Schweinfurt

Renate Eckerts abgründiger Krimi

„Späte Liebe“ lautet der Titel des Kurzkrimis von Renate Eckert in der Krimianthologie „Tatort Unterfranken. Neun Kurzkrimis“.
Foto: Johanna Bonengel | „Späte Liebe“ lautet der Titel des Kurzkrimis von Renate Eckert in der Krimianthologie „Tatort Unterfranken. Neun Kurzkrimis“.

Coronatrübsal und Lesen haben zusammengefunden. Viele Menschen haben das „freiwillige“ Lesen wiederentdeckt. Die Tage sind lang, gleichförmig und für viele stressgeladen. Ablenkende Akzente, weg von Homeschooling und Homeoffice, sind selten. Beim Lesen kann man entspannen.

Zu den literarischen Lieblingsgenres der Deutschen zählt der Kriminalroman. Man surft gern auf einer Achterbahn der Gefühle oder testet die Grenzen zu den Abgründen des Bösen. Auf der Couch liegend genießt die Leserin, der Leser ein bisschen Voyeurismus, ein bisschen Eskapismus, ein bisschen Mord und Totschlag und liest mit wachsender Neugierde, was hinter der Fassade eines jeden Menschen stecken kann. Ein guter Krimi muss sich echt anfühlen. Deshalb sind die Regionalkrimis besonders beliebt.

Ein Krimiband aus dem Verlag „ars vivendi“ zeigt das. „Tatort Unterfranken. Neun Kurzkrimis“, erschienen 2020, nimmt die Lesefreunde mit auf eine Tatortreise nach Würzburg, Kitzingen, Miltenberg, Rothenfels, Volkach, Schweinfurt, Bad Kissingen, Aschaffenburg und Haßfurt. Neun renommierte Autorinnen und Autoren sind in Unterfranken auf verblüffend unterschiedliche Art und Weise „dem Verbrechen auf der Spur und vereinen in ihren Frankenkrimis regionalen Charme, unterfränkische Lebensart und atemlose Spannung aufs Vergnüglichste“. So beschreibt der Verlag seine Neuerscheinung.

Die geneigte Leserin erkennt das Gasthaus, den malerischen Platz, die große Skulptur. Dort war jeder schon mal. Da ist zum Beispiel Tommie Goerz in dem Kurzkrimi „Mein Opa“, eine spannende und berührende Familiengeschichte. Eine Begegnung in Lohr mit der umstrittenen Schneewittchen-Skulptur des Künstlers Peter Wittstadt ist eingebettet. Die Leserin freut sich über das Urteil des Ich-Erzählers: „Eine so kraftvolle, lebensbejahende und auch humorvolle Statue“. Das Kopfkino arbeitet beim Lesen. Man spürt sofort, irgendetwas stimmt in dieser unterfränkischen Idylle nicht.

Und so geht auch Renate Eckert in ihrem Kurzkrimi „Späte Liebe“ vor. Die Leser kennen sich aus auf dem Schweinfurter Marktplatz, in der Spitalstraße oder in dem Altenheim, dem Handlungsort des Krimis. Es gelingt Eckert, eine spannungsgeladene, atmosphärisch dichte Handlung aufzubauen und die Gedanken- und Gefühlswelt der Figuren zum Leben zu erwecken. Solche Menschen kennt jeder, genauso wie die Straßen und Plätze und Häuser. Die Autorin führt raffiniert in die abgründige Welt, die in der immer lieben und netten Altenpflegerin Alma – sie ist die Hauptfigur – verborgen ist. Man spürt beim Lesen sofort, dass etwas nicht mit ihr stimmt und dass der Titel „Späte Liebe“ auf eine falsche Spur führt. An einem einzigen Bild und mit wenigen kargen Worten wird die Verunsicherung dieser Frau spürbar: „Irgendwo in der Schublade fand sie einen Lippenstift und trug ihn auf. Sie verschmierte die weiche Masse und wischte sie wieder ab.“ Nicht mal ein Lippenstift kann Lebenstrost geben.

Renate Eckert entwickelt in einer tollen Spannungskurve, was Trauer und Verlust aus einem Menschen machen können, wie und warum Fassaden zusammenbrechen, warum Schreckliches passiert. Spannung und unheile Welt. Damit erobert Eckert ihre Lesefreunde.

Eckert ist die einzige waschechte Unterfränkin in der Runde der neun Krimiautorinnen und -autoren. Sie ist in Stadtlauringen aufgewachsen, und dort zu Hause. Ihre berufliche Biografie führte sie von der Auslandskorrespondentin über journalistische Tätigkeiten zur Pressesprecherin im Landratsamt Schweinfurt. Sprache war und ist ihre Leidenschaft. Die Liebe zum Schreiben teilt sie mit den anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern in der Schweinfurter Autorengruppe SAG, in die sie sich engagiert einbringt. Mit vier Kriminalromanen hat sich Renate Eckert einen festen Platz in der Literaturszene erobert. Allesamt höchst spannende und unterhaltsame Pageturner!

Tatort Unterfranken. Neun Kurzkrimis. Verlag ars vivendi. Cadolzburg 2020. 192 Seiten. 13 Euro

Das Cover der neuen Krimianthologie „Tatort Unterfranken.“
Foto: JB | Das Cover der neuen Krimianthologie „Tatort Unterfranken.“
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