Schweinfurt

Unverständnis bei den Tätowierern für bayerischen Sonderweg

Die Tattoo-Studios müssen im Freistaat weiter geschlossen bleiben. Im Rest Deutschlands darf dagegen wieder "gestochen" werden.
Daniel Gosinski – ein Tätowierer mit Leib und Seele. Wenn er derzeit seiner Leidenschaft nachgehen möchte, müsste er das Bundesland dafür verlassen.
Foto: Steffen Krapf | Daniel Gosinski – ein Tätowierer mit Leib und Seele. Wenn er derzeit seiner Leidenschaft nachgehen möchte, müsste er das Bundesland dafür verlassen.

Am Montagvormittag standen Daniel Gosinski und Marc Bata in ihren Tattoo-Studios in der Schweinfurter Innenstadt. Allerdings war aus Gosinkis "Inkwell Tattoo Club" am Fischerrain und Batas "White Lightning Tattoo Gallery" in der Bauerngasse nicht das typische Surren der Tattoo-Maschinen zu hören. Beide konnten nur das tun, was sie seit Monaten tun: Kundentermine verschieben. Dabei bestand in der letzten Woche berechtigte Hoffnung, dass die Studios wieder öffnen dürfen.

Nach dem der Bund-Länder-Gipfel verkündet hatte, dass "körpernahe Dienstleistungen" ihre Arbeit wieder aufnehmen dürfen, konnten sich Tätowierer dem allgemeinen Verständnis nach eigentlich eingeschlossen fühlen. In 15 deutschen Bundesländern trat das auch ein. In 14 Ländern darf seit Montag wieder Farbe unter die Haut der Kundschaft gestochen werden. Thüringen zieht in der nächsten Woche nach. Nur Bayern geht einen Sonderweg.

Die 12. Infektionsschutzmaßnahmenverordnung des Freistaats untersagt weiterhin "Dienstleistungen, bei denen eine körperliche Nähe zum Kunden unabdingbar ist", mit Ausnahme von Dienstleistungen "im hygienisch oder pflegerisch erforderlichen Umfang." Tattoo-Studios, Massagepraxen, Piercingstudios, Solarien etwa müssen demnach geschlossen bleiben. Nagelstudios, Fuß- und Handpflegepraxen dürfen wieder öffnen – Friseure ohnehin seit einer Woche bereits.

Auf Verständnis stößt der bayerische Sonderweg bei den Tätowierern freilich nicht. "Es macht keinen Sinn", findet Gosinski. Der 45-Jährige kam einst als Kriegssanitäter der US-Army nach Schweinfurt. Seit zwölf Jahren betreibt er sein Studio in der Innenstadt. Er war vergangene Woche bereits misstrauisch. "Bayern ist immer etwas außergewöhnlich", sagt er mit etwas Galgenhumor. Er wäre allerdings startklar gewesen. Eigentlich ist er das immer.

Höchste Hygienestandards sind oberstes Gebot

Die offiziellen Tattoo-Shops waren auch schon vor Pandemiezeiten Orte, an denen höchste Hygienestandards oberstes Gebot waren. Für sterile Arbeitsplätze ist stets gesorgt, der nahe Kontakt zum Kunden ist zwar gegeben, allerdings kommen zu einem Tätowierer in der Regel nur zwei Kunden am Tag. An vielen anderen Orten, die geöffnet sein dürfen, begegnen sich viel mehr Menschen, das Risiko ist andernorts demnach viel höher, findet Gosinski.

"Wir sind Familienväter und -mütter mit anständigen Läden, die alle Anforderungen der heutigen Zeit erfüllen", erklärt Marc Bata. Von der IHK, in der sein Unternehmen Mitglied ist, bekam er letzte Woche noch die Aussicht, dass es weitergehen kann. Am Freitag um 23.30 Uhr dann die Absage. "Die Branche ist komplett stillgelegt." "Click and Collect", "Click and Meet" oder Online-Shopping – all das kann rund ums Tätowieren nicht stattfindet, erklärt er. "Aber unsere Ausgaben bleiben die gleichen."

Seit dem Ausbruch der Pandemie vor einem Jahr mussten die Tattoo-Studios sieben Monate geschlossen bleiben – seit November durchgehend bis heute. "Es geht um Existenzen", sagt Bata, der sein Tattoo-Studio in Schweinfurt seit über zehn Jahren betreibt. Soforthilfen vom Staat, für die er dankbar ist und die er problemlos erhielt, können Studio-Inhaber wie er zwar in Anspruch nehmen, "aber was wir wollen ist Arbeit und nicht Hilfe", beklagt er. Eine wirkliche Lobby hat seine Branche nicht, die zwar in zwei Verbänden organisiert ist, deren Arbeit sich aber hauptsächlich auf Öffentlichkeitsarbeit beschränkt. "Wir sind nicht die IG-Metall", sagt er und beweist ebenfalls Galgenhumor.

Und wie soll es weitergehen? "Hoffnung ist kein Konzept", findet Bata: "Und Irrsinn ist keine Politik sondern ein Zustand." Eine Öffnung gekoppelt an der Inzidenzzahl etwa, würde er auch als "Schwachsinn" erachten. "Eine Woche auf und dann wieder zumachen, würde nichts bringen."

Die Tätowierer wirken machtlos nach dem neuerlichen Rückschlag. Beide Schweinfurter Tätowierer berichten allerdings dankbar vom großen Rückhalt der meisten ihrer Kunden. Gosinski hofft darauf, spätestens Ostern wieder für ein lautes Surren aus seinem Laden am Fischerrain sorgen zu dürfen. "Ich vermisse es sehr. Es ist meine Leidenschaft. Ich kann mir kein Leben ohne tätowieren vorstellen."

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