Schweinfurt

Hin zum Wasserstoff: Landkreis will Modellregion werden

Viel verspricht sich der Landkreis Schweinfurt davon, die Produktion des Energieträgers Wasserstoff anzukurbeln. Was das mit einem Boom für Sonnenstrom zu tun hat.
Wasserstoff statt Benzin im Tank: Der Landkreis Schweinfurt will Modellregion für den Energieträger Wasserstoff werden und bewirbt sich um ein Programm der Bundesregierung (Symbolbild). Ziel ist eine möglichst flächendeckende Nutzung.
Foto: Bernd Wüstneck/dpa | Wasserstoff statt Benzin im Tank: Der Landkreis Schweinfurt will Modellregion für den Energieträger Wasserstoff werden und bewirbt sich um ein Programm der Bundesregierung (Symbolbild).

Überschüssigen Strom aus Erneuerbaren Energien nutzen, um Wasserstoff zu produzieren, der wiederum Busse und Lastwagen antreiben oder bedarfsgerecht wieder zu Strom verarbeitet werden kann. Das ist die Vision des Landkreises Schweinfurt. Deren Verwirklichung ist zwar offen und der Weg im Erfolgsfall womöglich lang, doch der Umweltausschuss des Schweinfurter Kreistags machte nun den ersten Schritt: Der Landkreis bewirbt sich für das Programm HyExperts der Bundesregierung, das dazu beitragen soll, der Ressource Wasserstoff als Energiequelle zum Durchbruch zu verhelfen. Sollte der Landkreis ausgewählt werden, erhält er ein Budget von 400 000 Euro, um ein Konzept für die praktische Nutzung von Wasserstoff aufzustellen und umzusetzen.  Und wäre dann "Wasserstoffregion".

Boom für Photovoltaikanlagen

Die Ausgangslage erläuterte Thomas Benz aus der Abteilung Regionalentwicklung. Bereits jetzt werde im Landkreis mehr Strom erzeugt als dort benötigt wird. Durch die Abschaffung des sogenannten Photovoltaik-Deckels explodiere geradezu die Zahl der Bauanträge für Freiflächenanlagen. Um 500 Prozent. Um diesen zusätzlichen Strom künftig verteilen zu können, müssten die Netze weiter ausgebaut werden. Ein Nebeneffekt: Das Netzentgelt, das die Stromabnehmer bezahlen müssen, würde deutlich steigern. Viel lieber aber wolle man in die Erzeugung von Wasserstoff investieren, erläuterte Benz.

So könnten an Umspannwerken Elektrolyseanlagen gebaut werden, in denen der Wasserstoff hergestellt und gespeichert werden könnte. Er stünde dann zur Verfügung, um Busse und Lkw zu betanken. Erste Signale aus der Wirtschaft für eine Umrüstung der Flotten auf Wasserstoff sind demnach schon im Landratsamt eingegangen. Immerhin gebe es 62 Logistik-Unternehmen im Kreis. Und die Gemeinde Werneck interessiere sich für den Bau einer Wasserstofftankstelle. Weitere Verwendungsmöglichkeit: aus Wasserstoff wieder Strom herstellen, wenn wegen der Wetterlage Wind- und Sonnenkraftanlagen nicht genug liefern können. Auch Benz ist klar, dass dafür dann auch die nötige Infrastruktur geschaffen werden müsse. Als Partner stehe der Stromversorger ÜZ Mainfranken aus Lülsfeld bereit.

Professor: Beitrag gegen den Klimawandel

Unterstützung holte sich der Landkreis bei Professor Dr. Markus Brautsch von der Technischen Hochschule Amberg-Weiden, der schon bei Aufbau einer Elektrolyse-Anlage in Haßfurt beteiligt war. Die Schweinfurter Region habe Vorteile, weil sie eine Stromerzeugungsregion sei und einen Netzknotenpunkt darstelle. Problematisch allerdings: Die erzeugte Strommenge schwankt sehr stark und kann oft nicht komplett in Stromspeicher aufgenommen werden. Deswegen sei es sinnvoll, elektrische Energie in chemische Energie umzuwandeln, um sie woanders für Wärmeerzeugung oder Mobilität verwenden zu können.

Das nächste Jahrzehnt sei ausschlaggebend, ob der Mensch den Klimawandel noch beeinflussen kann oder nicht, meint Bautsch. Er machte aber auch deutlich, dass eine wirtschaftliche Bewertung notwendig sei, denn in der Anfangsphase werde diese Energiegewinnung "sehr, sehr teuer". Das werde sich aber ändern, ist sich der Wissenschaftler sicher. Der Zeitplan, falls der Landkreis den Zuschlag für HyExperts erhält: Bis 2022 soll eine Machbarkeitsstudie entstehen, danach die technische Umsetzung beginnen. 2025 könnte die erste Ausbaustufe in Betrieb gehen. Bautsch könnte sich vorstellen, dass 2030 Wasserstoffbusse im Nahverkehr eingesetzt werden.

Euphorie und Kritik aus der Politik

Weitgehend auf Wohlwollen, fast gar Euphorie stieß das Projekt bei den Vertretern im Umweltausschuss. "Endlich was Innovatives", freute sich Frank Bauer (CSU), warnte aber davor, landwirtschaftliche Flächen mit "Photovoltaikanlagen zuzupflastern". Benz und Brautsch wandten sich gegen den Eindruck, wahllos Anlagen bauen zu wollen. Der Strom soll aus Überschüssen abgeschöpft werden, die von den jetzt entstehenden Anlagen kommen. Die Gemeinden hätten es selbst in der Hand, wie hoch die Quote von Stromerzeugungsanlagen in ihrer Flur sein soll. Auch die Vertreter von Freien Wählern, SPD, FDP und Grünen äußerten sich positiv über das Vorhaben und stimmten allesamt zu.

Bernd Schuhmann (AfD) sprach von einem "gezielten Wahnsinn", riesige Anlagen zu bauen, um den Überschuss "in Wasserstoff zu pressen". Busse mit Wasserstoffantrieb seien 30 bis 40 Prozent teurer als welche mit Dieselmotoren. Schuhmann wies den Einwand von Daniel Stark (FDP) zurück, man könne nicht fünf Schritte zurückgehen und sich "in die Höhle" zurückziehen. Die AfD sei nicht rückwärts gewandt, sondern habe in ihrem Programm Ansätze, die nicht in den Kreistagsfraktionen vorherrschend seien, sagte Schuhmann.

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