Grettstadt

Hausarzt und Weltmeister

Von ihrem neuen Grundstück aus haben Dr. Hermann und Hermi Kraus direkten Blick auf ihre frühere Wirkungsstätte. 
Foto: Peter Volz | Von ihrem neuen Grundstück aus haben Dr. Hermann und Hermi Kraus direkten Blick auf ihre frühere Wirkungsstätte. 

Vor 40 Jahren eröffnete Dr. Hermann Kraus in der Hauptstraße 5 seine Allgemeinarztpraxis, dort, wo heute die Apotheke zu finden ist. Zuvor hatte Grettstadt nach dem Tod von Dr. Karl Dorda 15 Jahre ohne eigenen Hausarzt auskommen müssen. Die Ortsbürger mussten die Ärzte in Gochsheim, Sulzheim und Schwebheim aufsuchen, wenn sie gesundheitliche Probleme hatten. Im Jahr 1984 zog Familie Kraus dann in die neu erbauten Wohn- und Praxisräume in der Sonnenstraße 13/15.

Dr. Hermann Kraus 1982 in der ein Jahr zuvor eröffneten Praxis in der Hauptstraße.
Foto: Hermi Kraus | Dr. Hermann Kraus 1982 in der ein Jahr zuvor eröffneten Praxis in der Hauptstraße.

Die Gebäude sind dem fränkischen Fachwerk nachgebildet und mit viel Liebe zur Tradition gestaltet, so fanden alte Türen, unter anderem auch aus Grettstadter Bauernhöfen ebenso eine neue Aufgabe wie der Hausspruch über der Eingangstüre. Sehenswert war auch der Garten um die Gebäude, bei dessen Anlage und Bearbeitung Dr. Kraus von seiner Gattin unterstützt wurde. Als "Rasenmäher" kamen jahrzehntelang Kaninchen bzw. Stallhasen zum Einsatz.

Die Grettstadter genossen es, dass ihr "Doc" fast immer für sie da war, selbst an Wochenenden und nachts, wobei seine Ehefrau neben ihrer Tätigkeit als Buchhalterin der Praxis, Haushalts-"Chefin" und Mutter von vier Kindern zusätzlich gefordert war. Zu seinem Zeitplan gehörten selbstverständlich auch Hausbesuche und der Kontakt zu den Patienten in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Aber auch an der Beisetzung verstorbener Patienten nahm der Arzt teil, wann immer es ihm seine Zeit erlaubte.

Schönschrift und Zauberkasten

Eine liebenswürdige Besonderheit: Dr. Kraus legte großen Wert auf deutlich lesbare Schrift, auch bei seinen eigenen Eintragungen. Er führte seine Patientenkartei auch dann noch händisch weiter, als die Computer ab 1990 fester Bestandteil der Praxis waren. Selbst bei großem Andrang ließ er es sich nicht nehmen, Kinderpatienten nach der Behandlung mit dem allseits bekannten Spruch "Hokuspokus fidibus" und Zauberstab zaubern zu lassen. Erst wenn diese ihre Belohnung aus dem Zauberkasten geholt hatten, war der Arztbesuch für die Kleinen beendet.

Das Betriebsklima passte und so war die Fluktuation unter seinen Arzthelferinnen sehr gering: Zehn Helferinnen waren in den fast 40 Jahren neben seiner Gattin Hermi Kraus in der Praxis beschäftigt. Fester Bestandteil des Teams waren über die Jahrzehnte hinweg Martina Bätz und Gertrud Becker, was nicht unerheblich zum Erfolg der Praxis beitrug.

Familie Kraus war stolz auf ihr neues Domizil in der Sonnenstraße, das sie 1984 bezog, bestehend aus dem Praxis- und dem Wohngebäude. Gebäude und Inventar zeigten viel Liebe zum Traditionellen. So fanden alte Scheunenbalken ebenso eine neue Verwendung wie die Türen von zwei Bauernhäusern aus Grettstadt. 
Foto: H. Kraus | Familie Kraus war stolz auf ihr neues Domizil in der Sonnenstraße, das sie 1984 bezog, bestehend aus dem Praxis- und dem Wohngebäude. Gebäude und Inventar zeigten viel Liebe zum Traditionellen.

Im Eingangsbereich der Praxis war "Hermis Kunststübchen" aufgebaut, wo verschiedenste, teilweise mit Früchten aus eigenem Anbau kreierte Marmeladen und Gelees ebenso wie selbstgestrickte farbenfrohe Söckchen, Schals und andere Handarbeiten sowie mit viel Liebe und Fantasie gestaltete Glückwunschkarten erhältlich waren. Den stattlichen Erlös führte Hermi Kraus zu 100 Prozent wohltätigen Zwecken zu, so einer Krankenstation in Nicaragua. Die Doc-Marionette über dem Tresen war eine Reminiszenz an den Herrn des Hauses.

Arzt mit sportlichen Ambitionen

Mit viel Ehrgeiz, Trainingsfleiß und Erfolg frönte Dr. Hermann Kraus dem Radsport und sammelte seit 1989 über 50 Pokale. 
Foto: Cora Dütschke | Mit viel Ehrgeiz, Trainingsfleiß und Erfolg frönte Dr. Hermann Kraus dem Radsport und sammelte seit 1989 über 50 Pokale. 

1981 waren Dr. Hermann Kraus und seine Gattin Hermi Gründungsmitglieder der Volleyballabteilung des TSV Grettstadt, nachdem sie zuvor schon in Würzburg am Heuchelhof diese Sportart betrieben hatten. Beide spielten auch in Gochsheim leidenschaftlich Volleyball. Wegen Knieproblemen musste Dr. Kraus diese Sportart 1989 aufgeben. Daraufhin wandte er sich dem Radsport zu, wo er nach Jahren intensiven Trainings zahlreiche Rennen bestritt. 1994 nahm er erstmals an der Ärzte- und Apotheker-WM im Radsport teil. 1998 wurde er dort Deutscher Meister im Straßenfahren (Rennrad) und 1999 konnte er den Weltmeister-Titel im Mountainbike-Fahren feiern. Insgesamt holte er über 50 Pokale, wobei er besonders stolz auf seine 17 Siegertrophäen ist.

Medizinische Versorgung Grettstadts heute

2017 plante Dr. Hermann Kraus seinen geordneten Ausstieg aus dem aktiven Berufsleben, indem er Dr. Winfried Schorb aus Haßfurt die Praxis übergab. Er selbst blieb zunächst weiter tätig und bezog ein neu errichtetes Wohngebäude, direkt gegenüber seiner bisherigen Wirkungsstätte. Die Patienten des Hausarztes freuten sich, dass ihr Doktor weiterhin verfügbar war. Als sich Dr. Kraus schließlich nach 37 Jahren ganz aus der Hausarztpraxis zurückzog, bedauerten dies seine Patienten sehr. Ihm selber tut es heute noch leid, dass er sich - situationsbedingt – nicht gebührend von seinen Patienten verabschieden konnte.

Obwohl die Praxis ab 1990 über Computer verfügte, pflegte Dr. Kraus alle Daten in seine Patientendatei auch händisch ein. 
Foto: Wolfgang Schech | Obwohl die Praxis ab 1990 über Computer verfügte, pflegte Dr. Kraus alle Daten in seine Patientendatei auch händisch ein. 
In der Anfangsphase ähnelten sich Arzt und Marionette frisurmäßig sehr stark, jetzt sind es mehr der Bart und die Brille. 
Foto: Peter Volz | In der Anfangsphase ähnelten sich Arzt und Marionette frisurmäßig sehr stark, jetzt sind es mehr der Bart und die Brille. 
Hausspruch am Wohnhaus: Wenn dieses Haus solange steht, bis aller Schmerz und Gram vergeht, so bleibt fürwahr es solang steh’n, bis daß die Welt wird untergeh’n. 
Foto: Peter Volz | Hausspruch am Wohnhaus: Wenn dieses Haus solange steht, bis aller Schmerz und Gram vergeht, so bleibt fürwahr es solang steh’n, bis daß die Welt wird untergeh’n. 
Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Schweinfurt und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Weitere Artikel
Themen & Autoren
Grettstadt
Peter Volz
Apotheken
Arzthelfer
Ehefrauen
Gebäude
Hausärzte
Krankenhäuser und Kliniken
Pflegeheime
Radsport
Volleyball
Ärzte
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!