Schweinfurt

Qualitätsjournalismus ist wichtiger denn je

Christian Nürnberger und Petra Gerster gaben Einblicke in die Welt der Meinungsmaschinerie.
Foto: Martina Müller | Christian Nürnberger und Petra Gerster gaben Einblicke in die Welt der Meinungsmaschinerie.

Eindringlich appellierte Petra Gerster an die Zuhörer in der voll besetzten Rathausdiele, im nächsten Jahr zur Europawahl zu gehen. Es gelte desinformativen Tendenzen wie etwa denen eines Steve Bannon oder Vladimir Putin entgegenzuwirken und einen drohenden Rechtsruck in Europa zu verhindern.

Mit dem lateinischen Sprichwort „sapere aude“ (wage es, weise zu sein) verknüpfte die Heute-Moderatorin lächelnd ihren Aufruf, ZDF zu schauen, da man mit dem „Ersten“ zwar ganz gut, mit dem „Zweiten“ aber noch viel besser sehe. Damit schlug Gerster den Bogen zu dem, was in dem wechselweise von ihr und ihrem Ehemann, dem Publizisten Christian Nürnberger, präsentierten Vortrag zum Thema Medien immer wieder durchkam: Jeder einzelne solle aktiv um Information aus unterschiedlichsten Quellen bemüht sein, sie auf der Basis eigener Lebenserfahrung reflektieren und auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen.

Meinungsmaschine auf den Spuren der Propaganda

Nürnberger und Gerster haben gemeinsam ein Buch veröffentlicht. In „Die Meinungsmaschine“ begeben sie sich auf die Spuren von Propaganda, Massenmedien, Sozialen Medien, legen Zusammenhänge von Kommerz und Quote, Kontrolle und politischer Einflussnahme bloß. Auf Einladung der Stadtbücherei Schweinfurt führten sie dem Publikum nicht nur deutlich vor Augen, wie sehr sich die Entwicklung der Kommunikation seit dem Beginn der buchgeprägten Kultur vor 500 Jahren verändert hat, sondern auch, wie die Digitalisierung sich heute des kompletten Lebens bemächtigt.

Zeitalter von Microsoft, Galaxis von Facebook

„Die Welt wird umgepflügt“, Kaskaden von Veränderungen führen ins Zeitalter von Microsoft, in eine Welt, in der Algorithmen leicht beeinflussbare Zielgruppen erstellen; sie führen in die Galaxis von Facebook, in der interessenbezogene „Käfighaltung“ betrieben wird, Fake News und gezielte Desinformation die Meinungsbildung beeinflussen. Der Erfolg eines Donald Trump, so erläutern Gerster und Nürnberger, wäre in der analogen Welt nicht möglich gewesen. Datenkauf und Klickanalysen, Filterblasen und Kontaktsperren erzielten Polarisierung bis hin zur Bildung von Mobs. Gezielter Kauf von Wählergruppen fände sich auch im Instrumentarium bekannter deutscher Politiker.

Sind wir auf dem Weg in eine Desinformationsgesellschaft, fragen die Autoren. Wenn der Qualitätsjournalismus stürbe, werde als nächstes die Demokratie zugrunde gehen. Gerster und Nürnberger bringen konkrete politische Einflussnahme auf das Fernsehen zur Sprache (Scheibenwischer-Affäre), die in Deutschland der Vergangenheit angehört, seit das Bundesverfassungsgericht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Staatsferne verordnet hat.

Verlass auf seriöse Medien

Auf seriöse Medienprodukte sei heute Verlass, Falschmeldungen kämen so gut wie nicht vor, schließlich ginge es angesichts von Konkurrenz und gegenseitiger Beobachtung um guten Ruf, Glaubwürdigkeit und letztendlich ums Geschäft. Doch was ist wichtig im Umgang mit den Medien?

Es ist ein Zehn-Punkte-Programm, das Gerster und Nürnberger der Gesellschaft verordnen. Darin geht es nicht nur ums Bewusstmachen, dass Medien kein Abbild der Wirklichkeit sind, oder dass, bei aller Objektivität von Berichterstattung, immer Werturteile einfließen. Es geht auch darum, eine Vielfalt an Information anzustreben und die Freiheit der unabhängigen Presse zu bewahren. Medien seien durchaus ein Machtfaktor, so die beiden Medienprofis, denn Berichte haben Folgen, man denke nur an die Verwandtenaffäre oder die Aufdeckung der Vorgänge um Bischof Tebartz-van Elst.

Nicht nur durch den Sachgehalt ihres hochinteressanten Vortrags gelang es Gerster und Nürnberger, die Zuhörer zu fesseln; zahlreiche Beispiele führten deutlich vor Augen, dass jeder einzelne Bürger den eigenen Umgang mit Medien kritisch überprüfen sollte.

Petra Gerster, Christian Nürnberger:

Die Meinungsmaschine. Wie Informationen gemacht werden - und wem wir noch glauben können

ISBN: 9783453280472

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