Geschichte einer Stiftung: Gekauftes Seelenheil

Schweinfurt hat bundesweit die meisten Stiftungen pro 100 000 Einwohner. Die Hospitalstiftung ist die älteste. Mit ihr wollten sich wohlhabende Bürger einst den Weg ins Jenseits ebnen.

Die Stadt liegt bundesweit an der Spitze, was die Anzahl der Stiftungen pro 100 000 Einwohner betrifft: 103 gibt es in Schweinfurt. Die weitaus älteste und heute noch bedeutendste Bürgerstiftung der Stadt Schweinfurt ist die Hospitalstiftung. Deren Geschichte hat Kathi Petersen im siebten Band der Reihe Schweinfurter Historische Forschungen aufgearbeitet. Ein Überblick:

Spitalseeplatz und Spitalstraße erinnern heute an das Schweinfurter Spitalwesen. Ein Spital ist erstmals aus dem Jahr 1232 belegt. Damals befreite König Heinrich VII. dieses von allen früheren Reichsverpflichtungen. Im Jahr 1250 wurde das Spital bei Auseinandersetzungen zwischen Hennebergern und Würzburg zerstört. Anschließend gab es wohl wieder ein Spital und/oder ein Siechhaus. Zu nennen ist das Siechhaus an der Landwehr (bis 1634).

Große Bedeutung für die Stadt hat noch immer die Hospitalstiftung, über die aus der Zeit vor 1553/54 kaum etwas bekannt ist. Bei dem zweiten Stadtverderben im Markgräfler Krieg wurden die Unterlagen vernichtet. Die Anfänge der Stiftung müssen vor dem Jahr 1364 gelegen haben. Spätestens 1417 muss die Stiftung über ein Vermögen verfügt haben, das den Kauf von 20 Äckern und Wiesen am Löhlein auf dem Schweinfurter Kiliansberg vom Kloster Theres erlaubte. Aus dem Jahr 1481 ist der Kauf eines Hofes in Pfersdorf, von 1487 der eines halben Freihofs in Waigolshausen vermerkt. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte das Spital zum Heiligen Geist beachtlichen Grundbesitz in der städtischen Gemarkung und Einkünfte aus der Verpachtung von Land in 30 Dörfern der Umgebung.

Tätige Nächstenliebe

Heilig Geist war wohl von Anfang an ein bürgerliches Spital, wie diese im Mittelalter allenthalben aus Vorsorge für das Jenseits in Zeiten von Seuchen und Hungersnöten entstanden. Reiche Bürger wollten ihre guten Werke in die Waagschale des Jüngsten Gerichts legen. Mit einem Spital wurden die sechs Werke der Barmherzigkeit am besten erfüllt. Diese Überlegung dürfte auch für Hans Kießling, der Stifter des Schweinfurter Spitals, und für die Bürger, die das Projekt mit Zuwendungen förderten, der Antrieb gewesen sein. Gleichwohl war ihr Tun tätige Nächstenliebe, die dringend gebraucht wurde. Zur Zeit von Hans Kießling lebte die Hälfte der Schweinfurter unter dem Existenzminimum.

Die Verwaltung lag beim Rat der Stadt, der auch Herr über die Spitalknechte und die Gebäude war. Aus dem Rat wurden zwei oder vier Männer jeweils zu Spitalpflegern berufen. Diesen Vorständen war ein Spitalkeller als Geschäftsführer zur Seite gestellt, der sich um die Instandsetzung der Gebäude, den Verkauf von Getreide und Wein, um das Gesinde, um das Holz und das Vieh zu kümmern hatte. Mit seiner Frau war der Keller zudem für die Pflege der kranken Spitalbewohner verantwortlich. Eine weitere wichtige Rolle hatte der Spitalschreiber, der die täglichen Einnahmen und Ausgaben notierte und bei Personalfragen beriet.

Wie das Siechhaus so stand auch das Spital anfangs außerhalb der Stadtmauer. Bei der Stadterweiterung im 15. Jahrhundert wurde Heilig-Geist jedoch einbezogen und entstand nach dem Stadtverderben (1553/54) am Stadttor gegen Oberndorf, also am Spitaltor. Überliefert ist der Bau von mehreren Gebäuden mit Sälen und Kammern, von gepflasterten Höfen und von Kellern, die über 23 Stufen zu erreichen waren. 1566 lagen die Wohn- und Wirtschaftsräume dicht nebeneinander, darunter Schlacht-, Back-, Wasch- und Kelterhaus. Es gab einen Küchengarten, Stallungen, Scheune, Wagenhalle und Getreideböden. Auch ein Brunnen fehlte nicht.

Bei der Belagerung durch die Schweden geriet das Spital am 14. April 1647 in Brand. Anfang des 19. Jahrhunderts standen dann außer der Kirche fünf Wohngebäude, sieben Scheunen und zehn Nebengebäude.

Ursprünglich war das Spital ausschließlich für Arme, Alte und Gebrechliche gedacht. Doch schon ab Mitte des 15. Jahrhunderts zogen auch Reiche als Pfründner ein. Wohlhabende Ältere, aber auch junge Menschen, die wegen einer körperlichen Behinderung nicht alleine leben wollten oder konnten, kauften sich ein. Pfründner ohne Geld mussten bei der Arbeit mithelfen, reiche nicht. Im Jahr 1593 hielt sich die Anzahl von Armen und Reichen mit jeweils elf Bewohnern die Waage. Zu diesem Zeitpunkt wurden auch noch Kranke betreut, im Jahr 1669 nicht mehr.

Für die Pfründner gab es täglich zwei warme Mahlzeiten, wobei die Tische für die Armen und die Reichen unterschiedlich gedeckt waren. Bei bis zu 30 Beschäftigten hatte die Küche in manchen Jahren bis zu 80 Personen zu versorgen. Für das Jahr 1655 ist der Tierbestand mit drei Pferden, 27 Ochsen und Stieren, 20 Kühen und Rindern, zwei Kälbern, 43 Schweinen und 36 Frischlingen ausgewiesen. Dazu kamen Gänse, Enten und Hühner. Auftrag des Spitals war die Versorgung und Beherbergung, nicht die medizinische Behandlung von Kranken.

Die Spitalkirche wurde ab 1803 für die katholischen Gottesdienste genutzt. 1896 wurde das Gotteshaus für den Neubau abgerissen.

Wirtschaftliche Basis für die Stiftung war von Anfang an vor allem der Grundbesitz, der im Laufe der Jahre gemehrt wurde. 1519 erwarb man das Gut Deutschhof samt Schäferei (616 Tiere). Für die Mitte des 17. Jahrhundert sind zahlreiche Weinberge, Felder, Gärten, Wiesen, Gehölze und Fischteiche aufgeführt. Der Besitz in der Stadt wurde in eigener Regie bewirtschaftet. Was außerhalb lag, war verpachtet. Eingestellt wurde der Wirtschaftsbetrieb 1803. Im Eigentum blieben 444 Morgen Wald, 14 Morgen Weinberge, 193 Morgen Ackerland, 166 Morgen Wiesen und die 474 Morgen des Gutes. Der Tierbestand im gleichen Jahr: sechs Pferde, 74 Rinder, 320 Schafe und 44 Schweine.

Stiftung musste umziehen

Mit dem Ende der Reichsstadtzeit musste die Stiftung ihre angestammten Gebäude verlassen, weil der Staat dort eine Kaserne bauen wollte. Später einstand auf einen Teilbereich eine Zuckerfabrik von Wilhelm Sattler. Als Gegenwert erhielt die Stiftung den Ebracher Hof und den Bildhäuser Hof sowie eine finanzielle Abfindung. 1812 waren im Ebracher Hof 14 Kinder im Querbau an der Rittergasse, 22 Pfründner und neun Kranke in den anderen Gebäuden untergebracht.

Eine weitere Umsiedlung stand 1846 in das neue Spitalgebäude an der Rüfferstraße an, das dann 1902 abgebrochen wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Einrichtung eines klassischen Spitals nicht mehr zeitgemäß.

Heute unterhält die Hospitalstiftung im angestammten Sinne das Friederike-Schäfer-Heim und zahlreiche Altenwohnungen. Der Hospitalstiftung gehören Waldungen bei Schwebheim und bei Euerdorf an der Saale sowie die Felder des Gut Deutschhof, das nahe Grettstadt ausgelagert wurde.

Viel Geld für viele Einrichtungen

Das Wirken der Stiftungen ist allenthalben in der Stadt zu spüren, insbesondere in den Bereichen Kultur, Sport und Jugend. Auch so mancher Auslandsaufenthalt der Studenten der Hochschule für angewandte Wissenschaften wäre ohne die Stiftungen nicht zu realisieren. Weitere Beispiele: Spiel- und Sportgeräte auf den Pausenhöfen, Auftragskompositionen, Ausstellungsstücke für Museen und Unterstützung für das Ehrenamt. Von dem Geld der Stiftungen profitieren Einrichtungen wie die Musikschule, die ohne diese Unterstützung weit weniger Musikinstrumente besitzen würde; Vereine oder Behindertenorganisationen werden gefördert. Die mit Abstand größte Stiftung in Schweinfurt ist die Hospitalstiftung. Das jährliche Haushaltsvolumen liegt bei über zwei Millionen Euro, das Grundvermögen bei 19 Millionen Euro und das Kapitalvermögen bei 5,8 Millionen Euro. Die Hospitalstiftung wird wie weitere sieben Stiftungen von der Stadt verwaltet. So betreuen das Forstamt der Stadt die großen Waldungen bei Schwebheim und Euerdorf an Saale und die SWG den Wohnungsbestand der Stiftung. lA

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