Schweinfurt

Zeitforscher Jonas Geißler : 20 Minuten Schlaf erhöht die Produktivität

Jonas Geißler
Foto: Ursula Lux | Jonas Geißler

„Alles hat seine Zeit“, heißt es im Alten Testament. „Warum aber hab ich dann keine Zeit“, lautet die Frage heute.

„Die Zeit ist knapp, warum wir gefühlt weniger Zeit haben“ war der Titel eines Vortrags, zu dem das Landratsamt einlud. Wer von den 200 Besuchern allerdings einfache Rezepte zum Vermehren der eigenen Zeit erwartet hatte, wurde enttäuscht. Zeitforscher Jonas Geißler gab Anregungen, Zeitkompetenz zu entwickeln und Zeitkultur zu fördern.

Die ersten Zeitmessgeräte waren die Sonnenuhren, die maßen nur „die schönen Stunden“. Der Mensch lebte deshalb im Rhythmus der Natur, die auch seine Zeit strukturierte. Mit der Erfindung der Räderuhr änderte sich die Einstellung zur Zeit.

Während Sonnenuhren nicht verstellt werden konnten, konnte man an der Uhr durchaus drehen. Abläufe wurden jetzt geplant, die Pünktlichkeit erfunden, der Alltag durchgetaktet. Jetzt, in der digitalisierten Welt verliert die Uhr wieder an Bedeutung, dient oft nur noch als Schmuckstück. Man schaut aufs Smartphone statt auf die Armbanduhr.

Zur Beschleunigung der Zeit kam die Zeitverdichtung. Auch die Werte im Umgang mit der Zeit haben sich geändert. Statt Schnelligkeit Beweglichkeit, statt Standardisierung Flexibilisierung, aus dem Nacheinander wurde ein gleichzeitig.

Das Glaubensbekenntnis der Postmoderne las Geißler aus der Werbung einer Smartwatch: „Jeden Tag besser, ganztägig aktiv, alles zählt.“ Zweieinhalb Stunden, 88-mal am Tag, schaue der Mensch auf sein Smartphone. „Wir haben einen Ereignis- und Erlebnisüberschuss“, stellt Geißler fest, „und wir haben die Welt in Reichweite gebracht.“ Er fragt: Was ist besser, mehr Möglichkeiten oder weniger, schneller oder langsamer? Doch auch hier gebe es kein Schwarz oder Weiß, denn „dass Krankenwagen schnell sind, ist durchaus in meinem Sinn“.

Zur Zeitverknappung kommt ein psychologischer Effekt. Wer keine Zeit hat, gehört zu den Gefragten, Aktiven. Wer Zeit hat, macht sich verdächtig. Und keine Zeit haben, sei auch ein Ablenkungsinstrument. Man müsse niemandem mehr sagen, ich habe keine Lust, sondern ich habe keine Zeit. Sogar die Wirtschaft profitiere von der Zeitverdichtung. „Auszeiten“ seien ein neuer Wirtschaftszweig geworden.

Trotz verlängerter Lebenszeit und so viel Freizeit wie nie empfindet der heutige Menschen Zeit als Mangelware. „Weil wir die sogenannte freie Zeit gleich wieder füllen“, diagnostiziert Geißler. Es gehe darum, wieder ein Empfinden für den „Zeitwohlstand“ unseres Jahrhunderts zu bekommen.

Geißler rät, erst einmal die zeitliche Situation zu analysieren. Dann sollte man rhythmisch leben und arbeiten. Also arbeiten wenn man arbeitsfähig ist und nicht, weil die Uhrzeit es so vorgibt. Er empfiehlt „Nichtraucherpausen“, regelmäßig nach eineinhalb Stunden. Dazu Schlafpausen: „20 Minuten Beine hochlegen erhöht die Produktivität um 20 Prozent.“

Es gelte ein Maß für das „Genug“ zu entwickeln, statt „To-do-Listen“ lieber „Let-it-be-Listen“ anlegen. Auch Rituale seien hilfreich, empfiehlt der Zeitforscher. Er rät dazu, Zeiten für Selbstbestimmung, für Ausgleich und Wertschätzung sowie soziale Zeiten zu pflegen.

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