Alitzheim

Schutz der Natur als Herzensanliegen

Der Rote Herbstkalvill, den Erich Rößner auf einer seiner Streuobstwiesen präsentiert, ist eine sehr alte und seltene Apfelsorte. Die Besonderheit: Wenn der Apfel reif ist, dann klappert er, wenn man ihn leicht schüttelt.
Foto: Hannes Helferich | Der Rote Herbstkalvill, den Erich Rößner auf einer seiner Streuobstwiesen präsentiert, ist eine sehr alte und seltene Apfelsorte.

Die Eltern betrieben in Alitzheim (Landkreis Schweinfurt) eine Landwirtschaft und Erich, der älteste der drei Rößner-Söhne, genoss die Freiheiten auf dem Land. Die Streifzüge mit gleichaltrigen Dorfjungs durch die noch weitgehend intakte Natur vergleicht der heute 66-Jährige mit den Abenteuern von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, den von Mark Twain erfundenen literarischen Figuren.

Schon damals aber, Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre, sei es mit dem „Raubbau an der Natur“ losgegangen. Der Flurbereinigung fielen 1000 Obstbäume im „damals noch riesigen Streuobstbestand im Westen des Dorfes“ zum Opfer, nennt der Mann, der sich seit fast fünf Jahrzehnten dem Schutz der Natur widmet, ein gravierendes Beispiel. Und mit den Bäumen verschwand der Wiedehopf, verschwanden die Maikäfer. Alitzheim sei einst Storchendorf gewesen. Jedes Jahr kamen sie, die Störche. Der Anteil der Wiesen ging aber zurück, um Ackerflächen zu schaffen. Gleichzeitig wurde der Autobahnzubringer quer durch die Gemarkung gebaut. Deshalb sind seit 1972 die Störche aus Alitzheim verschwunden. Inzwischen auch der Kiebitz.

„Das geht bis heute schleichend weiter“, sagt Rößner. Er habe „sehr früh wahrgenommen, dass das Auto ein Feind ist“, sagt Rößner. Aus diesem Grund besitzt er auch keinen Auto-Führerschein. Rößner fährt mit dem Fahrrad, überall hin.

Auf Empfehlung des Dorfpfarrers schicken die Eltern Erich aufs Internat, ins Kilianeum in Würzburg. Nach dem Abitur mit Vorliebe für Biologie und Kunst ist klar: Der Beruf muss naturnah sein. Vielleicht Förster? Er entscheidet sich fürs Studium der Landespflege in Freising-Weihenstephan und das hat viel mit dem Hofgarten in Würzburg zu tun, seinem täglichen Schulweg. Die Mischung von Kunst und Natur „hat mich geprägt“, sagt er.

Prägen sollten ihn Persönlichkeiten aus Weihenstephan und Dr. Georg Sperber vom Bayerischen Staatsforst. Den lernt Rößner bei einem Praktikum kennen. Sperber hatte 1972 die Leitung des Forstamts Ebrach (Landkreis Bamberg) übernommen. Er stellte die Kahlschlagwirtschaft ein, stoppte die „Vernadelung“ und arbeitete nach den Grundsätzen naturnaher Waldwirtschaft. „Das war für mich sehr beeindruckend und die Voraussetzung dafür, dass wir heute für einen Buchennationalpark im Steigerwald streiten können“, sagt Rößner.

1979 endet die Studienzeit. Der Diplom-Ingenieur für Landespflege arbeitet aber zunächst in der elterlichen Landwirtschaft mit. Eine Erkrankung des Vaters ändert die Pläne. Bis 1989 betreibt Rößner nun den Hof, den er 1994 komplett übernimmt. Rößner arbeitet zwar auch konventionell, aber gemäßigt, wie er sagt. Er nimmt Teilflächen der acht Hektar aus der intensiven Nutzung, reserviert zehn Prozent für die Ökologie. Ein Acker wird in extensives Grünland umgewandelt und es entstehen zwei kleine Streuobstwiesen.

Dass Rößner anders ist, wissen und sehen die Dorfbewohner. Der Bart, die langen Haare, kein Führerschein, fast immer mit dem Fahrrad unterwegs. Akzeptiert wird der freundliche Kauz dennoch, was ein wenig mit seinen Torjägerqualitäten bei der DJK Alitzheim zu tun hat. „Sonst wäre es vielleicht schwieriger gewesen“, lacht Rößner.

Neben seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit kümmert er sich auch weiterhin ehrenamtlich um den Schutz der Natur. Das ist ihm ein Herzensanliegen. Seit 1977 engagiert er sich beim Bund Naturschutz. Seit 1992 sitzt er der Ortsgruppe Gerolzhofen vor. Bei der Volkshochschule Schweinfurt bietet er seit 1980 Kurse an, Übungen zur Pflanzenbestimmung, „auch, um das Gelernte nicht zu vergessen“, bemerkt er schmunzelnd.

Er hilft bei der Gründung eines VHS-Naturgartens in einer Kleingartenanlage in Schweinfurt, um zu zeigen, dass „man einen Garten auch anders gestalten kann“. Die Umgebung ist im Gegensatz zu den Familien, die mitmachen, eher wenig begeistert. Auf diesem Weg lernt er Fritz Roßteuscher, den Bürgermeister von Schwebheim, kennen und schätzen. Der Naturfreund will, dass in Schwebheim „keine Pflanzen- oder Tierart mehr ausstirbt“. Roßteuscher hat die Ökoflurbereinigung vorbereitet und vor allem immer die Leute mitgenommen, mitmachen lassen. „Man schützt nur, was man kennt.“ Das war sein Erfolgsgeheimnis.

Rößner ist einer der Pioniere als Naturschutzwächter im Landkreis. Seit 1986 ist er dabei, kümmert sich ehrenamtlich (30 Stunden im Monat, kleine Aufwandsentschädigung) in aktuell 30 Schutzgebieten darum, dass die Menschen sich an die Regeln halten. Der Hörnauer Wald, mit 150 Hektar größtes Waldnaturschutzgebiet im Landkreis, der Spitalgrund im Steigerwald, die Herlheimer Wiesen oder die Gipshügel bei Sulzheim gehören dazu. Wichtig sind ihm und Landrat Florian Töpper, zuvorderst aufzuklären. Bei einer Verfehlung belässt er es deshalb eher bei einer Ermahnung. Nur bei eklatanten Verstößen wird angezeigt, als Beispiele für solch „heftige Erlebnisse“ nennt er das Ausgraben von Märzenbechern (sie stehen auf der Roten Liste) oder den Autofahrer, der auf einer geschützten Wiese herumgekurvt ist. Rößner ist auch Pomologe (Obstbaumkundler), bei der Bestimmung der Obstsorten viel gefragt und beim „Öpfelfest“ der Streuobstinitiative Schonungen-Hausen aktiv. Er bietet regelmäßig ehrenamtlich Baumschnittkurse an, oft in Zusammenarbeit mit Gartenbauvereinen oder via Bund Naturschutz. Sein Rat ist auch bei der Aufstellung von Pflanzplänen für Grünflächen in der Gemeinde Sulzheim gefragt.

Warum macht er das alles? „Weil ich auch im Vertrauen auf die Natur schon immer Hoffnung hatte und habe“, sagt er. Ja, es müsse angesichts des sichtbaren Klimawandels ein radikaleres Umdenken geben. Wenn das nicht geschehe, „wird uns das von der Natur aufgezwungen. Wie hilflos wir dann möglicherweise sind, das sieht man an der Corona-Pandemie“.

Rößner wurde 2011 der in diesem Jahr erstmals vom Bayerischen Umweltministerium vergebene Titel „Grüner Engel“ zuerkannt. Unbedingt gebraucht hätte er die Auszeichnung nicht. „Es gab schon einen blauen Engel, man hätte das auch anders machen können.“

Der ungebrochene Verlust an Landschaft für immer neue Gewerbegebiete, für Straßen, das treibt ihn um. Als ein Beispiel für seiner Meinung nach absolut sinnlose Naturzerstörung nennt er den Ausbau der B 286. Hunderte Bäume hätten weichen müssen, eine Betonmauer ist nun stattdessen Lärmschutz, die Engstelle nur Richtung Gerolzhofen verschoben. Rößner hofft, dass es eines Tages einen Nationalpark Steigerwald gibt, dass die Steigerwaldbahn reaktiviert wird. „Wenn der Klimawandel nicht gestoppt wird, wird das Opfer kosten“, sagt Rößner. Weiterhin engagieren will er sich dennoch. Die Hoffnung hat er, wie gesagt, noch nicht verloren.

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