Schweinfurt

Wenn die Mähne des wilden Pferdes weht

Tai Chi-Training mit Hans-Ulrich Wolkenstein am Springbrunnen in der Wehr.
Foto: Anand Anders | Tai Chi-Training mit Hans-Ulrich Wolkenstein am Springbrunnen in der Wehr.

Mit weichen, langsamen Bewegungen verfolgen etwa 60 Frauen und Männer auf einer Wiese in den Wehranlagen, was der hochgewachsene Mann in dem roten Seidenanzug unter dem Baum ihnen vorgibt. Es ist keine gewöhnliche Gymnastik, was hier in aller Öffentlichkeit geübt wird, sondern die Kunst des Tai Chi, der alten chinesischen, meditativen Bewegungstechnik, die auch als Innere Kampfkunst gilt.

Im nassen Gras bildet die erstaunlich große Gruppe einen Halbkreis um Hans-Ulrich Wolkenstein. Der Tai Chi- und Qigong-Lehrer aus Theilheim will ihr zeigen, dass diese chinesische Körperarbeit durchaus „etwas Handfestes“ ist. „Ich möchte, dass die Menschen das selbst erleben“, meint er, also wie man fit werden könne im Alltag.

Kostenloses Training im Freien

Deshalb bietet er sein Training an fünf Abenden im Freien kostenlos an. Denn er will, wie er sagt, die Schwelle niedrig halten, auch was die Art der Übungen anbelangt. „Der Boden hier ist schon mal eine Herausforderung“, meint er zur Wiese. Die frische Luft tue gut und unter den Augen des Publikums stehe man auch unter einem gewissen Druck.

Interessierte und Neugierige, Anfänger und Fortgeschrittene, Junge und Alte, vor allem viele Frauen scharen sich um den Lehrer. „Mich hat die Bewegung interessiert“, meint eine Dame, „man kennt das ja aus dem Fernsehen, wenn ältere Leute in China beim Tai Chi gezeigt werden“. Weil sie zudem aufgrund von Vorschädigungen keinen anderen Sport treiben könne, habe sie etwas Gelenkschonendes gesucht. Von der ersten Stunde sei sie begeistert gewesen, „vor allem von der Beweglichkeit danach“.

„Man lernt immer dazu“

Mal „reinschnuppern“ wollte auch ihre Freundin, die grundsätzlich Interessen an fernöstlicher Kampfkunst im weitesten Sinne bekundet. Eine andere Frau outet sich als Tai Chi-Fortgeschrittene, „aber jeder führt's anders aus“, weiß sie. „Man lernt immer dazu“. Und ein drahtiger Mann meint, er beschäftige sich schon länger mit Bewegung, Atmung und Bewusstseinserweiterung und wolle Tai Chi einfach mal ausprobieren.

Tai Chi wird charakterisiert als die Pflege und die Arbeit mit der eigenen Lebensenergie. Sie beginnt bei der eigenen Körper- und Gefühlswahrnehmung. Auf sanfte Art und Weise wird die Stabilität und Beweglichkeit des gesamten Körpers trainiert und gleichzeitig die geistige Wachheit gefördert.

Es gibt dabei eine Unmenge von Stilen und Figuren. Lehrer Wolkenstein zeigt im Wesentlichen den 24-Yang-Stil, der aus den 1950er Jahren stammt, also nach der Kulturrevolution. Aber er will sein Training nicht unnötig kompliziert halten. Wer Tai Chi vertiefen möchte, sagt er, könne dann, bei wem auch immer, Kurse besuchen.

Grundlagen vermitteln ist wichtig

Grundlagen zu vermitteln, ist ihm wichtig. Das beginnt beim „leeren Stand“, wandert zur Gewichtsverlagerung und zum „Heben und Senken“ von Armen und Beinen bis zur Figur „Ball halten“. Seine geschmeidigen Bewegungen nachzuvollziehen, gelingt in dieser zweiten Übungsstunde schon vielen Teilnehmern.

Dabei erklärt er Prinzipien des äußeren und inneren Tai Chi-Quan. Es geht um Polarität, um Yin und Yang, um entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene Kräfte. Der Stand auf dem rechten Bein verdeutlicht das schwarze Yin, die Erde, die Substanz, die Ruhe. Das linke Bein ist das weiße Yang, die Energie, die Bewegung. Und beide stehen im ständigen Wechsel.

Die äußerliche Körperübung soll dabei mit der inneren Anwendung korrespondieren, mit dem Ziel, das Chi, die Kraft und Energie, zu sammeln und zu pflegen.

Nachdem mit der Eröffnungsfigur „das Chi geweckt ist“, wird es prosaisch: „Der Wind teilt die Mähne des wilden Pferdes“, heißt die nächste Figur. Oder „Der weiße Kranich breitet seine Flügel aus“, nennt sich eine weitere Übung. Aufmerksam und konzentriert hören die Teilnehmer auf Lehrer Wolkenstein, lassen sich nicht von den Geräuschen vorbeifahrender Autos oder des Springbrunnens aus der Ruhe bringen. Und sie trotzen dabei auch den Stechmücken, die den Tai Chi-Abend ebenso verfolgen.

Weitere Termine: Donnerstag, 12., 19. und 26. Juli, 19 Uhr, Treff am Springbrunnen.

Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Schweinfurt und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren
Schweinfurt
Theilheim
Silvia Eidel
Bewegungen
Energie
Figuren
Körper
Lehrerinnen und Lehrer
Ruhe
Stechmücken
Stile
Taijiquan
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!