithielten, berichteten sie auch von unangenehmen Erfahrungen in ihrer beruflichen Vergangenheit, unpassenden Witzen und sogar Unterstellungen, auf welche Art man als Frau die Führungsposition wohl erreicht habe.

Eine gehörige Portion Gelassenheit, Humor, Kommunikation, ebenso wie Selbstbewusstsein, Durchhaltevermögen und Ehrgeiz scheinen wie so oft auch hier der Schlüssel zum Erfolg zu sein.

Trotz des bereits zurückgelegten Weges, gibt es für Frauen im medizinischen Metier noch Luft nach oben. Die Medizin mag weiblicher werden, die Chefetage bleibt für den Moment allerdings in männlicher Hand.

Podiumsdiskussion „Frauen und Karriere in der Medizin"

Alle vier Teilnehmerinnen an der Podiumsdiskussion „Frauen und Karriere in der Medizin" kommen aus leitenden Positionen im Bereich der Palliativmedizin (Chefärztin der Palliativstation im Krankenhaus St. Josef: Dr. Susanne Röder und leitende Ärztin der Palliativo Main-Saal-Rhön: Yvonne Rabe), der Schmerztherapie (Chefärztin der Schmerztherapie im Leopoldina-Krankenhaus: Dr. Jutta Albrecht) oder der Akutgeriatrie (Chefärztin der Akutgeriatrie im Krankenhaus St. Josef: Cordula Gehlert-Wohlfahrt). Drei von ihnen sind Anästhesistinnen.
Quelle: syr
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