Schweinfurt

Mies van der Rohes Collagen im Museum Georg Schäfer

Lichtdurchflutet und offen: So hätte das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt nach den Plänen von Mies van der Rohe ausgesehen. Es wurde aber nicht in Schweinfurt, sondern 1968 in Berlin als Neue Nationalgalerie realisiert.
Foto: Anand Anders | Lichtdurchflutet und offen: So hätte das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt nach den Plänen von Mies van der Rohe ausgesehen.

Hört man den Namen Ludwig Mies van der Rohe, denkt man an Häuser. An hohe, sehr hohe Häuser. Und an die Neue Nationalgalerie in Berlin. Doch Mies van der Rohe war nicht nur neben Gropius und Le Corbusier architektonischer Vorreiter der Moderne, er war auch ein künstlerischer Visionär. Das sieht man an seinen Collagen aus den Beständen des Museums of Modern Art in New York City, die Mittelpunkt einer wunderbaren Sonderausstellung vom 26. Februar bis 28. Mai im Schweinfurter Museum Georg Schäfer (MGS)sind.

Nachlass im MoMA

Van der Rohe wurde 1886 in Aachen geboren und starb 1969 in Chicago. In seinem Nachlass, den das Museum of Modern Art in New York bekam, finden sich auch die nun in Schweinfurt zum ersten Mal zu sehenden 50, meist großformatigen, Collagen. In Kooperation mit dem Ludwig Forum Aachen und dem MoMA entstand die Ausstellung, die von Oktober bis Mitte Februar in van der Rohes Geburtsort zu sehen war und nun nach Schweinfurt kommt. Danach wird man diese Zusammenstellung wohl auf Jahre hinaus nicht mehr geboten bekommen.

Entwürfe für Schweinfurt

Warum Schweinfurt? Zum einen, weil MGS-Museumsdirektor Wolf Eiermann in seiner Stuttgarter Zeit im Rahmen der Oskar-Schlemmer-Ausstellung schon gute Kontakte zum MoMA hatte. Zum anderen und vor allem, weil Schweinfurt und van der Rohe und insbesondere das Museum Georg Schäfer eine direkte Beziehung zueinander haben. Das Gebäude, das wir heute als Neue Nationalgalerie in der Hauptstadt kennen und schätzen, wäre in dieser Form beinahe in der Wälzlagerstadt am Main entstanden. Van der Rohes Enkel, Dirk Lohan, war der Schwiegersohn des Industriellen und Kunstsammlers Georg Schäfer. So kam 1960 die Anfrage Schäfers an van der Rohe, der da seit langem in den USA lebte, Entwürfe für ein Kunstmuseum in Schweinfurt zu fertigen. Es scheiterte am Ende an den Kosten, der Entwurf, ursprünglich für die Firma Bacardi als Firmengebäude auf Kuba gedacht, wurde schließlich 1968 in Berlin verwirklicht.

„Wir wollen die Aufbruchstimmung der Moderne aus den 1920er Jahren für den Besucher erlebbar machen.“

In Schweinfurt zu sehen sind nicht nur Collagen zu dem Bau, auch die Originalpläne werden gezeigt und eine überraschend wieder aufgetauchte Präsentationsmappe. Die Ausstellung ist weit mehr als eine reine Darstellung der architektonischen Leistung van der Rohes. Sie ist ein „ästhetischer Drahtseilakt“, wie Wolf Eiermann zugibt. Der ihm und seinem Team aber vollauf gelingt. Ganz bewusst wird durch die Ausstellungskonzeption und die Schaffung von neuen Blickachsen der Fokus auf den künstlerischen Wert dieser Werke gelegt. Die älteste Collage ist aus dem Jahr 1910, die letzte von 1965.

Architektur-Visionen

Schon bevor es den Dadaismus gab, hatte Mies van der Rohe das Medium der Collage für sich entdeckt. Und zwar als Vermittler seiner architektonischen Visionen, völlig frei von allen Zwängen. Mies van der Rohe geht dabei viel weiter als die Dadaisten. Er verwendet verschiedene Materialien, schafft neue Formen, nutzt Kunstwerke von Künstlern wie Paul Klee oder Wassily Kandinsky, die er kannte und deren Bilder er sammelte und baut sie in seine Collagen ein.

Es ist eine faszinierende Zeitreise durch die Gedankenwelt eines Genies, der diese Collagen auch wohl nie seinen Auftraggebern zeigte, sondern privat für sich schuf.

In jedem Bild gibt es etwas zu entdecken, das einen alles neu denken lässt. Der Kandinsky oder der Klee werden einfach um 180 Grad gedreht, Lehmbrucks „Stehende weibliche Figur“ von 1910 findet sich in einem Entwurf zum Museum Georg Schäfer. In der Collage zur Chicago Convention Hall von 1954 sieht man das riesige und doch sehr kleinteilige Dach, darunter eine Marmor-Wand, auf der eine Stoff-Flagge der USA aufgeklebt ist – auf dem Kopf stehend. Darunter hat van der Rohe eine Fotografie einer Wahlveranstaltung von US-Präsident Dwight Eisenhower 1952, auf der die Menschen „I like Ike“-Schilder in die Luft halten. Eigentlich will van der Rohe nur seinen Entwurf der Halle verdeutlichen, geschaffen hat er ein zeitloses Kunstwerk, das einen in seinen Bann zieht.

Wolf Eiermann weist darauf hin, dass die gezeigten Collagen weit über bloße architektonische Entwürfe hinausgehen. Vielmehr spielten sie „völlig frei, ohne den Zwang architektonischer Funktionalität, mit visionären Raumkonstellationen“. Besonders gelungen ist die Idee, die von Mies van der Rohe in seinen Collagen, vor allem denen, die er im Alter schuf, zitierten Kunstwerke ebenfalls zu zeigen. Die Werke von Kandinsky, Klee oder Lehmbruck im Umfeld der Collagen, in denen sie zu sehen sind, sind eine Offenbarung.

Wunderbare Lichtstimmung

Ganz besonders gelungen hierbei ist der Raum mit dem von Museumsarchitekt Volker Staab – er baute das heutige Museum Georg Schäfer zwischen 1998 und 2000 – im ersten Stock eingebauten großen Fenster mit wunderbarem Blick auf die Maxbrücke und den Main. An die Wand hat Eiermann eine Collage des MGS gehängt, auf der die große Lehmbruck-Statue zu sehen ist. Und in den Raum stellte er die Statue. Dazu eine wunderbare Lichtstimmung durch das Fenster, das zum Glück nicht wie vom MoMA zunächst gewünscht, abgehängt wurde.

Gerade dieses Spiel der gezeigten Werke mit dem Gebäude und der Kontrast dieser Ausstellung moderner Kunst mit den Bestandswerken in einem der wichtigsten deutschen Museen für Kunst des 19. Jahrhunderts ist reizvoll. „Unser Ziel ist, die Aufbruchstimmung der Moderne aus den 1920er Jahren für den heutigen Besucher sinnlich erlebbar zu machen“, betont Eiermann.

Natürlich spielt da auch der überaus ganzheitliche Anspruch der Bauhaus-Architekten – van der Rohe leitete es von 1930 bis 1933 – eine große Rolle. Dass es sich um eine Kunstausstellung und nicht eine Architekturausstellung handelt, muss man eigentlich nicht extra betonen. Hilfreich ist es dennoch, denn die Collagen sind explizite Zeugen einer Vision, einer vollkommen irrealen Welt, die darlegt, wie der Architekt in seinem Innersten über seine Entwürfe dachte.

Interessant ist, dass van der Rohe bei aller Verspieltheit in seinen Collagen seine künstlerischen Leitlinien der klaren Form und Funktionalität, der frei tragenden Dächer und offenen Raumkompositionen nie verrät.

Diese Ausstellung ist ein Meilenstein in der Geschichte des Museums Georg Schäfer.

Bis 28. Mai zu sehen

Die Ausstellung „Mies van der Rohe - Die Collagen aus dem Museum of Modern Art, New York“ ist vom 26. Februar bis 28. Mai im Museum Georg Schäfer zu sehen. Öffnungszeiten Dienstag bis-Sonntag 10–17, Donnerstag bis 21 Uhr.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation (264 Seiten, überwiegend farbig Illustriert), die erstmalig die Collagen und Fotomontagen von Ludwig Mies van der Rohe monografisch behandelt.

www.museumgeorgschaefer.de

Mit dem deutschen Pavillon bei der Weltausstellung 1929 in Barcelona wurde Mies van der Rohe berühmt, damals entwickelte er auch die Barcelona Chairs.
Foto: Anand Anders | Mit dem deutschen Pavillon bei der Weltausstellung 1929 in Barcelona wurde Mies van der Rohe berühmt, damals entwickelte er auch die Barcelona Chairs.
Wolf Eiermann zeigt eine Collage zum Stuttgarter Bahnhof.
Foto: Anand Anders | Wolf Eiermann zeigt eine Collage zum Stuttgarter Bahnhof.
Lehmbruck-Statue im Vordergrund, Collage zum Museum Georg Schäfer im Hintergrund – Mies van der Rohe baute gerne auch moderne Kunst in seine Collagen ein.
Foto: Anand Anders | Lehmbruck-Statue im Vordergrund, Collage zum Museum Georg Schäfer im Hintergrund – Mies van der Rohe baute gerne auch moderne Kunst in seine Collagen ein.
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