Geldersheim

Lamm Moritz hält am Marktplatz Wache

Unter dem Weihnachtsbaum in Geldersheim sitzt in diesem Jahr ein präpariertes Schäfchen. Eines mit einer Vorgeschichte.
Ein bisschen Schaf gab es doch, Weihnachten 2020: Lamm Moritz sitzt auf dem Geldersheimer Marktplatz.
Foto: Uwe Eichler | Ein bisschen Schaf gab es doch, Weihnachten 2020: Lamm Moritz sitzt auf dem Geldersheimer Marktplatz.

"Ist das echt?" Die erstaunten Blicke der Passanten gelten dem Schäfchen unterm Weihnachtsbaum, beim Spaziergang zu "Heilig Drei König", ein Festtag, der in diesem Jahr ohne den Umzug von Kaspar, Melchior, Balthasar stattfindet. Das braun-weiße Lamm auf dem Marktplatz heißt Moritz – und ist damit zufällig benannt nach dem "Mohrenheiligen" Mauritius, Legionär aus Ägypten und Schutzheiliger der Kämpfer.

Ob es "echt" ist, scheint Ansichtssache: Moritz  hat wirklich mal gelebt, in der Biegenbachgemeinde. Winfried Huppmann hat ihn unter den Tannenbaum gestellt, der wiederum die Privatspende eines weiteren Geldersheimers ist. Der "Kirchweihschaffer", also Kirchweihschäfer, will mit der ungewöhnlichen Aktion ein Zeichen setzen: 27 Jahre lang sei er bei der Kirchweih mit dem Hammeltanz dabei gewesen, 13 Jahre mit der "Lebenden Krippe", beim Adventlichen Gadenfest. Beides ist 2020 coronabedingt ausgefallen. Auch die alljährliche Krippe im Untertor ist im letzten Jahr nicht zustande gekommen.

Das Bewusstsein, dass Leben und Tod, Menschenwelt und die Härten der Natur letzten Endes zusammengehören, ist in der Coronazeit präsenter als sonst. Winfried Huppmann will das mit dem präparierten Schäfchen positiv verstanden wissen.  Moritz war ein Nachkomme von Kirchweihschaf Lissy, das vor fünf Jahren hochbetagt gestorben ist. Im März 2011 hatte sie drei Lämmer geboren: "Das kleinste davon war der Moritz, aber sie hatte nicht genug Milch für ihn. Wir haben ihn mit Babymilch gefüttert. Aber er wollte noch mehr, legte sich ins Grüne und verzehrte am liebsten nur Gänseblümchen." Drei Monate lang habe Moritz Frühling, Blümchen und Liebe genossen, dann sei er friedlich eingeschlafen.

Präparator hat ihn für die Nachwelt erhalten

Ein Präparator aus Schnackenwerth hat ihn für die Nachwelt erhalten, als Zeichen für Überlebenswillen und Lebenszufriedenheit, auch in scheinbar aussichtsloser Lage: "Moritz war klein und hilflos, hat aber das beste daraus gemacht", sagt Ex-Hobbyschäfer Huppmann. "Eine gute Sache" findet eine Passantin und ist damit nicht allein. Mit Abstand kommen die Menschen ein bisschen ins Gespräch, am Marktplatz. Ruhiger als sonst habe das Jahr begonnen, heißt es. Dass Silvester nicht so wild geböllert worden ist, das sei schon in Ordnung.

Der Heimatverein warb auf seiner Internet-Seite um Verständnis für ein Jahr ohne Schaf, mit angepasstem Kirchweihlied: "Heut wär Kerwa, morgn wär Kerwa. Und die ganza Wocha. Weil mer halt die Seuche ham, bleib mer aufm Sofa."

Der Termin für die Kerwa 2021 steht bereits fest: 19. bis 22. November. Das weiterhin amtierende Hammelkönigspaar Ida Bartenstein und Oliver Brust lädt schon jetzt dazu ein. Dann wird in der Ortsmitte wieder um den Hammel getanzt und das neue Königspaar gekürt.

Das Brauchtum geht auf mittelalterliche Symbolik zurück. Onolzheim nahe dem tauberfränkischen Crailsheim soll den ältesten nachgewiesenen Hammeltanz haben. 1476 bat die Grundherrin den Würzburger Bischof Rudolf von Scherenberg um die Einrichtung einer Pfarrei und stiftete den Dörflern einen Wollträger, also ein Schaf. In Geldersheim war es Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim, der 1764 die Tradition der späten November-Kerwa begründet hat. 1990 wurde der dazugehörige Hammeltanz wiederbelebt.  

Apropos: Es gibt auch noch eine lebende Lissy-Nachkommin,  Fränzi, die heute bei einem Schäfer in Thüringen lebt. "Schafe können 17 bis 20 Jahre alt werden", sagt Winfried Huppmann.

2011 war Lissy, die Mutter von Moritz, noch bei der Kerwa mit Hammeltanz dabei. Rechts Ex-Hobbyschäfer Winfried Huppmann.
Foto: Uwe Eichler | 2011 war Lissy, die Mutter von Moritz, noch bei der Kerwa mit Hammeltanz dabei. Rechts Ex-Hobbyschäfer Winfried Huppmann.
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