Niederwerrn

Mitbürger aus 52 Nationen

Der junge Deutschkubaner Carlos zeigt's: Hier wird Salsa Cubano getanzt.
Foto: Uwe Eichler | Der junge Deutschkubaner Carlos zeigt's: Hier wird Salsa Cubano getanzt.

„Ist das ein Sixpack?“, fragt ein kleiner Besucher staunend, als der durchtrainierte kubanische Tänzer über die Bühne wirbelt. Salsa, Rumba und Zumba halten offenkundig schlank.

Die rassigen Rhythmen des „Son Cubano“, des „kubanischen Traums“ waren ein Höhepunkt des „Fests der Nationen“, mit Profitänzer Alberto, Ehefrau Carmen Rosa, Trainerin und Schwester Ana-Selena, Mutter Cornelia und den Enkelkindern Emilia, Enrico sowie Carlos Rafael: Die ganze (jederzeit buchbare) Familie Pau Orta ist auf den Beinen, um den Besuchern lateinamerikanische Lebensfreude nahezubringen.

Zuwanderung schon seit Jahren

Ansonsten ging es nicht um politisch verordnetes „Multikulti“, als die Gemeinde zum ersten „Fest der Nationen“ an die Hugo-von-Trimberg-Schule eingeladen hat, auf den „Roten Platz“. Sondern um die Würdigung der Tatsache, dass die Gemeinde nicht nur Asylbewerber offenherzig empfängt. Sondern dass an der Wern oft schon seit Jahrzehnten Zuwanderer leben, und sich bestens integrieren.

Johnny Kwesi Annan im Duett mit Jon Raphael.
Foto: Uwe Eichler | Johnny Kwesi Annan im Duett mit Jon Raphael.

Mittlerweile beherbergt die Stadtrandgemeinde Menschen aus 52 Nationen. Immerhin 27 Prozent der 194 Staaten weltweit, inklusive Vatikan, rechnet Bürgermeisterin Bettina Bärmann vor: „Ein jeder ist geprägt von seinen eigenen Erfahrungen, Sitten und Gebräuchen.“ Knapp 500 von 8000 Einwohnern haben somit Migrationshintergrund: „Bis auf Australien sind alle Kontinente vertreten.“

16 Nationen an Ständen vertreten

„An Äußerlichkeiten lässt sich die Zugehörigkeit zu einer Nation kaum noch feststellen“, verweist Bärmann auf den Bundespräsidenten. Spontaner Applaus unter den zahlreichen Zuhörern, als Bärmann den Orientalisten Rückert zitiert: „Wir müssen versuchen, das Schönste zu suchen, was uns verbindet.“

Insgesamt 16 Nationen sind an Ständen vertreten - darunter auch ein Gegenbesuch aus der französischen Partnergemeinde Ifs, mit normannischer Tracht und reichlich Delikatessen. „Vielfalt statt Einfalt“, lautet der Slogan der Landtagsabgeordneten Kathi Petersen (SPD).

„Niederwerrn hat sich in den vergangenen Monaten als sehr weltoffene Gemeinde erwiesen“, sagt auch Landrat Florian Töpper, mit Blick auf die „integrierende“ Europaschule im Hintergrund. Daniela Demar, die das Wern-Café als Begegnungsort leitet, sagt es mit ihrem T-Shirt: „Everyone smiles in the same language“, „Jeder Mensch lächelt in derselben Sprache.“

Mehr Farbe ins Leben: kubanische Rhythmen.
Foto: Uwe Eichler | Mehr Farbe ins Leben: kubanische Rhythmen.

Initiiert wurde das Begegnungsfest von der CSU. Bauhof und Gemeindemitarbeiter haben einiges auf die Beine gestellt. Horst Kranz und Bianca Eggert vom Organisationsteam moderieren das Programm.

Syrien schickt einen eigenen Buffet-Koch ins Rennen, Kuba die Familie Pau, Portugal hat die lusitanienbegeisterte Familie Beerstecher zu bieten, Sri Lanka den Verein „Lanka Hope“: Vorstandsmitglied Ingrid Hehn ist im Sari kaum von den „Morgenländern“ um sie herum zu unterscheiden. Kurden und Türken sind ebenso vertreten wie Italien, Peru und Uganda.

Kulinarische Köstlichkeiten

Die VCP-Pfadfinder rund um Christa und Eginhard Müller sowie der Evangelische Frauenverein präsentieren Brasilien: Herkunftsland von Pfarrer Euclesio Rambo. Außerdem kulinarische Köstlichkeiten wie Kürbis-Kokosnuss-Dessert, Beijinhos („kleine Küsse“ aus Kokostrüffeln) oder Brigadeiro-Pralinen.

Vereinte Nationen in Niederwerrn: Johnny Kwesi Annan, Neffe des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan, mit Yousra Osman aus Syrien, die an Glasknochen leidet, Schwester Sarah sowie Musiker Jon Raphael.
Foto: Uwe Eichler | Vereinte Nationen in Niederwerrn: Johnny Kwesi Annan, Neffe des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan, mit Yousra Osman aus Syrien, die an Glasknochen leidet, Schwester Sarah sowie Musiker Jon Raphael.

Gerade bei den Pfadfindern des Stamms „Eyrich von Münster“ haben Kinder aus Asylbewerber-Familien eine Heimat gefunden: Darunter die kurdischen Mädchen Sarah, Asraa und Yousra Osman: letztere sind durch ihre Glasknochenkrankheit auf den Rollstuhl angewiesen.

Die Familie Osman sucht händeringend eine barrierefreie Wohnung. Von den deutsch-arabischen „Pfadis“ gibt es brasilianische Klänge auf der Bühne.

Franken ist durch das Jugendorchester der Niederwerrner Musikanten vertreten, ebenso wie durch Ansgar Mauder am Akkordeon. Es gibt amerikanischen Square Dance, HipHop, japanische Karate des SVO und zwischendurch ein heftiges Gewitter.

Alle helfen mit, das Nötigste in die Turnhalle zu schaffen, wo die vereinten Nationen Zuflucht finden: Dazu erklingt passenderweise afrikanischer Gospel-Reggae von Johnny Kwesi Annan, ein Neffe des einstigen UN-Generalsekretärs Kofi Annan.

Der gebürtige Ghanese lebt seit vielen Jahren in Schweinfurt. Später tritt der Mitarbeiter eines Expressversands noch mit Jon Raphael auf: ein Meister der rumänischen Panflöte, der seine Kunst bei einem Moldawier gelernt hat. Kinder tanzen einen türkischen Volkstanz, junge Syrer greifen zu Kistentrommel, Gitarre und Oud, der arabischen Laute.

Unwetter unterbricht das Fest

Am frühen Abend soll eigentlich noch eine Band spielen. Stattdessen zieht erneut ein Unwetter auf, die zahlreichen Besucher räumen den Platz, im prasselnden Wolkenbruch. Nur die Kubaner nehmen den „Hurricanausläufer“ über ihrem Stand mit karibischer Gelassenheit, tragen ihre Palmen gemächlich zum Anhänger, verhüllen das Gemälde eines Ami-Oldtimers und trinken zwischendurch Mojito oder Cuba Libre. „Solche Sachen gehören zum Leben“, findet Jorge Pau Orta, Barkeeper, Eventmanager, Wahlniederwerrner und Mitarbeiter in der Sprachtherapiepraxis seiner Frau.

Der Diplomfinanzwirt aus Havanna lebt seit 1978 in Deutschland und hält das Fest für ein gelungenes Signal: „Man muss offen sein für alles.“ Auch bei der Integration, die Einwanderern nicht nur Rechte bringe, sondern ebenso Pflichten.

Umgekehrt könnten aber auch Einheimische viel lernen. Zum Beispiel, sich mal zu entspannen, das Leben zu genießen. Selbst wenn alles dunkel wird: „Immer das Licht am Ende des Tunnels sehen“.

 
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