Schweinfurt

Wenn der FH-Mitarbeiter im Wohnzimmer fürs Studium wirbt

Über 900 Studenten in Schweinfurt kommen aus dem Ausland. Etwa ein Viertel studiert auf Deutsch an der FHWS. Wie bekommt die Hochschule die Studenten nach Schweinfurt?
Wenn der FH-Mitarbeiter im Wohnzimmer fürs Studium wirbt

Sie kommen aus Fidschi, Malaysia, Mauritius oder Russland. Sie studieren an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Sie ziehen für ihr Studium nach Schweinfurt. Was reizt Studenten an der 55 000-Einwohner-Stadt in Unterfranken? Wie wirbt die FH diese Studenten an?

2014 starten die ersten internationalen Vollzeitstudenten an der Hochschule. Vier Prozent studieren damals in englischsprachigen Studiengängen. Heute sind es mehr als zwölf Prozent. Insgesamt kommen 927 Studenten aus dem Ausland, fast ein Drittel aller Studenten in Schweinfurt. Der Unterschied zum FH-Standort in Würzburg ist deutlich: dort machen die internationalen Studenten etwa 14 Prozent aus.

Daniel Wimmer leitet den Hochschulservice Internationales an der FH in Schweinfurt. Gerade hat er noch einem jungen Amerikaner mit seiner Mutter, die extra nach Deutschland geflogen sind, die Hochschule gezeigt. Wimmer sagt, die Hochschule brauche Studenten aus dem Ausland. "Die Jahrgänge mit Studenten aus Unterfranken werden immer kleiner. In München mag es diesen Wandel nicht geben, in Schweinfurt gibt es ihn." Wirtschaft und Industrie seien auf junge Absolventen angewiesen, umliegende Bundesländer wie Hessen oder Thüringen könnten den Bedarf nicht decken. An der Hochschule könnten die Studenten auf Englisch in den Bachelor einsteigen, parallel Deutsch lernen und nach dem Abschluss in drei Sprachen arbeiten.

"Akquisepartner Nummer eins sind Mama und Papa"
Senol Arslan, Regionalmanager für die Türkei und Nordamerika

Um internationale Studenten nach Schweinfurt zu holen, bemüht sich der Hochschulservice Internationales um Kooperationen in anderen Ländern; weltweit soll es die geben. "Wir wollen keinen türkischen Campus, wir wollen keinen russischen Campus, wir wollen einen internationalen Campus", sagt Wimmer. Über 300 Partnerhochschulen in 70 Ländern verzeichnet er aktuell.

In einem Großteil dieser Länder wirbt die FH persönlich um Studenten, präsentiert sich auf Messen, besucht Schulen. Für viele Regionen arbeiten sogenannte Regionalmanager beim Hochschulservice Internationales. Sie sollen ein länderspezifisches Marketing umsetzen. Senol Arslan ist einer von ihnen. Er kümmert sich um die Türkei und Nordamerika. In der Türkei arbeitet er mit zehn Partnerschulen zusammen. Das meiste läuft über direkten Kontakt – zu den Eltern. "Akquisepartner Nummer eins sind Mama und Papa", sagt Arslan. "Wenn die überzeugt sind, dann kannst du das Kind überzeugen."

Besorgte Eltern aus der Türkei

Wenn der FH-Mitarbeiter im Wohnzimmer fürs Studium wirbt
Foto: Grafik Jutta Glöckner

Viele Eltern schreiben Arslan schon an, wenn sie erfahren, dass der Berater an die Schule ihrer Kinder kommt. Nach der Präsentation sprechen sie zwei Stunden mit ihm, "aber das genügt ihnen nicht", sagt Arslan. Sie warten in der Hotellobby auf ihn, haben Fragen und Sorgen, laden ihn nach Hause ein. In Wohnzimmern türkischer Familien erzählt er vom Studium in Deutschland, muss den Eltern die Ängste nehmen. "Für die Eltern ist es wichtig, zu wissen: Dein Kind wird nicht auf die Nase fallen, wie viele andere auch nicht", sagt Arslan. Einladungen nach Hause seien "mit Vorsicht zu genießen, man wird schnell vereinnahmt – aber es funktioniert nicht anders". Hochschulen für angewandte Wissenschaften wie die in Schweinfurt gebe es nur in Deutschland, die Eltern kennen das Konzept nicht. Viele von ihnen begleiten ihre Kinder zum Studienbeginn, richten das Zimmer ein, kochen die erste Mahlzeit. "Bei den Studenten aus Amerika ist das anders. Die kommen allein mit einem Rucksack", sagt Arslan.

Auch die Akquise in Amerika unterscheidet sich von der in der Türkei. In Lateinamerika ist der zuständige Regionalmanager auf Messen unterwegs. In den USA geht viel über soziale Medien und Studienberater. Die Hochschule kooperiert mit Community Colleges, an denen das Studium günstiger ist als an Universitäten. Viele Partnerschulen liegen in Regionen mit Niederlassungen deutscher Firmen. "Das hat uns Türen geöffnet", sagt Wimmer. "Viele internationale Studenten unterschätzen aber den Kulturschock."

Auch in den USA wird um Studenten geworben

In Amerika laufe die Akquise gerade erst an, sagt Anna-Lena Karsten. Sie ist Global Marketing Manager, also für die weltweite Akquise zuständig. Mit ihrem Namen könne die FH nicht überzeugen, sondern mit "Schnelligkeit und Zuverlässigkeit". Die Hochschule betreue ab dem Interesse an einem Studienplatz bis zu den ersten Wochen in Schweinfurt, mit Exkursionen nach Berlin und München. Daran nehmen auch deutsche Studenten teil.

Eine der internationalen Studenten ist Maria Fe Lavado. Sie studiert Wirtschaftsingenieurwesen auf Deutsch im ersten Semester. Ursprünglich kommt sie aus Arequipa in Peru. Dort besuchte sie eine deutsche Schule. Über ein Studium in Deutschland dachte die 19-Jährige nicht nach, bis sie einen Austausch machte. Auf einer Messe erfuhr sie von der FHWS und dem Studiengang in Schweinfurt.

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Das Studium fällt ihr anfangs schwer, das Leben in Deutschland auch. "Ich war allein und mein Englisch ist nicht so gut", sagt Lavado. Sie wohnt in einer Einzimmerwohnung im Wohnheim der AWO. Mittlerweile geht sie zum Hochschulsport, hat Freunde gefunden. "Hier sind die internationalen Studenten eigentlich deine Familie." Schweinfurt sei klein, gefalle ihr aber. "Es gibt nicht viel Abwechslung, aber für mich ist es gut, in einer ruhigen Stadt zu sein. Du weißt, du musst studieren." In wenigen Minuten ist sie zu Fuß an Campus 1 und 2. Nach dem Bachelor möchte sie in eine größere Stadt, Stuttgart vielleicht.

Gute Möglichkeiten durch viele Firmen 

Sérgio Mauro Ribeiro ist ebenfalls im ersten Semester. Er kommt aus Recife-Pernambuco in Brasilien und studiert Business and Engineering. Das hat er schon in seiner Heimat studiert. In Schweinfurt seien die Möglichkeiten besser, vor allem durch die vielen Firmen. Der 22-Jährige lernt Deutsch, Level A hat er abgeschlossen. Er wohnt privat in einer Wohnung in der Nähe der Stadtgalerie, die Ruhe in Schweinfurt gefällt ihm. Sie hilft beim Fokus auf das Studium. Bars vermisst er in der Stadt, Wohnheimpartys gibt es nicht. An den Wochenenden fahren die internationalen Studenten ab und zu nach Würzburg zum Feiern. Ribeiro hofft, in Schweinfurt bleiben zu können. "Hier ist alles besser als in Brasilien."

15 internationale Studenten sind in Schweinfurt gerade fertig geworden, haben ihren Studienabschluss. Ob sie an der FH bleiben? "Leider nicht", sagt Karsten. Dann müssten sie auf Deutsch studieren. Viele wechseln aber zu einer anderen Hochschule in Deutschland. Aus Sicht der Hochschule sei das oder die Arbeit für ein deutsches Unternehmen im Ausland genauso viel wert. "Sonst denken wir zu kurz", sagt Karsten."80 bis 90 Prozent der türkischen Studenten wollen nicht mehr zurück, wenn sie eine adäquate Stelle bekommen", ergänzt Arslan. "Wenn Studenten nach Aachen oder München gehen, ist das für uns ein Gütezeichen, dass wir sie so qualifiziert haben."

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