Schweinfurt

Zum Kupfer-Klauen vom Erzgebirge nach Grafenrheinfeld

Anfang Juni, mitten in der Nacht, rückten wohl neun Diebe mit einem Lkw an, um Kupferkabel vom Kernkraftwerksgelände zu stehlen. Sechs wurden jetzt verurteilt.
Zum Kupfer-Klauen vom Erzgebirge nach Grafenrheinfeld
Foto: Horst Breunig

Leicht haben es sich die Diebe nicht gemacht. Von Stollberg im sächsischen Erzgebirgskreis fahren sie am 4. Juni letzten Jahres mit drei Autos und einem Lastwagen Richtung Schweinfurt. Nach rund vier Stunden, etwa um 2 Uhr, erreichen sie das Kernkraftwerksgelände in Grafenrheinfeld. Ein Teil der wohl neunköpfigen Mannschaft klettert über den Zaun zu den Kabelrollen. Einer schneidet mit Spezialwerkzeug gerade noch handliche, transportfähige Stücke von den dort gelagerten Kabeltrommeln. Andere tragen diese zum Zaun und schieben sie durch die Maschen. Auf der anderen Seite warten weitere Helfer, tragen die Kabelstücke zu einer Zufahrtsstraße, wo sie auf den Lkw geladen und abtransportiert werden sollen.

Die Aktion findet zwar mitten in der Nacht statt, doch dank Videoüberwachung kriegt der Werkschutz alles mit. Als er anrückt, lassen die Diebe von ihrem ebenso Kräfte zehrenden wie illegalen Treiben ab und fliehen in alle Richtungen, einige  verstecken sich im Gebüsch. Doch die Polizei ist bereits informiert und sammelt am Ende sechs der Beteiligten im Umfeld des KKG Grafenrheinfeld ein. Seither sitzen diese in verschiedenen Haftanstalten in Untersuchungshaft.

Am ersten Montag des neuen Jahres nun müssen sie sich vor dem Schweinfurter Jugendschöffengericht wegen versuchten schweren Bandendiebstahls verantworten. Dank der Videos und Geständnisse der sechs Angeklagten ist der Sachverhalt schnell klar, nur nicht, ob es sich um einen einfachen oder – wie angeklagt – einen Bandendiebstahl handelt. Dieser erfordert eine "Bandenabrede" und den Vorsatz, sich fortgesetzt Einnahmen aus Diebstählen für eine gewisse Zeit zu verschaffen. Auf Bandendiebstahl stehen weit höhere Strafen als auf "einfachen".

Schrottwert: 23 500 Euro

Wurde der Beutewert des bereits in Stücke geschnittenen Kupferkabels zunächst auf  100 000 Euro geschätzt, so gab laut dem Polizeiermittler der Eigentümer Preußen Elektra den Wiederbeschaffungswert jüngst nur mit 43 500 Euro an und den Schrottwert, den Diebe damit erzielen könnten, mit 23 500 Euro. In Deutschland zwei Tonnen Kabelstücke absetzen zu wollen, würden auffallen, so der Polizist. Das Kupfer war demnach offenkundig für Abnehmer in Rumänien bestimmt.

Vier der Angeklagten wurden laut ihrer Aussagen in Rumänien mit dem Versprechen, in Deutschland Saisonarbeit bei der Ernte oder auf dem Bau zu bekommen, in eine Unterkunft nach Stollberg in Sachsen gelockt, hätten dort aber wochenlang keine Beschäftigung bekommen und deshalb auch kein Geld für eine Rückfahrt gehabt. Dann plötzlich sei ihnen eine "Arbeit" angeboten worden, mit der sie auf einen Schlag 300 bis 400 Euro verdienen könnten. Dass es keine legale wäre, sondern ein Diebstahl, sei ihnen kurz davor gesagt worden. Aus der Not heraus hätten sie aber dennoch mitgemacht. Sie hätten nur nach Hause gewollt, zu ihren Familien.

Zwei Jahre auf Bewährung

Die Staatsanwältin sieht, wie angeklagt, einen versuchten Bandendiebstahl als erwiesen an. Sie fordert für fünf der Angeklagten jeweils zwei Jahre und acht Monate Haft und für den sechsten Mann, der als erster ausführlich gestanden hatte, zwei Jahre und vier Monate. Sämtliche Pflichtverteidiger verweisen darauf, dass ihre Mandanten keinerlei Vorstrafen hätten und eine Bandenabrede durch nichts erwiesen sei. Vielmehr seien die Angeklagten durch das Versprechen von Saisonarbeit nach Sachsen gelockt worden, hätten aber keine bekommen und seien in finanzielle Not geraten. Sie fordern jeweils Bewährungsstrafen.

Dem folgte das Gericht. Es machte im Strafmaß keine Unterschiede. Alle sechs wurden wegen versuchten Diebstahls in einem besonders schweren Fall zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. "Alle haben eine siebenmonatige Untersuchungshaft verbüßt, das sollte ihnen eine deutliche Warnung sein", so der Vorsitzende Richter. Die Haftbefehle wurden aufgehoben. Gegen das Urteil sind Berufung oder Revision möglich.

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