Mellrichstadt

Im Zauberreich der Pappnasen

Komisches Gespann: Holzapfel und Sauerbier (Renatus Scheibe und Reinhard Bock) kommen so lächerlich daher wie die Detektive Schulze und Schultze in Hergés Tim-und-Struppi-Comics.
Foto: Foto-Ed | Komisches Gespann: Holzapfel und Sauerbier (Renatus Scheibe und Reinhard Bock) kommen so lächerlich daher wie die Detektive Schulze und Schultze in Hergés Tim-und-Struppi-Comics.

Welch Wunder! Sätze vor 400 Jahren geschrieben und eine Geschichte, angesiedelt in ferner Zeit und in fernen Gefilden. Und trotzdem so nah am Heute. Nicht am politischen Geschehen, nicht an aktuellen Ereignissen, sondern so nah am Leben hinter den wundersamen Fassaden, mit denen Menschen das ewige Rumoren von Kopf, Bauch und Seele zu verbergen suchen. Das Rumoren, das entsteht, wenn das fundamentale Bedürfnis nach Liebe und Geliebtwerden mit aller Macht nach außen drängt.

Egal, wo man Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“ spielen lässt – auf dem Mond oder in schönster italienischer Landschaft –, wenn die Komödie mit charakterstarken Typen besetzt ist, trifft sie uns mitten ins Gemüt und wir müssen selbst dort lachen, wo man angesichts der versammelten Pappnasen eigentlich weinen sollte.

Regisseur Tobias Rott setzt die Geschichte mit Hilfe der Bühnenbildnerin Susanne Füller im Meininger Theater in einen abstrakten, heckenbestandenen, fast leeren Raum. Wo sonst, wenn nicht hinter Buchsbaumbüschen, könnte man sich besser verstecken, tarnen, lauschen und beginnen, Intrigen zu spinnen? Nur manchmal wehen ein paar zumeist weiße Vorhänge in der Bühnenluft, um uns zu zeigen, wie transparent die Ereignisse sind, deren Zeugen wir, die im Verborgenen sitzenden Voyeure, gleich werden.

Und schon trifft – nach Ende einer erfolgreichen Schlacht – unter Führung des ehrenwerten Don Pedro (Sven Zinkan) ein verwegener Trupp von Männern am Hofe Leonatos (Hans-Joachim Rodewald) ein und versucht mühsam, sich zu zivilisieren, der Etikette anzupassen und in friedvollere Rollen zu schlüpfen. Trotzdem ist die Gesellschaft am Hofe nichts weiter als ein kunterbunter Haufen klatschender, tratschender, selbstverliebter Fatzkes, von der Kostümbildnerin Jessica Karge in feinste, sich selbst entblößende Maskerade gesteckt.

Die einen treten zuerst martialisch auf, dann geckenhaft geblümt/verblümt. Die anderen tragen vornehmsten Zwirn und das immer wieder gern gesehene Beamtengespann Holzapfel und Sauerbier (Renatus Scheibe und Reinhard Bock) schließlich kommt so lächerlich daher wie die Detektive Schulze und Schultze in Hergés Tim-und-Struppi-Comics.

Jeder verbirgt auf seine Weise damit das, was unter der Maske rumort: Die Angst, aus der gewohnten oder erwarteten Rolle zu fallen, hinter der sich eine unstillbare Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung verbirgt. Eine Sehnsucht, die bestenfalls ahnt, wie man mit Liebesgefühlen leibhaftig umgehen sollte. Tobias Rott setzt die Charaktere wunderbar ins Szene und lässt sie parlieren, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Natürlich gibt es – neben Holzapfels vertrackten Welterklärungsversuchen – wahre Höhenflüge an Konversation, besonders zwischen den vermeintlichen Liebesverächtern Benedick (Vivian Frey) und Beatrice (Evelyn Fuchs). Und obwohl der gelernte Schauspieler Rott in Zivil und mit dem Skript in der Hand für die erkrankte Evelyn Fuchs einspringen muss, erleben wir ganz besonders amüsante Szenen, weil Rott nach acht Wochen Probenarbeit jede seiner Regieanweisungen für die Rolle mimisch im Schlaf beherrscht, inklusive der Kunst des Zungenkusses.

Herrlich unerfahren kommt Hagen Bähr als schwerst verliebter jugendlicher Kriegsheld Claudio daher, der unbeholfen um Meret Engelhardt taumelt, seine wortkarge, aber umso mehr auratisch präsente Traumfrau Hero. Noch ahnt er nicht, wie leicht er in die Fänge eines Intrigantengespanns gerät, das Heros hehren Ruf in den Schmutz zieht: der eiskalte Schönling Don John (Ingo Brosch), der souverän schmierige Borachio (Björn Boresch) und der allzeit servile Konrad (Phillip Henry Brehl).

Dank heftiger Rhythmen aus der nahen Vergangenheit (das „Y.M.C.A“ der Village People, der Broadwayhit „Feeling Good“ oder Queens „The Show Must Go On“), dank heftiger Rhythmen, einer schwebenden und glitzernden Discoqueen (Axel Carle) und verrückt-entrückter Choreografien geraten die höfischen Feierlichkeiten zu wahren Perlen der Persiflage auf eine haarsträubend veräußerlichte Gesellschaft, die der unseren so fremd nicht ist.

Auch wenn bei nahezu zweidreiviertel Stunden Spielzeit Längen nicht ausbleiben, wird die eigensinnige Erscheinung des Shakespeareschen Geistes, die mit ungeheurer Leichtigkeit zu uns herüberweht, den Zuschauern lange in Erinnerung bleiben. Einige kontrollieren gleich, nachdem es im Saal wieder hell geworden ist, ob sie nicht etwa selbst in geblümter Maskerade erschienen sind.

Nächste Vorstellungen: 8. und 22. Februar, jeweils 19 Uhr, 6. März, 19.30 Uhr. Kartentelefon (0 36 93) 45 12 22 oder 45 11 37. www.das-meininger-theater.de

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