Schweinfurt

Millionenzocker Müller rollt sein Leben auf

Vom Jetset-Liebling und Schwarzgeld-Boten hat sich Josef Müller zu einem gläubigen Menschen gewandelt. Darüber sprach er gestenreich und wortgewaltig bei den „Christen im Beruf“ in der vollen Schweinfurter Rathausdiele.
Foto: Andreas Schuller | Vom Jetset-Liebling und Schwarzgeld-Boten hat sich Josef Müller zu einem gläubigen Menschen gewandelt. Darüber sprach er gestenreich und wortgewaltig bei den „Christen im Beruf“ in der vollen ...

Der querschnittgelähmte Ex-Finanzjongleur Josef Müller, alias Leon Dean, ist schon in zahlreichen TV-Talkshows herumgereicht worden und war auf hunderten Bühnen zu Gast.

Am Freitagabend hatten die Veranstalter „Christen im Beruf“ (Schweinfurter Chapter) den „ziemlich besten Schurken“ Josef Müller als Redner in die Rathausdiele geladen, wo er von seinem Damaskuserlebnis im Gefängnis und aus seinem abenteuerlichen, filmreifen Leben als Mafia-Geldbote und Millionenzocker der Schickeria erzählen sollte. Josef Müller selbst bedient geschickt alle Medienkanäle – wer im Netz nach ihm sucht, wird rasch fündig.

Rathausdiele bis zum letzten Stuhl besetzt

Als Redner scheint der 60-jährige Josef Müller ein echtes Zugpferd zu sein, so war die Rathausdiele der Stadt Schweinfurt bis an die Wände bestuhlt und besetzt, was sogar Oberbürgermeister Sebastian Remelé überraschte.

Josef Müller wird aufs Podium geschoben. Der reuige Sünder geht nicht in Sack und Asche, er weiß sich zu kleiden, trägt ein rosafarbenes Sakko, darunter einen schwarzen Rollkragenpullover, schwarze Hosen, weißblaue Mokassins – und ein Kopfmikrophon. So hatte er die Hände frei für den Rollstuhl und seine gestenreiche Performance. Es sei dies heute immerhin schon seine 296. Veranstaltung in zwei Jahren.

Immer auf der Suche nach dem Kick

Ziemlich am Anfang seines Vortrages beteuerte Josef Müller, dass „für mich das Leben immer den besonderen Kick“ habe bereithalten müssen. Wer Müller auf der Bühne erlebt, kann durchaus den Eindruck gewinnen, der einstige millionenschwere Jetsetter hole sich nun den Kick bei seinen Auftritten, so ekstatisch-empathisch legt er sich ins Zeug. Josef Müller machte mit 16 Jahren den Führerschein, mit 17 saß er nach einem Autounfall querschnittgelähmt im Rollstuhl.

Doch Josef Müller wäre nicht Josef Müller, wenn er sich davon hätte aus der Bahn werfen lassen. Er wurde Steuerberater, besaß bald mehrere Steuerkanzleien in Fürstenfeldbruck, München und Starnberg und als einer der ersten im Osten Deutschlands.

„Der hat‘s g'schafft!“, hätten die Leute gemeint. Doch das war dem gewieften Macher nicht genug, Müller wollte es wissen. „Gier frisst Hirn“, nennt er das. Er vertrieb Luxuskarossen, trat als smarter Steuer-, Vermögensberater und Bauträger in Erscheinung. Josef aus Fürstenfeldbruck mit dem Allerweltsnamen Müller wurde zum Honorarkonsul von Panama und Botschafter in Monte Carlo ernannt. Er stand auf die 80er Kult-TV-Serie „Miami Vice“, bei der es um Geld, Drogen und Frauen ging – Müllers Miami-Outfit an diesem Abend erinnerte etwas daran.

Die Münchner Schickeria schob ihm viel Geld hin

Seine Karriere bekommt Schwung, als über einen Heidelberger Freund den dubiosen „Bruce“ aus Miami kennenlernte. Der habe ihm eine Erbschaftsstory aufgetischt und so schaffte Geldbote Müller in mehreren Durchgängen insgesamt 40 Millionen Dollar im Hartschalenkoffer von den USA nach Deutschland.

Als kreativer Steuerberater warb er um das Geld von Gläubigern und versprach hohe Renditen. Besonders die Münchner Schickeria schob ihm hohe Geldbeträge bar rüber. Er ließ es krachen. „Ich wurde dekadent“, gibt er zu: Villa, Luxusautos, Yacht, Partys, Frauen, Drogen, Promikontakte, Koks und Konsumrausch – in seinem Buch „Ziemlich bester Schurke“ ist das alles nachzulesen.

In den 1990ern flog er erstmals wegen allerlei Betrügereien auf, doch die viereinhalbjährige Haftstrafe musste er als „Pflegebedürftiger“ nicht antreten. Die Geschäfte schnurrten weiter. Schließlich verspekulierte er sich und das Geld seiner Mandanten ging flöten. Für das „Finanzgenie“ wurde es plötzlich brenzlig, denn „Miami-Bruce“ entpuppte sich als Mafioso und forderte seine Dollars zurück.

„Nun hatte ich auch noch Killer am Hals.“ Müller wurde vom FBI und Bayerischen Landeskriminalamt mit Haftbefehl gejagt. Als Leon Dean entschlüpfte er mit falschem Pass den Fahndern immer wieder.

Todessehnsucht im Penthouse Miami

Im Februar 2005 blickte Josef Müller dann „mit Todessehnsucht“ vom 20. Stock eines Penthouses in Miami in die schwindelerregende Tiefe, doch eine innere Stimme oder die Stimme Gottes habe ihn vom Suizid zurückgehalten. An diesem Punkt seiner Story angelangt, setzte Josef Müller geschickt den „Cliffhanger“, um das Publikum in Spannung zu halten bis nach der Pause. Da war OB Remelé schon weg.

Josef Müller nahm seinen Erzählfaden wieder auf. Nicht einmal eine Sonderkommission von 40 Ermittlern habe ihn damals fassen können, erzählt er. Also beschloss er: „Wenn ihr mich net find's, so stell' ich mich selber.“ In Wien. „This is a Haftbefehl für Josef Müller“, wedelten die Wiener Polizisten vor Müllers Nase und wollten, als dieser im besten Oxford-Englisch zunächst noch auf seiner Identität als Leon Dean beharrte, weiterziehen. Da rief ihnen Müller hinterher: „He Buam! I' bin scho' der, den ihr suacht's.“

Fünf Jahre und vier Monate Haft

Das Landgericht München verurteilte ihn 2005 zu fünf Jahren und vier Monaten Haft. Nach seinem kometenhaften Höhenflug zum Jet-Set-Darling und Mehrfachmillionär, stürzte er wie Ikarus zu Boden und fand sich im Gefängnis München-Stadelheim wieder. Mit sich alleine in der mönchisch engen Zelle hatte Josef Müller dann wohl sein Damaskuserlebnis durch das Lesen im Neuen Testament und in einem, von seinem Vater überreichten Traktat eines katholischen Pfarrers. So habe er sich vom Saulus zum Paulus gewandelt.

Vom Podium der Rathausdiele herab erzählt er von wundersamen Heilungen, die er am eigenen Leibe erfahren habe. Josef Müller redet sich über sein Erweckungserlebnis nahe an die Ekstase, bis es ihm vor Heiserkeit fast die Sprache verschlägt. Doch das mache ihm nichts aus, sagt Müller. Er freue sich schon auf den nächsten Auftritt.

Die Vereinigung Christen im Beruf (CiB)

Die Christen im Beruf sind der deutschsprachige Zweig der 1953 von Demos Shakarian gegründeten „Full Gospel Business Men's Fellowship International“ (FGBMFI). Sie ist nach Aussage der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der evangelikal-charismatischen Bewegung bzw. der Pfingstbewegung zuzurechnen. Ihnen gelte die Bibel als von Gott inspiriert und unfehlbar. Die Fellowship selbst bezeichnet sich als weltweit größte Geschäftsleute-Vereinigung, die das Evangelium in der Geschäftswelt verkünden will. Organisiert ist sie in 150 Ländern und mit 7000 Ortsgruppen, den so genannten Chapter.

In Deutschland hieß die Vereinigung zunächst „Geschäftsleute des vollen Evangeliums“ und nannte sich 2001 in Christen im Beruf um. Auf der deutschen Internetseite sind 32 Chapter aufgelistet, davon zwei aus Unterfranken.

Das Schweinfurter Chapter wird vertreten von Dieter Zimmermann und trifft sich üblicherweise im „Brauhaus am Markt“. Für die Sonderveranstaltung mit Josef Müller überließ die Stadt den CiB die Rathausdiele kostenlos, wie Zimmermann sagte. Die meisten Besucher dürften sich untereinander kennen. Auf die Frage nach dem Premierenbesuch gingen nur wenige Hände in die Höhe. Als Geschenk gab es ein Buch des Gründers Demos Shakarian.

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